zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Längere Schmerzepisoden können zu Komplikationen führen.
 
Neurologie 11. Oktober 2011

Schmerz und Gender: Frauen leiden anders, Männer auch

Experten fordern Therapiekonzepte, die den unterschiedlichen Bedürfnissen von Frauen und Männern bei der Schmerzbehandlung gerecht werden.

Frauen und Männer unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich ihrer Schmerzschwelle und ihres Schmerzempfindens, sie reagieren auch unterschiedlich auf Schmerztherapien. Beim 7. EFIC Kongress in Hamburg plädierten Experten für ein „Ende der Unisex-Medizin“.

 

„Frauen neigen dazu, über ihre Schmerzen zu jammern. Sie spüren Schmerz zwar kürzer, aber dafür stärker als Männer“, betonte Dr. Oras A. Alabas, Leeds, UK. Sie und ihr Team untersuchten die Beziehung zwischen geschlechtsbezogenen stereotypen Zuschreibungen von Schmerz und dem ischämischen und mechanischen Schmerz, den 51 gesunde Studienteilnehmer im Zuge eines Experiments erlebten. Bei der Messung der „geschlechtsspezifischen Rolle von Schmerzerwartung“ wurde entdeckt, dass Frauen bei Schmerzempfindlichkeit und bei der Bereitschaft, den Schmerz zu thematisieren, einen höheren Wert als Männer aufwiesen. Sie hatten aber einen niedrigeren Wert bei der Schmerzdauer. Das lässt den Schluss zu, dass Frauen in vielen Teilen der Welt mehr über Schmerzen klagen und schmerzempfindlicher sind als Männer. „Einer der Hauptgründe für diese Unterschiede ist die Auswirkung der Geschlechterrolle auf die Schmerzreaktion, die universellen Charakter hat“, unterstrich Alabas.

Eine spanische Forschungsgruppe untersuchte an 190 männlichen und 210 weiblichen Personen, die an chronischen Wirbelsäulenschmerzen litten, ob sich Frauen und Männer unterschiedlich mit chronischem Schmerz abfinden. Dr. Carmen Ramírez Maestre, Malaga: „Wir fanden signifikante Unterschiede hinsichtlich Schmerzintensität, Angstvermeidung, passiven und aktiven Bewältigungsstrategien, momentaner Leistungsfähigkeit und Funktionsbeeinträchtigung.“ Auch bei den Faktoren, die vorhersagen lassen, wie mit Schmerz umgegangen wird, spürte das Team Geschlechtsunterschiede auf. „Angst vor Schmerz spielte eine bedeutende Rolle, um die Stimmung bei Frauen vorherzusagen. Bei Männern war die Laune besser und die Schmerzintensität geringer, wenn sie aktive Bewältigungsstrategien anwandten. Bei Männern hing eine momentane bessere Leistungsfähigkeit mit der Schmerzakzeptanz zusammen, bei Frauen dagegen mit ihrer Belastbarkeit“, berichtete Maestre. „Warum das Augenscheinliche ignorieren und in einer Unisex-Medizin verharren? Wir brauchen Therapien, die an die unterschiedlichen Bedürfnisse von Frauen und Männer angepasst sind!“

Schmerz während der Schwangerschaft

Dr. Helga Maria Schuckall, Salzburg, hinterfragte das weit verbreitete Vorurteil, dass Schmerzen während einer Schwangerschaft normal seien. Sie wollte herausfinden, wie viele Schwangere tatsächlich unter behandlungswürdigen Schmerzen leiden. Wie die prospektive Studie ihres Forschungsteams zeigte, waren nur 18,6  Prozent der Frauen während der Schwangerschaft schmerzfrei. Weitere 38 Prozent hatten mittlere oder moderate Schmerzen. Fast sechs Prozent der Schwangeren litten manchmal unter schweren Schmerzen. „Wenn Schmerzepisoden länger anhalten, kann das zu Schwangerschaftskomplikationen und längeren Wehen führen“, berichtete Dr. Schuckall. „Schwangere stehen vor dem Dilemma, entweder Schmerzen zu ertragen oder schmerzstillende Mittel zu nehmen und damit möglicherweise die Sicherheit ihrer Babys aufs Spiel zu setzen. Eine regelmäßige Schmerzevaluierung während der Schwangerschaft ist von größter Bedeutung, um medizinisch indizierte schmerzreduzierende Interventionen festlegen zu können. Damit ließen sich sowohl Schwangerschaftskomplikationen als auch chronifizierter Schmerz nach der Geburt verhindern“, so Schuckall. B&K/FH

 

Quelle: VII. Europäischer Schmerz-Kongress, 21.-24. September 2011, Hamburg

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben