zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Migräne, charakterisiert durch wiederkehrende Attacken heftiger Kopfschmerzen und Übelkeit, ist die häufigste neurologische Erkrankung.
 
Neurologie 12. Oktober 2011

Neue Medikamente gegen Kopfschmerz in Entwicklung

Neue Medikamente mit weniger Nebenwirkungen und Kontraindikationen sowie innovative Stimulationstherapien sind in Entwicklung.

Die derzeit gängigen Therapien gegen Migräne zeigen bescheidene Ansprechraten, aber viele Komplikationen und Nebenwirkungen. Studien, die beim Europäischen Schmerz-Kongresses EFIC in Hamburg präsentiert wurden, lassen innerhalb der nächsten zwei Jahre neue Medikamente mit weniger Sicherheitsbedenken erwarten. Fortschritte versprechen sich Forscher auch von innovativen Methoden der Neuromodulation.

„Die heute verfügbaren Therapien gegen Migräne und Cluster-Kopfschmerz bieten vielen Patienten keine Hilfe”, so Prof. Dr. Jean Schoenen, Liege, Belgien. „Medikamente zur Prävention von Migräne-Attacken wirken bei nur 50 Prozent der Betroffenen, jene gegen akute Anfälle bei 70 Prozent. Beide sind mit vielen Nebenwirkungen und Kontraindikationen verbunden. Wir freuen uns daher über zwei neue Substanzklassen gegen akute Migräne-Attacken mit weniger Nebenwirkungen und Kontraindikationen. Sie stehen kurz davor, die Zulassungsbedingungen zu erfüllen.“

Durchbruch in der Behandlung akuter Migräneattacken

Eine neue Klasse von Medikamenten, die antagonistisch auf den CGRP-Rezeptor (den Rezeptor für Peptide, die mit dem Kalzitonin-Gen zusammenhängen) wirken und im Fachjargon „gepants” genannt werden, ist in der Lage, die Aktivität des trigeminovaskulären Systems hinunterzumodulieren, das als wesentlicher Innervationspfad des Gehirns für Migräne-Kopfschmerz verantwortlich ist. „Diese Substanzen sind ähnlich wirksam wie Triptane, die auf einen Untertyp des Serotonin-Rezeptors wirken und gegenwärtig den wichtigsten Ansatz in der Behandlung von Migräne und Cluster-Kopfschmerz darstellen, bewirken aber anders als diese keine Verengung der Blutgefäße im ganzen Körper und haben auch sonst praktisch keine Nebenwirkungen. Das macht sie auch für Migränepatienten mit Gefäßproblemen einsetzbar, für die Triptane nicht in Frage kommen”, so Schoenen.

Eine weitere neue Substanz, Lasmiditan, wirkt als Agonist auf einen Untertyp des Serotonin-Rezeptors (den 5-HT1F-Rezeptor), was die Ausschüttung von erregenden Neurotransmittern und CGRP im trigeminovaskulären System vermindert. Auch Lasmiditan verengt im Gegensatz zu Triptanen die Gefäße nicht. Bei beiden Substanzen werden derzeit noch mögliche unerwünschte Wirkungen geprüft.

Einigen Migräne-Patienten könnte Botox helfen

„Da in der Vorbeugung chronischer Migräne kaum eine der verfügbaren Therapien wirkt, sind neue Forschungsergebnisse erfreulich, die positive Effekte von Onabotulinumtoxin A (‘Botox’) als Injektion in die geeigneten Muskelpartien des Kopfes, des Gesichts und des Nackens belegen”, erläuterte Schoenen. „Es wirkt bei etwa 30 Prozent der Patienten mit chronischer Migräne, während der Effekt ähnlicher Placebo-Injektionen 12 Prozent beträgt. Der Netto-Effekt von Onabotulinumtoxin A ist also nicht überwältigend, aber wenn man die Spärlichkeit sonstiger Optionen und das praktisch völlige Fehlen von Nebenwirkungen mit einbezieht, könnte es für bestimmte Subgruppen von Patienten eine Hilfe darstellen. Auf welche Patienten dies zutrifft, muss in weiteren Studien untersucht werden.”

Neuromodulation bei Migräne und Cluster-Kopfschmerz

Da alle Nervenaktivitäten, die zu Kopfschmerz führen, elektromagnetischer Natur sind, können geeignete elektrische oder elektromagnetische Impulse die schmerzerzeugenden oder -kontrollierenden Prozesse normalisieren. „Es sind mindestens vier Methoden in Entwicklung, die großes Potenzial zur Therapie von Migräne- und Cluster-Kopfschmerz haben könnten”, erklärte Schoenen.

Zwei davon, die Okzipitalnerv-Stimulation (ONS) und die Stimulation des Nervus sphenopalatinus, arbeiten mit elektrischen Impulsen, die durch kleine, implantierte Stimulatoren ausgesandt werden. Zwei andere Methoden, die transkraniale Magnetstimulation (TMS) und die transkraniale Gleichstrom-Stimulation (tDCS), modulieren die Aktivität ihrer Zielregionen im Gehirn nicht-invasiv durch elektromagnetische Felder externer Geräte, die auf dem Kopf platziert werden.

„ONS hat bereits einige klinische Bedeutung gewonnen. Sie kann in 35 bis 40 Prozent der Fälle chronischen Migräne-Attacken vorbeugen und wirkt bei mehr als 60 Prozent der Cluster-Kopfschmerz-Patienten. Alle anderen Methoden sollten als noch in Entwicklung betrachtet werden. Allerdings könnte der Ansatz der nicht- oder minimal-invasiven Neuromodulation den künftigen Königsweg im Kampf gegen unterschiedliche Typen von Kopfschmerz darstellen – ein Weg ohne Belastungen und Nebenwirkungen”, so Schoenen. „In den nächsten Jahren erwarten wir hier bedeutende Durchbrüche.” B&K/FH

 

Quelle: VII. Europäischer Schmerz-Kongress, 21.-24. September 2011, Hamburg

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben