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Neurologie 17. Oktober 2011

Kulturspezifische Betreuung

Migranten haben gegenüber Einheimischen ein intensiveres Schmerzempfinden.

Je nach kultureller Herkunft gibt es große Unterschiede in der Schmerzempfindung und -beschreibung. Eine aktuelle Schweizer Studie, die beim EFIC Kongress in Hamburg vorgestellt wurde, zeigt, dass Menschen mit Migrationshintergrund besonders stark unter Schmerzen leiden.

 

Kulturelle Unterschiede scheinen die Schmerzwahrnehmung zu beeinflussen. Daraus sollten Konsequenzen für die Schmerztherapie folgen. Ulla Kellner, MSc für Schmerzmanagement, Zürich, präsentierte eine Studie über die Bedeutung des Migrationshintergrunds für den Behandlungserfolg im Rahmen eines interdisziplinären Schmerzprogramms. Die Forschungsgruppe verglich den psychologischen Gesundheitsstatus und die Schmerzintensität von 118 chronischen Schmerzpatienten aus Zürich und Umgebung. 50 von ihnen hatten einen Migrationshintergrund. Die Teilnehmer mussten zu Behandlungsbeginn und -ende sowie drei, sechs und zwölf Monate nach der Intervention Fragebögen ausfüllen.

„Statistisch gesehen unterschieden sich beide Gruppen signifikant in allen Variablen – und die Patienten mit Migrationshintergrund hatten leider immer die schlechteren Karten“, erklärte Kellner. Patienten ohne Migrationshintergrund hatten zu allen gemessenen Zeitpunkten eine deutlich bessere psychologische Funktionsfähigkeit. Sie verbesserten sich in allen Ergebnisvariablen sowohl kurz- als auch langfristig. Patienten mit Migrationshintergrund dagegen zeigten signifikant höhere Werte hinsichtlich der Schmerzintensität und beim Katastrophisieren, also der falschen und übertriebenen Einschätzung möglicher negativer Ereignisse. „Depression und Angststörungen waren in einem Ausmaß vorhanden, dass von klinisch relevanten, pathopsychologischen Erkrankungen gesprochen werden muss. Sehr alarmierend war besonders ein Ergebnis: Migranten konnten ihren Gesundheitszustand nicht nur kurzfristig weniger verbessern, alle Variablen waren bei dem Kontrolltermin nach zwölf Monaten wieder auf den Ausgangswert zurückgefallen“, betonte Kellner.

Intensivere kulturspezifische Programme nötig

Die Unterschiede zwischen einzelnen Migranten-Gruppen sind groß. Ergebnisse anderer Studien aus der Schweiz zeigen, dass Migranten aus Deutschland, Liechtenstein und Österreich so gut wie Einheimische ihren Gesundheitszustand verbessern können. Doch die Teilnehmer von Kellners Studie müssen eine ganz andere Situation bewältigen. „Die meisten stammen aus Ex-Jugoslawien und hatten möglicherweise traumatische Erlebnisse durch den Krieg oder eine ungewollte Migration. Sie weisen eine geringe Schulbildung auf und sind oftmals erwerbsunfähig“, berichtete Kellner. „Die Kombination dieser psychosozialen Stressfaktoren kann die Belastung der Patienten dermaßen erhöhen, dass sich klinisch relevante Psychopathologien wie Angststörungen und Depressionen entwickeln – oder bestehende Psychopathologien aufrechterhalten werden.“ Sie nimmt an, dass das angewandte Schmerzprogramm nicht intensiv und kulturspezifisch genug war, und schlägt Angebote vor, die speziell für fremdsprachige Migranten zugeschnitten sind. „Eine langfristige Verbesserung der Werte würde eine deutlich intensivere psychologische und psychotherapeutische Betreuung erfordern, als wir sie in unserem Programm anbieten konnten. Zusätzlich wäre eine intensive soziale, ökonomische Beratung und enge Begleitung bei der Reintegration in den Arbeitsmarkt erforderlich“, betonte Kellner.

 

Quelle: VII. Europäischer Schmerz-Kongress, 21.-24. September 2011, Hamburg

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