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Neurologie 7. Dezember 2010

„Notfall“-Knopf bei Epilepsie

Nach US-Zulassungsstudie: Universitätsklinikum Tübingen implantiert europaweit erstmals Hirnschrittmacher.

Die Tiefe Hirnstimulation (THS) bei Epilepsie ist eine neue Möglichkeit für Patienten, denen andere Therapien nicht helfen. Seit August 2010 ist das Verfahren in Europa für die Behandlung zugelassen.

Epilepsie tritt etwa bei der Hälfte der Erkrankten vor dem 10. Lebensjahr auf und bei einem Drittel der Betroffenen jenseits des 60. Lebensjahres. Die Tiefe Hirnstimulation wird in spezialisierten Zentren durch Neurochirurgen und Epileptologen eingesetzt.

Rund ein Drittel der Epilepsiepatienten spricht nicht auf eine medikamentöse Behandlung an. „Die Tiefe Hirnstimulation bei Epilepsie ist eine neue Möglichkeit für Patienten, denen andere Therapien nicht helfen“, sagt Prof. Dr. Alireza Gharabaghi von der Neurochirurgischen Universitätsklinik Tübingen. Die Tiefe Hirnstimulation (THS), die bereits bei Bewegungsstörungen wie Parkinson, Dystonie oder Tremor eingesetzt wird, wenn Medikamente versagen, ist seit August in Europa für die Behandlung zugelassen.

Die SANTE-Studie

Die placebokontrollierte SANTE-Studie (Stimulation of the ANT for Epilepsy)1 hatte gezeigt, dass Patienten durch THS seltener epileptische Anfälle erleiden und die noch auftretenden Anfälle weniger schwerwiegend sind: 110 Patienten mit therapierefraktärer Epilepsie wurden mit THS des anterioren Thalamuskerns behandelt, die Daten wurden über zwei Jahre lang aufgezeichnet. 40 Prozent der Studienteilnehmer hatten nach 13 Monaten 50 Prozent weniger epileptische Anfälle. Durchschnittlich reduzierte sich die Anzahl der Anfälle auf 38 Prozent. Jeder zehnte Patient war mindestens sechs Monate lang anfallsfrei, jeder fünfte hatte nur noch zehn Prozent der epileptischen Anfälle.

An der neurochirurgischen Universitätsklinik in Tübingen wurde nun die erste Operation durchgeführt. Während des Eingriffs werden zwei hauchdünne Drähte in den anterioren Thalamus eingebracht. Diese Elektroden werden dann an den Stimulator unterhalb des Schlüsselbeins des Patienten angeschlossen. „Grundsätzlich kommen für die THS Patienten mit verschiedenen Epilepsie-Formen in Frage; auch die, bei denen andere chirurgische Eingriffe bisher erfolglos waren“, sagt Dr. Sabine Rona, Leiterin der Prächirurgischen Epilepsiediagnostik der Neurochirurgischen Universitätsklinik in Tübingen. Das Implantat kann jederzeit wieder entfernt werden und die Elektroden im Gehirn beschädigen das Gewebe nicht.

Die Stimulation erfolgt in einem festen, wiederkehrenden Rhythmus: Alle fünf Minuten erfolgt eine Minute Stimulation. Bemerken die Implantat-Träger an dem Auftreten einer Aura, dass sich ein Anfall anbahnt, dann können sie einen „Notfall“-Knopf betätigen. Er dient zur sofortigen Stimulation, falls der Stimulator sich gerade in der fünfminütigen Pausenphase befindet.

 

1 Fisher, R. et al.: Electrical stimulation of the anterior nucleus of thalamus for treatment of refractory epilepsy. Epilepsia 2010; 51(5): 899–908; doi: 10.1111/j.1528-1167. 2010.02536.x

 

Quelle: Universitätsklinikum Tübingen.

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