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Chronische Schmerzpatienten werden im medizinischen Kontext häufig und immer wieder angehalten, über ihre Schmerzen zu sprechen.
 
Neurologie 6. November 2011

Schmerzwörter aktivieren schmerz- verarbeitende Hirnareale

Die Verwendung schmerzbezogener Wörter beeinflusst die schmerzbezogene Aufmerksamkeit von Patienten und so vermutlich auch ihr Schmerzerleben und den Chronifizierungsprozess.

Studien weisen darauf hin, dass Areale der neuronalen Schmerzmatrix während der Verarbeitung von schmerzbezogenen Hinweisreizen aus der Umwelt, z. B. schmerzbezogenen Bildern oder Wörtern, aktiviert werden. Die vorliegende Studie untersuchte, ob diese Aktivierungen spezifisch für die schmerzrelevante inhaltliche Bedeutung dieser Stimuli sind oder ob sie nur einen generellen Effekt negativer emotionaler Valenz oder eines erhöhten „arousal“ abbilden.

 

Hinweisreize aus der Umwelt, die an Schmerzen erinnern, sie beschreiben oder ankündigen, können vielfältige kognitive und emotionale Prozesse anregen, die eng mit der Verarbeitung noxischer Schmerzreize verknüpft sind.1, 2 Hebb3 geht in seiner Theorie assoziativer neuronaler Netzwerke davon aus, dass zwei Neurone oder Neuronenverbände immer dann miteinander assoziiert werden, wenn sie wiederholt zeitgleich aktiviert werden. Demzufolge können auch Wörter, die mit dem Erleben von Schmerzen assoziiert sind, zu einer Aktivierung verschiedener neuronaler Netzwerke des Gehirns führen, die an der Konstituierung des Schmerzerlebens beteiligt sind4,5,6,7 und schmerzähnliche Gefühle auslösen.

Insbesondere wurde die Frage gestellt, ob bei der Verarbeitung schmerzbeschreibender Wörter (z. B. „bohrend“) im Vergleich zu negativen, nicht schmerzbeschreibenden Wörtern (z. B. „stinkend“) mit vergleichbarer emotionaler Bewertung (Valenz) und vergleichbaren Erregungspotenzialen („arousal“) eine spezifische Aktivierung von Hirnregionen beobachtet werden kann, die auch bei der Verarbeitung noxischer Reize und der Konstitution eines entsprechenden Schmerzempfindens aktiviert sind.

Methode

Die Gehirnaktivierung von 16 gesunden Probanden wurde mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) während der Verarbeitung unterschiedlicher Wörter untersucht. Zwei verschiedene Aufmerksamkeitsmanipulationen wurden während der fMRT-Untersuchung verwendet: eine Imaginations- und eine Ablenkungsbedingung (Zählen der Vokale der Wörter).

Jeweils zehn Wörter aus vier semantischen Wortkategorien wurden in beiden Bedingungen präsentiert:

  • schmerzassoziierte Ausdrücke (z. B. „krampfartig“),
  • negative (z. B. „hasserfüllt“),
  • neutrale (z. B. „aschblond“) und
  • positive Adjektive (z. B. „streichelnd“).

In einer Voruntersuchung bewerteten 26 Probanden insgesamt 120 Wörter auf numerischen Ratingsskalen bezüglich Valenz, „arousal“ und Schmerzrelevanz. Positive, negative und schmerzassoziierte Wörter waren anhand dieser Vorstudie nach ihrem „arousal“ parallelisiert. Weiterhin waren negative und schmerzassoziierte Wörter hinsichtlich ihrer negativen Valenz parallelisiert.

Ergebnisse

Es konnte gezeigt werden, dass die Wahrnehmung schmerzassoziierter Wörter generell zu einer Aktivierung neuronaler Netzwerke führt, die auch bei der Verarbeitung realer Schmerzreize aktiviert sind. Signifikante Aktivierungen bei der Verarbeitung schmerzbezogener Wörter wurden im Vergleich zur Ruhebedingung besonders im primären somatosensorischen Kortex, im anterioren cingulären Kortex (ACC), im präfrontalen und parietalen Kortex sowie im Thalamus beobachtet.

Während der Imaginationsaufgabe wurde eine stärkere Aktivierung des linken dorsolateralen Präfrontalkortex (DLPFC), des inferioren Parietalkortex (IPC) und des Precuneus bei der Verarbeitung von schmerzassoziierten Wörtern im Vergleich zu allen anderen untersuchten Wortkategorien gefunden. Während der Ablenkungsaufgabe konnte eine erhöhte Aktivierung im subgenualen ACC (sACC) während der Verarbeitung von Schmerzwörtern im Vergleich zu den anderen Wortkategorien festgestellt werden.

Diskussion

Während sich die Probanden auf den Inhalt der Wörter konzentrierten, wurden bei der Verarbeitung der Schmerzwörter Regionen der kognitiven und aufmerksamkeitsbezogenen Schmerzverarbeitung stärker aktiviert, was die Ergebnisse vorangegangener Studien bestätigt.4,5

Wir konnten nun erstmals zeigen, dass die Verarbeitung von schmerzbezogenen Wörtern im Vergleich zu nicht schmerzbezogenen Wörtern mit vergleichbarem „arousal“ und vergleichbarer Valenz eine stärkere Aktivierung im DLPFC und IPC hervorruft. Diese Gehirnregionen sind mit dem Erleben von Schmerzen, insbesondere mit der Bewertung und Aufmerksamkeitsregulierung bei noxischen Reizen assoziiert. Auch bei Ablenkung konnten Aktivierungen spezifischer Hirnregionen bei der Verarbeitung von Schmerzwörtern gezeigt werden. Diese Aktivierungen im sACC sind am ehesten auf einen erhöhten Aufmerksamkeitsfokus zurückzuführen, der durch die biologisch relevante Bedrohlichkeit schmerzbezogener Reize in neuronalen Netzwerken des Aufmerksamkeitssystems induziert wird.1,8 Welche Regionen der Schmerzmatrix aktiviert werden, hängt folglich auch vom Aufmerksamkeitsfokus ab.

Zusammenfassung und Ausblick

Jeder Mensch sammelt im Laufe seines Lebens eine Vielzahl unterschiedlicher Schmerzerfahrungen. Dabei werden die tatsächlichen Schmerzerfahrungen mit internen und externen Umgebungsbedingungen, die zeitnah auftreten, in einem gemeinsamen neuronalen Netzwerk verknüpft und gespeichert.

Unsere Studie weist darauf hin, dass schmerzassoziierte Wörter nicht nur durch ihre negative emotionale Bedeutung, sondern spezifisch durch ihren Schmerzinhalt zu Aktivierungen dieses Netzwerkes führen können. Wir gehen weiterhin davon aus, dass bei chronischen Schmerzpatienten, die durch eine erhöhte Anzahl solcher schmerzassoziierten Erfahrungen charakterisiert sind, diese Verknüpfungen vielfältiger und stärker ausgeprägt sind.3

Die Hypothese, dass Schmerzwörter bei chronischen Schmerzpatienten zu stärker ausgeprägten Aktivierungen innerhalb des Schmerznetzwerkes führen, wird gegenwärtig in weiteren Studien überprüft. Auch wird der Frage nachgegangen, ob die von uns nachgewiesene Aktivierung des schmerzassoziierten Netzwerkes durch Schmerzwörter zu einer Herabsetzung der Schmerzschwelle führt (schmerzassoziiertes „priming“). Hinweise auf einen solchen Effekt ergeben sich aus vorangegangen Studien.9,10 Unklar ist bisher jedoch, ob dieser „Priming“-Effekt durch die negative Valenz oder durch die Schmerzspezifität der verwendeten Stimuli zu erklären ist.

 

1 Simon D et al, Pain (2006) 126:309–318

2. Villemure C et, Pain (2003) 106:101–108

3 Hebb DO (1949) The Organisation of Behaviour. Wiley, New York

4 Gu X et al, Behavioural Brain Research (2007) 181(2):218–223

5 Kelly S et al, The Journal of Pain (2007) 8(4):307–314

6 Flor H et al, Pain (1997) 73(3):413–421

7 Sitges C et al, Journal of Affective Disorders (2007) 104(1–3):73–82

8 Bantick SJ et al, Brain (2002) 125(2):310–319

9 Weiss T et al, Neuroscience Letters (2003) 340(2):135–138

10 Dillmann J et al, Neuroscience Letters (2000) 284(1–2):53–56

11 Lautenbacher S, Pain (2010) 148(2):179

 

Dipl.-Psych. M. Richter

ist am Universitätsklinikum Jena, Klinik für Psychiatrie, Jena, tätig und ebenso wie die beiden Mitautoren am Institut für Psychologie in Jena.

 

Der Originalartikel ist erschienen in Schmerz 2011 · 25:322–324, DOI 10.1007/s00482-011-1014-7

© Springer-Verlag 2011

Fazit für die Praxis
Für den klinischen Alltag ergeben sich aus unserer Untersuchung interessante Anregungen. Die Verwendung schmerzbezogener Wörter beeinflusst die schmerzbezogene Aufmerksamkeit von Patienten und so vermutlich auch ihr Schmerzerleben und den Chronifizierungsprozess.11 Da insbesondere chronische Schmerzpatienten im medizinischen Kontext oder zu Hause häufig und immer wieder angehalten sind, über ihre Schmerzen zu sprechen, weist unsere Studie auf die Bedeutung psychotherapeutischer Interventionen hin, die auf die Veränderung dysfunktionaler Kommunikationsmuster zwischen Schmerzpatienten und Ärzten, Angehörigen oder anderen Personen im Umfeld abzielen.

Von M. Richter, W.Miltner und T. Weiss , Ärzte Woche 44 /2011

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