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Neurologie 3. April 2009

Höchstens fünf pro Tag

Das Alter und seine Erscheinungen müssen entpathologisiert werden. Dafür plädierte Prim. Prof. Dr. Peter Kapeller, Vorstand der Neurologischen Abteilung am LKH Villach, bei der 7. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie ÖGN in Villach.

Nicht jede neurologische Auffälligkeit erfordert eine sofortige medikamentöse Therapie. Dass im Alter manche Fähigkeiten nachlassen, muss nicht gleichbedeutend sein mit Krankheit und bringt nicht automatisch die Notwendigkeit pharmakologischer Therapie mit sich. Dies betonte Prim. Prof. Dr. Kappeler bei der Tagung mit dem Schwerpunktthema „Neurologie im Alter“ mit Nachdruck.

 

Nicht jede Vergesslichkeit ist Demenz, nicht jede Gangschwierigkeit ist der Vorbote von Morbus Parkinson, nicht jede Sprachschwierigkeit entstammt einer Transitorischen ischämischen Attacke, und nicht jeder Schwindel braucht Medikamente. „Hier ist vor unkritischem Medikamentengebrauch die Expertise des Neurologen gefragt“, so Kappeler.

Der Medikamentenkonsum erreicht seinen Höhepunkt um das 80. Lebensjahr des Patienten. Daraus ergibt sich der neuromedizinisch auffällige Problemkreis der Polypharmazie. Nicht wenige Patienten sollen mindestens sechs unterschiedliche Medikamenten pro Tag schlucken. Die Wechselwirklungen von Medikamenten können dabei immer schwerer überblickt und eingeschätzt werden.

Mix aus Teufels Küche

Bei 20 bis 25 Prozent der 70- bis 80-Jährigen treten unerwünschte Nebenwirkungen auf. Bei zehn bis 15 Prozent führen diese sogar zu stationären Aufenthalten in Krankenhäusern. Nicht selten geht der Teufelskreis dann allerdings erst recht in die nächste Runde, da zusätzliche Medikamente zur Unterdrückung ebendieser Nebenwirkungen eingesetzt werden, die ihrerseits wieder weitere unberechenbare Wechselwirkungen entfalten können.

Prof. Kapeller betonte: „Ziel des Schwerpunktthemas ‚Neurologie im Alter‘ der heurigen Jahrestagung ist deshalb einerseits die Bewusstseinsbildung bezüglich Polypharmakotherapie sowohl unter Fachkollegen als auch in der betroffenen Bevölkerung, andererseits aber auch der Startschuss zur Erarbeitung neuer Behandlungsparadigmen, die in den kommenden Jahren zu konkreten ärztlichen Handlungsrichtlinien ausreifen sollen.“

Gemäß einer WHO-Empfehlung sollen nicht mehr als fünf verschiedene Medikamente pro Tag verabreicht werden. Dennoch ist die Polypharmazie auch in Österreich weit verbreitet. Besonders stark davon betroffen sind vor allem Frauen, Pflegebedürftige, Personen mit mehreren Erkrankungen und Personen, die mit einer hohen Zahl von Diagnosen aus dem Krankenhaus entlassen werden.

„Es muss kritisch hinterfragt und neu bewertet werden, ob und wann die Verordnung eines Arzneimittels angemessen ist. Viele vielleicht nicht ganz angenehme Symptome, gegen die heute automatisch Medikamente verschrieben werden, sind normale Alterserscheinungen, die medikamentös nicht wirklich gebessert werden können“, so Kapeller. „Hier ist die Neurologie gefordert, neu und klarer zu beurteilen, wann neurologische Auffälligkeiten überhaupt pathologisch und damit behandlungsbedürftig sind.“

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