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Neurologie 31. Oktober 2011

Immer häufiger, aber vernachlässigt

Schmerz bei älteren Menschen bleibt häufig unerkannt.

Die besonderen Erfordernisse der Schmerzbehandlung älterer Menschen werden häufig unzureichend berücksichtigt. Auf dem Europäischen Schmerz-Kongress EFIC in Hamburg forderten Experten eine größere Beachtung der spezifischen Schmerzprobleme dieser Populationsgruppe sowie eine deutliche Erhöhung der Forschungsausgaben für die Entwicklung neuer Ansätze der Prävention und Behandlung.

 

„Mit chronischem Schmerz umzugehen ist eine der wesentlichen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft, doch dem wird von der Forschung der öffentlichen Hand, den Förderungsinstitutionen und den Escheidungsträgern des Gesundheitswesens bei weitem nicht ausreichend Rechnung getragen”, sagte Prof. Dr. Kris Vissers, Nijmegen, NL. „In der Altersgruppe ab 65 Jahren leiden 50 Prozent derer, die noch selbständig leben, und 80 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen an chronischen Schmerzen. Ihre Zahl dürfte sich bis 2050 um 70 Prozent erhöhen. Wenn alles so bleibt wie derzeit, wird ein Mangel an Wissen, an Forschung und an Mitteln, um dieses Wissen weiter zu verbreiten, zu Unter- und Fehlbehandlungen dieser Altersgruppen führen und der Gesellschaft hohe Lasten aufbürden.”

Im Vergleich zu jüngeren Schmerzpatienten wird die Behandlung Älterer häufig durch eine Reihe zusätzlicher altersbedingter Faktoren und deren Zusammenspiel verkompliziert, wie viele Studien zeigen. Einige dieser speziellen Herausforderungen:

  • Gebrechlichkeit kann zu einer Vielzahl von Schmerzherden führen, wobei jeder eine unterschiedliche Ursache haben kann. Weiters leiden viele gebrechliche Menschen an kognitiven Störungen oder Verständigungsproblemen. Das hindert sie daran, ihre Schmerzen verständlich zu kommunizieren, was zur hohen Rate an Unterdiagnostizierung und Unterbehandlung beiträgt.
  • Multimorbidität, das gleichzeitige Vorliegen von z. B. Diabetes, Herzerkrankungen und rheumatoider Arthritis, verbunden mit psychologischen Faktoren, welche die Schmerzwahrnehmung beeinflussen – etwa Einsamkeit oder Depression – erschweren die Zuordnung zu einer spezifischen Schmerzursache.
  • Polypharmazie birgt hohe Risiken für Komplikationen und Nebenwirkungen in sich.
  • Der Alterungsprozess führt zu funktionalen Veränderungen des Stoffwechsels insgesamt sowie einzelner Organe wie etwa der Leber oder der Nieren, die das Risiko von Komplikationen und Nebenwirkungen noch weiter erhöhen.
  • Unzureichende Schmerzforschung an älteren Menschen führt zu Wissenslücken, die wiederum bedeutende schmerzbezogene Versorgungsdefizite nach sich ziehen – mit der Folge einer schlechteren Lebensqualität Betroffener.

Juristische Gefahrenzone

Sowohl einzelne Medikamente als auch die komplexen Wechselwirkungen der Polypharmazie müssten eingehend erforscht werden, um Ärzten eine evidenzbasierte Grundlage für ihre Entscheidungen zu geben. Nur so könne man für jeden Patienten das richtige Gleichgewicht zwischen Nutzen und möglichen Risiken und Nebenwirkungen finden. „Doch das Gegenteil geschieht. Personen über 70 oder 75 Jahren werden aus den meisten Studien über die Sicherheit und Wirksamkeit von Medikamenten ausgeschlossen, und Belege über das komplexe Wechselspiel gleichzeitig eingenommener Arzneimittel gibt es so gut wie gar nicht. Ärzte, die älteren Menschen solche Medikamente verschreiben, werden daher über die Konsequenzen im Dunkeln gelassen. In vielen Ländern gehen sie damit rechtliche Risiken ein, weil sie bei einer Off-Label-Verschreibung von Medikamenten für allfällige Komplikationen und unerwünschte Wirkungen haftbar gemacht werden können“, so Vissers.

Eigenständiges Krankheitsbild

„Wir appellieren an alle am Gesundheitswesen beteiligte Institutionen, hier mehr spezialisierte Forschung zu ermöglichen”, so der Experte. „Wir brauchen mehr Geld, um die Vorbeugung und Behandlung chronischen Schmerzes bei älteren Menschen zu untersuchen. Das setzt auch voraus, chronischen Schmerz, vor allem bei Älteren, als ein eigenständiges Krankheitsbild anzuerkennen. Obwohl längst wissenschaftlich belegt ist, dass chronischer Schmerz zu Veränderungen im Gehirn führt, die von seiner ursprünglichen Ursache unabhängig sind und den gesamten Organismus in Mitleidenschaft ziehen, wird er weithin immer noch als „nur ein Symptom“ einer Grunderkrankung angesehen. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Entscheidungsträger die Erfordernisse auf diesem Gebiet bis heute vernachlässigen.”

In Bewegung bleiben

In den letzten Jahren konnten bedeutende Einsichten zu Vorbeugung und Behandlung von chronischem Schmerz betagter Menschen gewonnen werden. „Wir haben erkannt, dass chronischer Schmerz ein multidimensionales und multikausales Phänomen ist, das eine multidisziplinäre Herangehensweise erfordert”, so Vissers. „Zunächst sollten Mediziner und Pflegepersonen imstande sein, Schmerz non-verbal zu erkennen. Wenn Schmerz einmal entdeckt wurde, sollten Schmerzmedikamente umsichtig verordnet werden, zusammen mit sozialer und psychologischer Unterstützung, um Patienten auch zu helfen, in ihrem Leben noch einen Sinn und eine Rolle in der Gesellschaft zu finden.”

Der Experte weiter: „Ein weiterer wichtiger Aspekt ist körperliches Training. Viele ältere Menschen mit chronischem Rückenschmerz werden noch immer einfach ins Bett gelegt – mit der Folge, dass sie daraus nie wieder aufstehen. Schmerz ist kein Grund, körperliche Aktivität aufzugeben, sondern sollte ein Anreiz für mehr davon sein. Je aktiver Patienten sind, desto besser ist auch die Schmerzkontrolle. Meine Botschaft lautet daher: Bleiben Sie weiter in Bewegung, auch wenn Sie Schmerzen haben, gehen Sie spazieren, schwimmen Sie oder fahren Sie Rad. Ihre Schmerzkontrolle wird sich verbessern, und Sie beugen Ihrem weiteren Verfall vor.”

Schmerz sichtbar zu machen, sei eine der wesentlichen Aufgaben der EFIC, betonte Vissers. „Zusammen mit mehr als 100 wissenschaftlichen und Patientenorganisationen starten wir auf allen europäischen Ebenen einen neuen Aktionsplan („Roadmap for Action”), der im Rahmen des Programms ,Gesellschaftliche Relevanz von Schmerzen – Societal Impact of Pain‘ (www.sip-meetings.org) entwickelt wurde. Seine Umsetzung auch im EU-Parlament und den nationalen Gesundheitsministerien sollte dafür sorgen, dass Schmerz in Zukunft keine derartige Bürde für Patienten und Gesellschaft darstellt.” B&K/FH

 

Quelle: VII. EFIC-Kongress, 21.-24. September 2011, Hamburg

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