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Neurologie 8. April 2009

Kommentar

Neurologie von gestern, heute und morgen.

Ich erinnere mich, dass in der Neurologie der Salpêtrière in Paris 80 Patienten im gleichen Saal lagen. Unter jedem Bett stand eine Flasche Wein. Die häufigste Erkrankung waren luetische Spätfolgen: Dutzende von Patienten mit Tabes dorsalis und progressiver Paralyse. Die Wassermann-Reaktion wurde bei jedem neurologischen Patienten gemacht. Ich habe in meiner Assistentenzeit noch Dutzende von Patienten mit akuter Poliomyelitis gesehen und als Student die ersten Wunderheilungen einer bakteriellen Meningitis durch Penicillin miterlebt. Gegen Parkinson oder die Multiple Sklerose hatten wir keine Therapien, und ein Patient mit einer Riesenzellarteritis war nicht behandelbar, da es kein Kortison gab.

Was haben wir mittlerweile für Fortschritte gemacht. So können wir heute im MRT feinste morphologische Details des Gehirnes sehen, wir weisen die Kompression eines austretenden Hirnnerven durch ein arterielles Gefäß nach, wir stellen die Einengung des N. ulnaris im Sulcus mittels der Duplex-Sonographie fest. Wir zeigen im MRT oder im SPECT die Aktivierung einzelner Hirnregionen bei gewissen Denkvorgängen und weisen im Angiogramm Gefäßanomalien nach. Wir verschreiben mit Überzeugung Medikamente für Krankheiten, die zu meiner Assistentenzeit als unheilbar galten: für die Myasthenie, für die Arteriitis cranialis, für den Parkinson, ja für die Multiple Sklerose und gar für den Alzheimer. Wunderbar!

Aber: Ist heute dies wirklich alles so wunderbar? Sind wir nicht (zumindest teilweise) in die Falle der Machbarkeit getappt? Haben wir nicht aufgrund von statistisch signifikanten Phase-3-Versuchsergebnissen uns zu bedingungsloser Therapiebereitschaft oder Therapiefreudigkeit verleiten lassen? Und hat nicht vielleicht das allzu menschliche oder ärztliche Bedürfnis, etwas bieten zu können, mitgespielt?

Neurologie heute

Etwas Weiteres macht mir in der heutigen Ausbildung des Neurologen Sorge: Ich sehe zunehmend häufig Patienten, die ein nicht von Anfang an klares Krankheitsbild haben und bei denen nicht selten keine sorgfältige Anamnese erhoben wurde. Dies aus Zeitmangel oder aus mangelnder Fertigkeit des konsultierten Arztes in der Kunst der Anamnese. Dann werden ungezielt zahlreiche der heute leicht verfügbaren technischen Untersuchungen angewendet. Ein auftauchender, von der absoluten Normalität abweichender Befund wird dann weiter verfolgt, unabhängig davon, ob er überhaupt mit dem Krankheitsbild des Patienten korreliert. Es fehlt also oft die logische Sequenz des Vorgehens, von der Anamnese zur vorläufigen Einschätzung der infrage kommenden Pathologie, zur körperlichen Untersuchung und dann erst darauf zum gezielten Einsatz geeigneter Zusatzuntersuchungen.

Wie sieht nun die Neurologie von morgen aus? Wir müssen uns auch in Zukunft um Folgendes bemühen:

• Wir dürfen nicht vergessen, dass der Patient mit einem klaren Anliegen zu uns kommt: „Was fehlt mir, was kann man dagegen tun?“

• Wir müssen unser Vorgehen so gestalten, dass dieses Ziel rasch und kostengünstig erreicht wird.

• Dies ist nur möglich, wenn wir aufgrund einer sorgfältigen Anamnese und klinischen Untersuchung gezielt unsere Zusatzuntersuchungen unter Berücksichtigung auch ökonomischer Aspekte einsetzen.

• Dazu benötigen wir unverzichtbar genügend Zeit. Vor allem vergessen wir nicht, dass jeder Patient nicht nur eine Krankheit hat, sondern auch ein einmaliges Wesen ist, das in einer einmaligen persönlichen Situation und in seiner einmaligen besonderen Umwelt lebt. Jedes Wesen hat seine Besonderheiten, sein eigenes Verhältnis zur Krankheit, sein einmaliges soziales und berufliches Umfeld. Dem allem haben wir auch Rechnung zu tragen.

• Und diejenigen unter uns, die für die Schulung und Erziehung der jüngeren Ärztegeneration zuständig sind, mögen in ihrem Wirken den soeben skizzierten Zielen dienen. Vor allem vergessen Sie bitte nicht: Die Neurologie von morgen braucht nicht nur Lehrer, sie braucht auch Vorbilder!

 

Prof. Dr. Marco Mumenthaler emeritierte 1990 als Direktor der Neurologischen Universitätsklinik Bern.

 

Der Originalartikel inklusive Literaturquellen ist nachzulesen im Kongressjournal skriptum 02/09.

© Springer-Verlag Wien 2009

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