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Foto: Max-Planck-Institut für Neurobiologie
Bewegungsstörung, Morbus Parkinson, Epilepsie, Schlaganfall, Multiple Sklerose,
Foto: bk-wustinger

Prof. Dr. Wolfgang Serles Leiter der Ambulanz für Hirngefäßerkrankungen und Schlaganfallvorsorge, AKH Wien

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Prof. Dr. Ekaterina Pataraia Leiterin der Ambulanz für erweiterte Epilepsiediagnostik, AKH Wien

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Prof. Dr. Karl Vass Leiter der Multiple Sklerose Ambulanz, AKH Wien

 
Neurologie 6. April 2011

Die Erneuerung der Neurologie

Immer mehr Forschungsergebnisse finden den Weg in die Praxis.

Die Neurologie wagt den Sprung von der Diagnose zur Therapie des Patienten: Beim Pressegespräch anlässlich der 9. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN), die von 16. bis 19. März in Wien stattfand, erklärten mehrere Vertreter des Faches, welche Fortschritte die Forschung bei der Behandlung von Schlaganfall, Epilepsie, Multipler Sklerose, Bewegungsstörungen und anderen neurologischen Erkrankungen mittlerweile ermöglicht.

 

Bis vor kurzem galt die Neurologie als eine Disziplin, die eine bestimmte Störung zwar genau lokalisieren, diese Einsicht aber nur selten therapeutisch umsetzen kann. „Das hat sich grundlegend geändert“, meinte ÖGN-Präsident und Tagungspräsident Prof. Dr. Eduard Auff, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie am AKH Wien, bei einem Pressegespräch. „Die Neurologie hat sich während des vergangenen Jahrzehnts zu einer der aufregendsten medizinischen Disziplinen entwickelt. In der Behandlung des Schlaganfalls und seiner Folgeschäden konnten enorme Fortschritte erzielt werden. Bei anderen häufigen neurologischen Erkrankungen wie Epilepsie, MS oder Bewegungsstörungen können wir heute zumindest die Symptome beherrschen.“

Bewegungsstörungen

Zur Therapie von Bewegungsstörungen, wie sie etwa bei Morbus Parkinson oder Essenziellem Tremor auftreten, standen bis vor kurzem nur wenige Präparate zur Verfügung, die zudem häufig mit starken unerwünschten Wirkungen assoziiert waren. Auff: „Heute können wir vielen Patienten sehr effektive Therapiemöglichkeiten anbieten.“

Weitere Optionen

Bei Morbus Parkinson und Tremor schon länger zugelassen und sehr erfolgreich, wird die Tiefe Hirnstimulation heute auch bei generalisierter Dystonie eingesetzt. Bei dieser Methode wird eine Elektrode in das gestörte „Steuerareal“ des Gehirns eingeführt und mit einem implantierbaren Impulsgeber verbunden, dessen Signale die Fehl-Impulse des Gehirns neutralisieren. Auff: „Bei richtiger Patientenauswahl zeigen unsere Erfahrungen sehr gute Erfolge.“

Botulinumtoxin, das an der Übertragungsstelle der elektrischen Impulse zwischen Nerv und Muskel injiziert wird, schwächt in der richtigen Dosis einen zuckenden oder krampfenden Muskel so weit, dass die unwillkürlichen Bewegungen enden oder zumindest stark reduziert werden, ohne den Muskel zu lähmen. In Österreich wurden bereits mehr als 60 Neurologen in Tiefer Hirnstimulation und dem Verabreichen von Botulinumtoxin geschult. Damit stehen diese Optionen immer mehr Patienten offen.

Epilepsie

70.000 bis 80.000 Österreicher leiden an Epilepsie. Medikamentös können heute 60-70 Prozent aller Patienten ganz oder weitgehend von ihren Anfällen befreit werden. Sie leiden aber oft unter Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Gedächtnisschwäche, Aggressivität, Nervosität, Depressionen, Sehstörungen und Gewichtszunahme.

Operative Behandlung

Mehr als der Hälfte der Patienten, die auf eine medikamentöse Therapie nicht ansprechen, bringt die Neurochirurgie Hoffnung. „Die enormen Fortschritte der neuen Technologien ermöglichen heute in bestimmen Fällen erstmals sogar eine kurative Therapie“, so Prof. Dr. Ekaterina Pataraia, Leiterin der Epilepsie-Monitoring Unit und Ambulanz für erweiterte Epilepsiediagnostik der Universitätsklinik für Neurologie, AKH Wien.

Eine Operation kommt in Frage, wenn das betreffende Areal ausfindig gemacht werden kann und wenn es so gelegen ist, dass es entfernt werden kann, ohne zusätzliche Störungen oder Funktionsausfälle zu verursachen. Pataraia: „Das Ziel der Epilepsiechirurgie ist das Erreichen der Anfallsfreiheit bzw. die Verbesserung der Anfallskontrolle. Wird Anfallsfreiheit erreicht, geht es in der Folge um die Reduktion der antiepileptischen Medikamente, um deren unerwünschte Wirkungen zu vermeiden.“

Ist die Neurochirurgie keine Option, gibt es noch andere palliative Möglichkeiten wie die Tiefe Hirnstimulation oder die Vagusnerv-Stimulation, mit deren Hilfe bestimme Gehirn- oder Nervenfunktionen aktiviert oder gehemmt werden können. Die tiefe Hirnstimulation ist seit Herbst 2010 in der EU zugelassen.

Sämtliche Innovationen helfen aber nur Patienten, die den Weg in ein Epilespie-Zentrum finden. Pataraia appellierte daher an die behandelnden Ärzte: „Wenn ein Patient mit zwei unterschiedlichen, für das Syndrom geeigneten und gut verträglichen Medikamenten nicht binnen eines Jahres anfallsfrei wird, beträgt die Chance, dass dies mit anderen Medikamenten bzw. Medikamentenkombinationen gelingt, nur noch fünf Prozent. Daher bitte in ein spezialisiertes Epilepsie-Zentrum überweisen!“

Multiple Sklerose

Etwa 10.000 Menschen sind in Österreich an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. „Nicht nur die Häufigkeit von MS, auch der Frauenanteil unter den Neuerkrankungen ist im Steigen begriffen“, erklärte Prof. Dr. Karl Vass, Leiter der Multiple Sklerose Ambulanz an der Universitätsklinik für Neurologie, AKH Wien. Unbehandelt schränkt die Krankheit das Alltagsleben zunehmend ein – bereits zehn bis 15 Jahre nach dem Ausbruch sind nur mehr 50 Prozent der Betroffenen voll erwerbsfähig.

Schübe verhindern

Cortison kann den aktuellen Schub günstig beeinflussen, weitere Schübe aber nicht verhindern. Immunmodulatoren wie Interferone und Glatirameracetat können als Dauertherapie die Häufigkeit der Schübe sowie bleibende Behinderungen um jeweils etwa 30 Prozent reduzieren.

In den letzten Jahren gab es zwei weitere therapeutische Durchbrüche: Der monoklonale Antikörper Natalizumab hemmt das Immunglobulin G4, was Leukozyten, wesentliche Mitverursacher von MS-Schüben, daran hindert, in Entzündungsherde einzuwandern. Fingolimod reduziert die Leukozytenbildung und damit die bei MS überschießende Immunantwort.

„Beide Substanzen verringern die Häufigkeit von Schüben ebenso wie das Auftreten behindernder Dauerfolgen deutlich stärker als die traditionellen Therapien“, so Vass. „International ist daher gerade ein gestuftes Therapiekonzept in Ausarbeitung, das erstmals ein Behandlungsziel definiert, das noch vor wenigen Jahren unerreichbar schien: Schübe sollen künftig nicht nur reduziert, sondern gänzlich verhindert werden. Damit geht es auch erstmals nicht nur um eine Verzögerung behindernder Dauerfolgen, sondern um einen Stopp des Fortschreitens.“

Schlaganfall

Über 20.000 Österreicher pro Jahr „trifft der Schlag“. Der Schlaganfall ist damit die häufigste Ursache für bleibende Behinderungen wie Sprach-, Gedächtnis- und Bewegungsstörungen. Spätfolgen mit eingeschlossen, ist der Schlaganfall die zweithäufigste Todesursache. Mehr als 15 Prozent aller Schlaganfall-Patienten sind ein Jahr nach dem Ereignis dauerhaft pflegebedürftig. „Es gibt also noch viel zu tun, um Vorbeugung wie auch Therapie zu verbessern“, erklärte Prof. Dr. Wolfgang Serles, Leiter der Ambulanz für Hirngefäßerkrankungen und Schlaganfallvorsorge an der Universitätsklinik für Neurologie, AKH Wien.

15 Prozent der Schlaganfälle werden durch Gehirnblutungen verursacht, 85 Prozent durch Blutgerinnsel. Um Dauerschäden verhindern oder wenigstens eindämmen zu können, muss die Auflösung des Gerinnsels durch die venöse Injektion blutverdünnender Medikamente beim ischämischen Schlaganfall spätestens drei Stunden nach Auftreten der ersten Symptome beginnen.

Wettlauf mit der Zeit

Innerhalb dieser Zeit müssen Betroffene daher nicht nur das Spital erreichen, sondern auch eine CT- bzw. MRT-Untersuchung erhalten, um die Ursache des Schlaganfalls abzuklären. Serles: „Studien zeigen mittlerweile auch noch innerhalb von 4,5 Stunden nach dem Schlaganfall einen Nutzen der Lyse. Dies ist allerdings eine Notlösung, auf die man es nicht ankommen lassen sollte, weil die Erfolgsrate mit zunehmender Zeit immer weiter sinkt, während gleichzeitig die Komplikationsrate ansteigt.“

Der Experte weiter: „In Österreich werden derzeit mehr als zwei Drittel aller Schlaganfallpatienten in rund 40 regional gut verteilten Stroke-Units behandelt. Rund 65 Prozent aller Schlaganfall-Patienten erreichen dabei das Spital innerhalb von drei Stunden nach dem Erstauftreten der Symptome, 40 Prozent innerhalb von 90 Minuten.“

Diese Zahlen seien Weltspitze, würden aber trotzdem nicht ausreichen, so der Experte: „Zwar kann Österreich mit 15 Prozent auf die weltweit höchste Lyse-Rate verweisen (USA: 5 %, Deutschland: 10 %), doch das heißt andererseits, dass die überwiegende Mehrzahl der Schlaganfallpatienten das Spital noch immer zu spät erreicht, um inklusive der für die Voruntersuchungen benötigten Zeit für eine Lyse in Frage zu kommen.“

Neuerungen bei Vorhofflimmern

Vorhofflimmern erhöht das Schlaganfallrisiko um das Fünffache. Die bisher beste vorbeugende Therapie bestand in der Gabe von Phenprocoumon, dessen Wirkspiegel aber nur schwer stabil gehalten werden kann, was wiederholte Laboruntersuchungen zur Kontrolle erforderlich macht. In Österreich stehen nun zwei neue Wirkstoffe zur Zulassung an, die auf unterschiedlichen biochemischen Wegen blutverdünnend wirken, aber in ihren Abbauprozessen nicht mit Nahrungs- und auch kaum mit anderen Arzneimitteln in Konkurrenz treten.

Serles: „Dabigatranetexilat wird vom Körper selbst zu Dabigatran umgewandelt, das die Produktion des Gerinnungsfaktors II hemmt. Vergleichbar wirkt Rivaroxaban, nur mit dem Unterschied, dass es die Produktion des Gerinnungsfaktors Xa hemmt. Damit werden erstmals auch bei Vorhofflimmern gleich gut wirksame und sichere Medikamente zur Schlaganfall-Prophylaxe zur Verfügung stehen, die von den Unwägbarkeiten der alltäglichen Lebensführung unabhängig sind.“

 

Quelle: Pressekonferenz zum 9. Jahreskongress der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie (ÖGN), 15. März 2011, Wien.

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