zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Während der vergangenen Jahrzehnte hat sich Rückenschmerz in den Industrieländern geradezu epidemisch ausgebreitet.
 
Neurologie 11. Oktober 2011

Unterschätzte Volkskrankheit

Rückenschmerz: Inadäquates Klassifikationssystem sowie Defizite in Forschung und Rehabilitation.

Die Prognose für unspezifischen Rückenschmerz ist weit schlechter als allgemein angenommen, warnten Experten auf dem Europäischen Schmerz-Kongress EFIC 2011 in Hamburg. Rückenschmerz, dem keine spezifische Ursache zugeordnet werden kann, erfordere verstärkte Forschungs- und Rehabilitationsanstrengungen, um Behandlungsoptionen zu verbessern.

 

„Der Umstand, dass 80 Prozent der Patienten, die wegen unspezifischer Rückenschmerzen in Krankenstand gehen, ihre Arbeit binnen weniger Wochen wieder aufnehmen, führte zu der weit verbreiteten Fehlauffassung, dass sie in dieser Frist von ihren Schmerzen genesen. Bei 65 Prozent wird dieser Schmerz – im Gegenteil – chronisch“, so Prof. Dr. Maarten van Kleef, Maastricht. „Die Folgen sind persönliches Leid und enorme sozioökonomische Auswirkungen, denen kein ausreichendes Augenmerk gewidmet wird. Jüngste Studien und systematische Datenauswertungen untermaueren die ungünstige Prognose für Patienten mit Rückenschmerzen. Diese Ergebnisse sind selbst zu vielen Primärversorgern und Entscheidungsträgern des Gesundheitswesens noch nicht durchgedrungen. Wir müssen daher unsere Anstrengungen verstärken, diese Information zu verbreiten und die Prävention ebenso wie wirkungsvollere Therapien voranzutreiben. Nicht zuletzt müssen wir ein neues Klassifikationssystem für unspezifischen Rückenschmerz erarbeiten, das diesen in Sub-Gruppen unterteilt, um für jede dieser Gruppen maßgeschneiderte Therapien entwickeln zu können.“

Unterschätzte Epidemie

Anders als spezifischer Rückenschmerz (Schmerz kann einer anerkannten Diagnose zugeordnet werden) geht unspezifischer Rückenschmerz in der Regel auf Abnützungsprozesse in einem oder mehreren Abschnitten der Wirbelsäule zurück.

Während der vergangenen Jahrzehnte hat sich Rückenschmerz in den Industrieländern epidemisch ausgebreitet. 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung leiden zumindest einmal im Leben an einer der Spielarten von Rückenschmerz, 30 bis 50 Prozent davon an Nackenschmerzen, 16 bis 20 Prozent an Schmerzen der Brustwirbelsäule und mehr als 70 Prozent an Schmerzen der Lendenwirbelsäule. Rund 95 Prozent dieser Schmerzphänomene sind „unspezifischer” Natur.

Chirurgie ist keine Standardtherapie

Viele wissenschaftliche Präsentationen auf dem EFIC-Kongress lieferten neue Belege für wirksame Behandlungsoptionen. Auf dem Gebiet der Pharmakologie ist der Gebrauch von NSAIDs und schwachen Opioiden nur kurzfristig empfehlenswert. Der Einsatz von noradrenergen oder noradrenerg-serotonergen Antidepressiva, Muskelrelaxantien und Capsaicin-Pflastern kann erwogen werden, so Kleef. „Die multidisziplinäre Rehabilitation umfasst eine Kombination aus körperlichem Training, funktionaler Wiederherstellung und kognitiver Verhaltenstherapie”, so der Experte. „Wir sehen aber, dass die Wirksamkeit solcher Interventionen moderat ist.”

Vorsicht sei gegenüber neuen, minimal-invasiven Verfahren angebracht, wie etwa der direkten Infiltration von Kortikosteroiden in den Spinalkanal, gesteuert durch computer-unterstützte fluoroskopische Bildgebung. „Die wissenschaftlichen Belege für diese Interventionen sind schwach, sie können den Schmerz bei sorgfältig ausgewählten Gruppen von Patienten aber manchmal reduzieren.”

Chirurgische Eingriffe gegen chronischen Rücken- und Nackenschmerz beruhen auf der Annahme, dass sich der Schmerz lindern oder beseitigen lässt, wenn die symptomatisch schmerzhaften Segmente der Wirbelsäule unbeweglich gemacht werden. Randomisierte Studien, die solche Eingriffe mit konventionellen Therapiemethoden verglichen, zeigen jedoch, dass gängige Rehabilitationsprogramme genauso wirksam sein können wie eine Operation, warnte Kleef. „Wirbelfusion oder der chirurgische Totalersatz von Bandscheiben sollte daher nicht als Standardbehandlung gegen chronischen Rückenschmerz eingesetzt werden. Sie sollten nur in Betracht gezogen werden, wenn mindestens zwei Jahre intensiver konservativer und minimal-invasiver Schmerztherapieprogramme den Schmerz und die Behinderung Betroffener nicht erleichtern konnten.” B&K/FH

 

Quelle: VII. Europäischer Schmerz-Kongress, 21.-24. September 2011, Hamburg

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben