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Neurologie 27. Oktober 2010

Infektionen schaden Gedächtnis

Entzündungen bei Demenz-Patienten steigern die Vergesslichkeit und müssen rasch behandelt werden.

Wenn ältere Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen unter Infekten wie etwa Bronchitis leiden, triggert dies proinflammatorische Prozesse im Gehirn – die Infektion verschlechtert das neurodegenerative Leiden.

 

Es war ein aufsehenerregender Vortrag, den der englische Neuropathologe Prof. Dr. Hugh Perry im Rahmen des 17. Neuropathologie-Kongresses dem interessiert lauschenden Publikum zu Gehör brachte. Schon seit längerer Zeit wird das Thema „Entzündungshypothese im Zusammenhang mit neurodgenerativen Erkrankungen“ in der Scientific Community diskutiert. Perry präsentierte Studienergebnisse, die diese Hypothese nicht nur erhärten, sondern fand auch heraus, wie eng der Zusammenhang zwischen systemischen inflammatorischen Prozessen und neurodegenerativen Prozessen ist.

Positive Entzündung

Am Beginn einer neurodegenerativen Erkrankung wie etwa Morbus Parkinson oder Alzheimer Demenz finden sich Entzündungsvorgänge im Zentralnervensystem. „Das ist an sich eine gute Reaktion“, erläutert Prof. Dr. Hans Lassmann, Leiter der Abteilung für Neuroimmunologie am Zentrum für Hirnforschung der MedUni Wien. „Mit Hilfe dieser Entzündungsvorgänge können die Veränderungen im Gehirn eine ganze Weile in Schach gehalten werden.“

Negative Folgen

Mit dem Fortschreiten der Erkrankung kehrt sich allerdings diese positive Wirkung der Entzündungsreaktion im Gehirn um – die Krankheit verschlechtert sich, negative Folgen können nicht länger aufgehalten werden. „Tritt dann noch eine Sekundärinfektion auf, verschlechtern sich die Symptome der neurodegenerativen Erkrankung“, sagte Hugh Perry. „Systemische Entzündungen haben auch Folgen für das Gehirn. Bei einer Infektion können sich Stimmung und Kognition verändern.“

Dies gilt auch für junge, gesunde Menschen. Bei diesen bleiben diese Veränderungen allerdings folgenlos und bilden sich mit dem Abklingen der Symptome wieder zurück. Anders bei älteren Menschen mit einer neurodegenerativen Erkrankung. So können sich kognitive Funktionen unter einer systemischen Entzündung akut verschlechtern und auch nach der Ausheilung der Infektion nicht mehr bessern.

Häufige Infektionen

„Das ist durchaus kein triviales Problem“, sagte Neuroimmunologe Lassmann. „Sekundärinfektionen wie etwa Harnwegsinfekte sind bei älteren Menschen häufig.“ Um die Krankheitsprogression zu verlangsamen, sollten also Sekundärinfektionen bei älteren Menschen möglichst verhindert, wenn das nicht möglich sei, so rasch wie möglich diagnostiziert und behandelt werden, um eine Verschlechterung der neurodegenerativen Symptomatik zu verhindern.

Veränderte Mikroglia

Verantwortlich für diese Prozesse im Gehirn ist die Mikroglia, die sich bei neurodegenerativen Erkrankungen stark vermehrt und verändert. Dies führt zu einer verstärkten Ausschüttung von Entzündungsmediatoren als Antwort auf eine systemische Entzündung. „Wenn unsere Hypothese stimmt und systemische inflammatorische Prozesse negative Auswirkungen auf neurodegenerative Erkrankungen haben, können diese neuen Erkenntnisse uns neue Ansatzpunkte für therapeutische Konzepte liefern“, zeigte sich Perry am Ende seines Vortrags überzeugt. „Diese könnten das Fortschreiten der neurodegenerativen Erkrankung verlangsamen und die Lebensqualität der Erkrankten verbessern.“

Von Sabine Fisch, Ärzte Woche 43 /2010

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