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Grob gilt, dass jeder Dauerschwindel ohne Nachweis einer organischen Ursache am ehesten psychogen zu erklären ist.

Dr. Omid Hosseiny
Klinik Bad Pirawarth

 
Neurologie 26. November 2011

Psychogener Schwindel

Die Aufklärung des Patienten über mögliche psychische Ursachen von Schwindel kann bereits angstmindernde Effekte haben.

Schwindel und Kopfschmerzen sind die häufigsten Leitsymptome bei zahlreichen, insbesondere jedoch bei neurologischen Erkrankungen.

 

Vertigo bzw. Schwindel ist im medizinischen Sinne das subjektive Empfinden eines Drehgefühls oder Schwankens oder das Gefühl der drohenden Bewusstlosigkeit bzw. eine unangenehm verzerrte Wahrnehmung des umgebenden Raums oder von Bewegungen. Schwindel ist keine Krankheit, sondern ein Symptom mit vielfältigen Ursachen. Besonders mit zunehmendem Alter steigt die Häufigkeit von Schwindel an: Bei jüngeren Menschen beträgt der Anteil der von Schwindel Betroffenen etwa 17 Prozent, bei den über 65-Jährigen hingegen verspüren 30 Prozent regelmäßig Schwindelgefühle. Bei den über 80-Jährigen sind es sogar 39 Prozent.

Klassifikation des Schwindels

Der Schwindel wird in zwei Kategorien eingeteilt:

  • Systematischer Schwindel: Eigenbewegungsempfindung im Sinne eines Dreh-, Schwank-, Liftgefühls
  • Unsystematischer Schwindel: als Benommenheit und/oder Unsicherheit beschrieben: Der unsystematische Schwindel wird begleitet von Bewusstseinstrübung, visueller Desorientierung, Gang- und Standunsicherheit und hat häufig eine situative Auslösung (z.B. bei Angsterkrankungen).

Bei vielen Patienten mit Schwindelsymptomatik und Angststörungen lässt sich oft trotz weiterer vegetativer Symptomatik wie Schweißausbrüchen, Mundtrockenheit, Herzrasen oder Atemnot keine neurologische oder vestibuläre Symptomatik nachweisen.

Bei dieser Form der Schwindelsymptomatik lassen sich zwei voneinander gut differenzierte Schwindelformen unterscheiden:

  • Phobischer Attacken-Schwankschwindel ± Paniksymptome
  • Psychogene Stand- und Gangstörung

Gerade bei Menschen mit Agoraphobie steht der phobische Attacken-Schwankschwindel mit situativ verstärkter Stand- und Gangunsicherheit ohne subjektiv erlebte Angstsymptomatik im Mittelpunkt des Erlebens.

Im Unterschied zur Agoraphobie oder zu unspezifischen Panikattacken klagen die Patienten mit phobischem Attackenschwindel nicht in erster Linie über die „Angst“, sondern über den „Schwindel“, der allenfalls die schreckliche Angst ausgelöst habe. Sie fühlen sich organisch krank. Zum Schwindel führende Sinnesreize und Situationen können rasch konditioniert werden und sich generalisieren.

Charakteristika des phobischen Schwindels

  • Der Patient klagt über Schwankschwindel und subjektive Stand- und Gangunsicherheit bei unauffälligem neurologischem Status und unauffälliger vestibulärer Diagnostik.

• Anamnestisch keine Stürze, sondern einen Schwindel als eine vorübergehende Stand- und Gangunsicherheit und Fallangst.

  • Erst auf Befragen werden Angst und vegetative Missempfindungen während oder kurz nach diesen Attacken angegeben.
  • Patienten berichten auch oft von Schwindelattacken ohne Angstsymptomatik.
  • Situationsbezogene Attacken durch externe Reize (Aufzugfahren, Autobahnen, Kaufhäuser).
  • Zwanghafte Persönlichkeitszüge und eine reaktiv depressive Symptomatik.
  • Der Beginn der Erkrankung lässt sich häufig auf eine initiale vestibuläre Erkrankung (z.B. Neuritis vestibularis) oder besondere Belastungssituationen zurückverfolgen.

Bei vielen (psychogenen) Schwindelpatienten lassen sich überproportional oft Angst, Verunsicherung oder Depression nachweisen. Im Mittelpunkt stehen vor allem psychosoziale Situationen, private und berufliche Konflikte und Stressfaktoren.

Diagnose

Die Grundlage der Diagnostik ist einerseits eine gründliche Erhebung der Krankengeschichte und anderseits eine ausführliche neurologische und otologische sowie eine allgemeinmedizinische Untersuchung. Jede nicht dringend notwendige Untersuchung sollte dabei vermieden werden. Die Anamnese- sowie die Fremdanamneseerhebung ist bei Schwindelerkrankungen das wichtigste diagnostische Mittel und führt oft alleine zur Diagnose. Grob gilt, dass jeder Dauerschwindel ohne Nachweis einer organischen Ursache am ehesten psychogen zu erklären ist.

Therapie

Bei der Therapie des psychogenen Schwindels ist eine Angst entgegenwirkende Therapie und Aufklärung indiziert. Insbesondere sollte weniger das „nicht gefundene“ Pathologische betont werden, als das weiter vorhandene und funktionsfähige Gesunde. Die Aufklärung des Patienten über mögliche psychische Ursachen kann hinsichtlich der Konditionierungsvorgänge und der Reizgeneralisierung bereits angstvermindernde Effekte haben. Ziel ist, den Patienten zum Handeln und Üben zu ermutigen. Dies kann die Angst wesentlich reduzieren und meistens damit auch schon das Schwindelgefühl.

Zeigt sich der Schwindel als Ausdruck einer psychischen Grunderkrankung (beispielsweise Depression) oder einer lebensgeschichtlichen Krise, so ist eine Hinzuziehung und in der Regel eine Weiterbehandlung durch den Psychiater sinnvoll und zwingend.

 

Literatur beim Verfasser

 

Der Originalartikel ist erschienen im Magazin Psychopraxis 4/2011.

© Springer-Verlag, Wien

Von O. Hosseiny , Ärzte Woche 47 /2011

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