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Neurologie 31. Oktober 2011

Illusionen bremsen Schmerzen

Neue Abhilfe für Phantomschmerz: Kortikale Umbauprozesse verhindern oder revidieren.

Gegen Phantomschmerz gab es bisher kaum wirksame Therapien. Neueste Erkenntnisse, die auf dem Europäischen Schmerzkongress EFIC 2011 in Hamburg vorgestellt wurden, können Patienten Hoffnung geben.

 

Rund 60 Prozent der von Amputationen betroffenen Patienten leiden unter Phantomschmerzen. „Neueste Erkenntnisse zeigen, dass die Umbauprozesse, die im Gehirn auf eine Amputation folgen und für Phantomschmerz verantwortlich sind, verhindert oder sogar rückgängig gemacht werden können“, sagte Prof. Dr. Herta Flor, Mannheim. „Wir nützen dazu einerseits die Eigenschaft des Gehirns, auf glaubhafte sinnliche Vorspiegelungen so zu reagieren, als wären sie Wirklichkeit, selbst wenn der Verstand die Wahrheit kennt, und andererseits die Möglichkeiten des Neurofeedback.“

Kortikale Umbauprozesse für Phantomschmerz verantwortlich

„Die Fortschritte der bildgebenden Diagnostik haben gezeigt, dass nach einer Amputation bestimmte Umbauprozesse in jenen Teilen der Gehirnrinde stattfinden, die für die Aufnahme von Sinneseindrücken und die Weitergabe von Bewegungsimpulsen an die fehlende Extremität verantwortlich waren“, so Flor. „Verkürzt gesagt, nehmen benachbarte Regionen die nun funktionslosen Areale für ihre eigenen Aufgaben in Besitz, wodurch es zu einer Art Verwirrung und eben auch Phantomschmerz kommt. Wenn es uns gelingt, diese kortikale Reorganisation zu verhindern, können wir damit auch den Schmerz beeinflussen.“

Das Gehirn glauben machen, das amputierte Glied sei noch da

Da das Gehirn Sinneswahrnehmungen eher als Wirklichkeit annimmt als Verstandesinhalte, kann ihm erfolgreich vorgespiegelt werden, dass die amputierte Gliedmaße noch vorhanden sei. Dadurch bleiben schmerzerzeugende Umbauprozesse aus. „Wir müssen Patienten also helfen, ihr ursprüngliches Körperbild so gut wie möglich wiederherzustellen, und zu bewirken, dass das Gehirn eine allfällige Prothese möglichst als eigenes Glied anerkennt“, so Flor. Dazu werden drei verschiedene Methoden untersucht:

Die „Gummi-Hand-Illusion“ besteht darin, die fehlende Hand durch eine realistische Prothese zu ersetzen, und die echte wie die nachgebaute Hand gleichzeitig zu streicheln, während der Patient den Blick auf die Prothese richtet. In der „Spiegel-Therapie“ wird dem Auge amputierter Menschen durch einen geschickt platzierten Spiegel der optische Eindruck vermittelt, die fehlende Gliedmaße sei noch vorhanden.

Viel versprechen sich die Forscher von einem neu entwickelten Instrument zur Erzeugung einer dreidimensionalen virtuellen Realität, die bisher aber erst an Gesunden getestet wurde. „Ein Arm wurde dabei durch eine spiegelartige Anordnung versteckt, während die Probanden durch eine Datenbrille zusätzlich zum noch sichtbaren Arm eine naturgetreue 3-D-Rekonstruktion sahen, die wir nicht nur synchron, sondern praktisch beliebig ‚bewegen’ können“, so Flor. „Es zeigte sich, dass der bloße optische Eindruck einer Bewegung im primären sensomotorischen Kortex der dafür zuständigen Gehirnhälfte die gleichen Aktivitäten auslöste wie eine echte Bewegung. Der Eindruck einer Bewegung in einer virtuellen Umgebung wird also als Bewegung der eigenen Gliedmaße wahrgenommen. Insgesamt konnten wir feststellen, dass die Wirksamkeit einer Illusion von ihrer Wirklichkeitsnähe abhängt, wie naturgetreu zum Beispiel eine Gummihand geformt ist. Wir sehen aber auch bei guten Illusionen eine große Bandbreite des Ansprechens. Die Gründe dafür werden weiter erforscht.“

 

Quelle: VII. EFIC-Kongress, 21.-24. September 2011, Hamburg

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