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Foto: Franz Gruber
Prim. Prof. Dr. Dieter Volc Leiter der Neurologischen Abteilung der Wiener Confraternität
 
Neurologie 20. März 2009

Finstere Stunden

Mit Dopamin-Agonisten kann schlaflosen Restless-Legs-Patienten geholfen werden.

Hunderttausende Österreicher gehen Nacht für Nacht auf Wanderschaft. Schuld daran ist, ähnlich wie beim Morbus Parkinson, eine Störung des Dopamin-Systems. Schlussrichtig kann das sogenannte Restless-Legs-Syndrom mithilfe von Medikamenten, die auch beim Parkinson verwendet werden, gut behandelt werden. Aber: Trotz der vielen Betroffenen wird diese Volkskrankheit oft – auch von Ärzten – nicht ernst genommen und vielfach spät diagnostiziert.

 

Voraussichtlich leiden fünf bis zehn Prozent aller Österreicher – rund 900.000 Menschen –am Restless-Legs-Syndrom (RLS). Davon ist etwa ein Viertel behandlungswürdig. „Die Patienten haben in der Regel einen jahrelangen Leidensweg hinter sich, ehe sie die richtige Diagnose erhalten“, sagte Prof. Dr. Dieter Volc im Rahmen einer Pressekonferenz im Februar in Wien. Volc, seines Zeichens Leiter der Neurologischen Abteilung der Wiener Confraternität, kritisiert vor allem, dass trotz der weiten Verbreitung des Syndroms zu wenig Ärzte über die „Volkskrankheit“ Bescheid wissen. „Einen Rekord stellte wohl eine nach Hilfe suchende 86-jährige Patientin auf, die seit sechzig Jahren am RLS litt und nicht ursächlich behandelt wurde. Nicht selten werden die Patienten schließlich als neurotisch und lästig dem Psychiater oder Psychotherapeuten zugewiesen.“ Die richtige Diagnose wird in den meisten Fällen (zu 43 Prozent) von einem Neurologen bestimmt. Was aber wirklich zu denken gibt, so Volc, ist, dass die Patienten ihr Leiden mithilfe der Medien häufiger selbst (30 Prozent) identifizieren als ihr behandelnder Hausarzt (15 Prozent).

Zuckende Gliedmaßen

Betroffene beschreiben das Leiden als schmerzhaftes Reißen, Ziehen, Kribbeln, Brennen oder Jucken in den Extremitäten. Das Fatale ist, dass das Phänomen nur während Ruhephasen auftritt, hauptsächlich (aber nicht ausschließlich) am Abend im Bett. Dann verspüren die RLS-Kranken den quälenden Drang, die Beine und manchmal auch die Arme zu mobilisieren. In seltenen Fällen ist auch der Rumpf betroffen oder gehen unwillkürliche Bewegungen mit den schmerzhaften Missempfindungen einher. Aktive Bewegung bewirkt schließlich eine Besserung der unangenehmen Empfindungen – allerdings zulasten des gesunden Schlafes. Dazu kommt, dass mit Einstellung der Bewegungen sich sofort die Symptome wieder einstellen. Den Betroffenen bleibt somit die Tiefschlafphase dauerhaft verwehrt.

„Die Folgen des ausbleibenden Schlafes sind naturgemäß fürchterlich. Neben einer erhöhten Unfallgefahr kommt es zu Erschöpfungszuständen und mitunter zu depressiven Phasen“, erklärte Prof. Erwin Ott, ärztlicher Leiter des Grazer Institutes für neurologische Alterserkrankungen und Anfallsleiden. „Fatal ist, dass diese sekundären Verstimmungen als Auslöser des Schlafdefizits gesehen werden und somit Antidepressiva sowie Neuroleptika verschrieben werden, was die nächtlichen Symptome verstärkt.“

Wer sind die Betroffenen?

Von den quälenden Missempfindungen in den Beinen kann prinzipiell jeder betroffen sein. Selbst Kindern können Ruhephasen dadurch vergällt werden – dort wird die Erkrankung häufig als ADHS missgedeutet. Bemerkenswert ist, dass zwei Drittel der RLS-Kranken aus ungeklärten Gründen Frauen sind. Außerdem ist bekannt, dass neben dem Dopamin-Stoffwechsel auch die Eisenregulation im Gehirn gestört ist.

Es wird derzeit zwischen zwei RLS-Erscheinungsformen unterschieden: Die häufigere ist die idiopathische Form, die sich zumeist vor dem 31. Lebensjahr manifestiert und einen schwereren Verlauf nimmt. Hier fällt die familiäre Häufung auf. Experten gehen daher von einem Gendefekt und einer autosomal-dominanten Vererbung aus (wichtig für die Anamnese, denn rund ein Viertel der RLS-Patienten hat mehrere leidende Verwandte).

Dem gegenüber steht die symptomatische RSL, die multifaktoriell (im Rahmen von Stoffwechselstörungen wie Diabetes, Vitamin B12-, Folsäure- und Eisenmangel), im Zuge einer Schwangerschaft (manchmal nur temporär) oder einer rheumatoiden Arthritis provoziert wird. Sie ist ebenfalls mit neurologischen Störungen (z. B. Polyneuropathien, Radikulopathien, Spinale Läsionen), Entzündungen und der Einnahme bestimmter Medikamente assoziiert.

Als RLS-auslösend gelten auch diverse Konsumgifte, wie etwa Aspartam, Nikotin, Glutamat, Alkohol oder Koffein. Selbst die vermeintlich harmlose Kohlensäure kann ein erhöhtes RLS-Risiko mit sich bringen. Volc: „Wer sich nach einem stressigen Tag zur Entspannung eine Zigarette anzündet, eine Cola Light mit Rum trinkt und vielleicht noch einen Schokoriegel isst – und kein RSL bekommt, kann sich wirklich glücklich schätzen.“ Aber auch eine kräftige Portion Schweinsbraten am Abend steht als Auslöser für RLS in dringendem Verdacht. Wer hingegen am Abend Fisch isst und dazu gut einen Liter Leitungswasser trinkt, kann die quälenden Symptome reduzieren. Warum, ist noch unbekannt (siehe Kasten).

Wirksame Therapie

Auch Ott ist über die langen Patientenkarrieren im Rahmen des RLS irritiert, zeigt sich aber über diverse Vorwürfe noch verärgerter: „Wenn wir über das RLS sprechen, wird nicht selten behauptet, wir würden eine neue Krankheit erfinden. Den Ausgleich dazu bilden aber die vielen dankbaren, von einem jahrelangen Martyrium gezeichneten Patienten, die sich zuvor von der Ärzteschaft vergessen wähnten.“

Ein chronisches Leiden, das nicht notwendig ist, denn mithilfe der richtigen Behandlung kann während einer dauerhaften Therapie fast völlige Beschwerdefreiheit erzielt werden. An erster Stelle in der Behandlung stehen die Dopamin-Agonisten, wobei deutlich niedrigere Dosen (zwischen 0,18 und 0,35 mg) als bei der Parkinson-Therapie ausreichen. Meist verschwinden die Symptome bereits nach einer Woche. Studien im Schlaflabor zeigten in der ersten Nacht eine Verminderung der nächtlichen Beinbewegungen um bis zu 75 Prozent.

Ott und Volc verwiesen auf aktuelle Studienergebnisse, die auf der 22. Jahrestagung der Associated Professional Sleep Societies (APSS) in Baltimore 2008 präsentiert wurden, die zeigen, dass neben einer Besserung der RLS-Symptome wie Extremitätenschmerz, Tagesmüdigkeit, Schlafmangel und depressive Verstimmungen nach Einnahme von Pramipexol signifikant reduziert werden konnten. Darüber hinaus hat Pramipexol eine günstige Halbwertszeit von acht bis zwölf Stunden, was lediglich eine einmalige Gabe pro Tag notwendig macht.

Kasten:
Verhaltenstipps bei RLS
Vorsicht geboten ist bei verschiedenen Medikamenten (Neuroleptika, Antidepressiva, Antiemetika mit dopaminantagonistischer Wirkung, Schlafmittel, Opiatantagonisten, Magenmittel und Betablocker), denn diese wirken symptomverstärkend. Auch enthalten manche Medikamente Glutamat, einen Geschmacksverstärker, der ebenfalls ein Neurotransmitter ist und als solcher ein Gegenspieler von Dopamin. Ein häufig falscher Ratschlag für RLS-Betroffene sind Entspannungsmethoden wie autogenes Training. Diese bewirken genau das Gegenteil des gewünschten Effektes, da Ruhe und Entspannung die Beschwerden nur verschärfen. Auch physiotherapeutische Maßnahmen können das Unruhegefühl in den Beinen forcieren. Dringend abgeraten wird von Stimulantien wie Aspartam, Nikotin, Glutamat, Alkohol, Koffein, Schokolade oder Kohlensäure.
Foto: Franz Gruber

Prim. Prof. Dr. Dieter Volc Leiter der Neurologischen Abteilung der Wiener Confraternität

Von Dr. Gert Baumgart und Raoul Mazhar, Ärzte Woche

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