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Neurologie 22. November 2011

Angst vor Mobilitätsverlust

Für Patienten mit Multipler Sklerose ist die Gehbeeinträchtigung oft der herausforderndste Aspekt der Krankheit.

Multiple Sklerose ist in Mitteleuropa eine der häufigsten chronisch-entzündlichen Erkrankungen des zentralen Nervensystems bei jungen Erwachsenen. Erste Symptome treten meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf. In Österreich sind rund 12.500 Menschen von dieser Erkrankung betroffen. Im Rahmen des fünften Europäischen und Amerikanischen Kongresses für Multiple Sklerose (ECTRIMS/ACTRIMS) fasste Prof. Dr. Thomas Berger von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck, die wichtigsten Fakten zusammen.

Welche Symptome der Multiplen Sklerose zu welchem Zeitpunkt auftreten und welche Beeinträchtigungen mit welcher Ausprägung die Folge sind, ist individuell sehr unterschiedlich. Auch entscheidet die Verlaufsform über die Krankheitsprogression. So kommt es bei der schubförmig wiederkehrenden Multiplen Sklerose, auch „relapsing remitting MS“ oder kurz RRMS genannt, zu klar voneinander abgrenzbaren Schüben. Die primär progrediente MS ist hingegen von Anfang an von einer schleichenden Zunahme der Symptome geprägt. Auch hier kann die Erkrankung zwischenzeitlich stillstehen, den deutlichen Wechsel von Schüben und Remissionen gibt es bei dieser Verlaufsform aber nicht. Die sekundär progrediente MS (SPMS) geht aus der RRMS hervor. Die Häufigkeit der Schübe nimmt ab und wird durch eine kontinuierliche Zunahme der Symptome und krankheitsbedingten Ausfallserscheinungen abgelöst. Phasen, in denen die Krankheit stillsteht, können zwar vorkommen, doch die Beschwerden bilden sich dann kaum noch zurück.

„Rund 90 Prozent aller Patienten haben einen schubförmigen Verlauf, nur rund 10 Prozent leiden an einem primär progredienten Verlauf. Bei etwa 40 bis 50 Prozent der Patienten mit schubförmiger MS geht die Erkrankung ohne Behandlung nach zehn bis 15 Jahren in die sekundär progrediente Verlaufsform über. Für Patienten ohne schubförmigen Verlauf gibt es bis heute noch keine adäquate Therapie. Ebenso gibt es für jene mit SPMS ohne aufgepfropfte Schübe keine wirksame kausale Therapie“, sagte Prof. Dr. Thomas Berger, Universitätsklinik für Neurologie, Innsbruck.

Bei der schubförmigen MS soll durch Langzeit- oder Basistherapien weiteren Schüben vorgebeugt und die Progression verlangsamt werden. „Durch einen frühen Therapiebeginn können bei einen Großteil der Patienten mit schubförmiger MS mögliche Auswirkungen der Krankheit wie beispielsweise die Notwendigkeit eines Rollstuhls vermieden bzw. hinausgezögert werden. Das therapeutische Fenster liegt hier zwischen EDSS (Expanded Disability Status Scale) null und vier“, so Berger.

Stiefkind Symptombehandlung

Für 70 Prozent von bereits gehbeeinträchtigten MS-Erkrankten ist die Gehbeeinträchtigung der herausforderndste Aspekt der Krankheit. „Die Symptombehandlung wurde in der Vergangenheit oft vernachlässigt. Ab EDSS 4 leiden Patienten unter Gehproblemen, eine Verbesserung ist kaum noch möglich, der ‚point of no return’ ist erreicht. Damit sinkt auch die Lebensqualität“, so Berger. „Beeinträchtigungen beim Gehen haben nicht nur physische Konsequenzen. Wenn Patienten z. B. in der Nacht aufgrund von Gangunsicherheiten Angst haben müssen, auf die Toilette zu gehen, wirkt sich das negativ auf das Selbstwertgefühl aus. Damit verbunden treten häufig auch Depressionen auf. Patienten erreichen bei Diagnosestellung und dem Verlust der Gehfähigkeit den Gipfel der Depression.“ Daher sollte bereits frühzeitig darauf geachtet werden, die soziale Partizipation möglichst lange zu erhalten. Medikamente, die nicht nur auf die Behandlung von Einzelsymptomen wie Spastik, Ataxie oder Parese abzielten, sondern auch die Gehfähigkeit durch verbesserte Erregungsübertragung positiv beeinflussten, seien daher entscheidend.

Deutlich mehr Frauen betroffen

Unabhängig von der Diagnostik hat die Häufigkeit von MS seit den 50er Jahren deutlich zugenommen. So hat sich das Verhältnis Frauen zu Männer deutlich verändert und liegt heute bei 3:1. Der Anstieg von Autoimmunerkrankungen ist vor allem auf den veränderten Lebensstil zurückzuführen und auch auf den Unterschied zwischen dem weiblichen und männlichen Immunsystem. „Männer haben weniger Potenzial zu ‚überschießenden Reaktionen des Immunsystems’“, so Berger. Die lang vorherrschende Meinung, dass hormonelle Kontrazeption schuld am massiven Anstieg von Autoimmunerkrankungen bei Frauen sei, teilt der Mediziner nicht.

Fehlzeiten, Berufsunfähigkeit

Eine beim ECTRIMS präsentierte Online-Studie , die im Juni 2011 unter 1.246 Betroffenen durchgeführt wurde, zeigt, dass rund zwei Drittel (65 Prozent) aller Befragten mindestens zweimal pro Woche Probleme beim Gehen bzw. Bewegungseinschränkungen oder Gleichgewichtsstörungen aufweisen. Da MS meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr beginnt, trifft das zumeist berufstätige Frauen und Männer. Fehlzeiten sowie Berufsunfähigkeit sind die Folge. „Im Vergleich zu Diabetes sind von MS zwar weniger Menschen betroffen. Jedoch handelt es sich hauptsächlich um junge Erwachsene, die gerade eine Familie gegründet haben und mitten im Erwerbsleben stehen. Leider sind behindertengerechte Arbeitsplätze nach wie vor Mangelware. Viele Arbeitgeber zahlen lieber Strafe als darin zu investieren“, so Berger.

Individuell angepasste Therapie

Berger zusammenfassend: „MS ist eine individuelle Krankheit. Aufgrund der fortschreitenden Forschung und der daraus entstandenen Therapieoptionen ist es heute möglich, jedem Patienten eine passende Therapie zuzuführen und damit ein möglichst ‚normales’ Leben mit einer hohen Lebensqualität zu ermöglichen.“

 

Quelle: Presseinformation zum ECTRIMS 2011

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