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An einem Elixier, das den Menschen vor Demenz schützt, wird gearbeitet. Sollten sich zukünftig schon junge Frauen und Männer impfen lassen?
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Prof. Dr. Herbert Budka Kongresspräsident, Leiter des Instituts für Neurologie am AKH Wien

 
Neurologie 27. Oktober 2010

Mechanismen der „Krankheit des Vergessens“

Jahrzehntelang war Alzheimer-Demenz unverstanden, bis heute ist sie unheilbar. Neue Erkenntnisse machen Hoffnung. Bis man sich bereits in jungen Jahren gegen den drohenden Gedächtnisverlust impfen lassen kann, wird aber noch viel Zeit vergehen.

Die Entdeckung des Proteins Amyloid-Beta in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts brachte Licht in die bis dahin brach liegende Erforschung der Alzheimer-Demenz. Nun wird immer stärker klar: Viele Mechanismen triggern die Krankheit.

 

Viele Jahrzehnte galt die Alzheimer-Demenz als unverstanden und unheilbar. Jetzt treten die Erforschung der Krankheitsentstehung und die Entwicklung neuer Therapiekonzepte erstmals in eine heiße Phase. „Therapeutischer Nihilismus ist bei Alzheimer-Demenz nun nicht mehr angezeigt“, sagt der Leiter des Instituts für Neurologie am AKH Wien und Organisator des 17. Internationalen Neuropathologie-Kongresses vom 11. bis 15. September in Salzburg, Prof. Dr. Herbert Budka.

Den ersten Schritt in die richtige Richtung setzte der deutsche Molekularbiologe Prof. Dr. Konrad Beyreuther im Jahr 1984, als er das Proteinfragment Amyloid-Beta entdeckte und herausfand, dass A-Beta für die Ablagerungen in den Gehirnen von Alzheimer-Patienten verantwortlich ist.

Die Entdeckung von Amyloid-Beta ermöglichte die Entwicklung von Impfstoffen, mit denen versucht wurde, die Plaques im Gehirn zu verringern. Die ersten Impfstoffe, mit deren Hilfe versucht wurde, eine Immunreaktion im Gehirn auszulösen und damit die Ablagerungen zu reduzieren, verliefen wenig erfolgsversprechend. Zwar wurden die Plaques in Studien tatsächlich verringert. Allerdings erlitt eine Reihe von Patientinnen und Patienten postvakzinal eine aseptische Enzephalitis. Der Impfstoff hatte eine Autoimmunreaktion im gesamten Gehirn ausgelöst und nicht nur an den Plaques.

Die zweite Impfstoffgeneration dagegen weist diese Nebenwirkung nicht mehr auf. Das Vakzin besteht aus einem Amyloid-Beta-ähnlichen Molekül, das bis dato keine Autoimmunreaktionen auslöst: Ersten Studien zufolge aktiviert der neue Impfstoff ausschließlich jenen Teil des Immunsystems, der für die Verminderung der Plaques zuständig ist. Die Ablagerungen können damit erfolgreich reduziert werden. „Allerdings hatte dies keine Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten der Patienten“, bedauert Prof. Dr. James Nicoll, Neuropathologe an der Universität von Southampton/England.

Junge Menschen impfen?

Versuche an transgenen Mäusen haben ergeben, dass die Immunisierung nicht nur die Plaques verringert, sondern auch die kognitiven Fähigkeiten verbessert, wenn sie in einem sehr frühen Stadium der Alzheimer-Demenz verabreicht wird. Alles dreht sich also um die Frage, wann die Impfung gegen Alzheimer-Demenz verabreicht werden sollte. „Es wäre denkmöglich, junge gesunde Menschen zu impfen“, meint etwa die schwedische Gehirnforscherin Prof. Dr. Agneta Nordberg vom Karolinska Institut in Stockholm. Dazu seien allerdings noch einige Jahre Forschung und vor allem teure Langzeitstudien notwendig.

Tau-Protein entfernen?

Neben Amyloid-Beta ist vor kurzem ein neuer „heißer“ Kandidat für therapeutische Ansätze in der Forschung aufgetaucht: Das Tau-Protein, das sich als Faserbündel innerhalb der Nervenzellen befindet, verformt sich bei einer Alzheimer-Demenz zu unauflöslichen Bündeln, die als Tangles bezeichnet werden und ebenfalls Teil der Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Patienten sind. „Möglichweise kann das Tau-Protein aus den Nervenzellen entfernt werden“, erklärt Budka.

Sekundärinfektionen verhindern

Diskutiert wird auch die Entzündungshypothese bei Alzheimer-Demenz. Schon vor einigen Jahren zeigte der kanadische Gehirnforscher Dr. Patrick McGeer auf, dass zu Beginn der Alzheimer-Demenz heftige inflammatorische Prozesse im Gehirn ablaufen. Diese Entzündungsprozesse wirken zuerst schützend auf die Gehirne der Betroffenen. Irgendwann allerdings kehrt sich dieser an sich positive Entzündungsprozess um und verschlechtert die Demenz. Dies gilt insbesondere dann, wenn der Patient an Sekundärinfektionen, wie etwa einem Harnwegsinfekt, erkrankt. Der englische Neuropathologe Prof. Dr. Hugh Perry von der Universität Southampton konnte rezent nachweisen, dass eine solche Sekundärinfektion die Alzheimer-Demenz verschlechtern kann.

Grund zum Optimismus

Es wird wahrscheinlich noch einige Jahre dauern, bis neue wirksame Medikamente gegen Alzheimer marktreif sind. Auch von einer Heilung kann noch lange keine Rede sein. Aber, so Budka hoffnungsvoll: „Mit den neuen Erkenntnissen wird in nicht allzu langer Zeit ein Stillstand der Erkrankung möglich sein.“

 

Von Sabine Fisch, Ärzte Woche 43 /2010

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