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Neurologie 21. Jänner 2009

Chemische Keule für Demente

Studie: Neuroleptika erhöhen Sterblichkeit bei Alzheimer-Patienten auf fast das Doppelte.

Neuroleptika werden bei Alzheimer-Patienten zu häufig und zu lange eingesetzt, um Aggressionen, Erregungszustände und Wahnvorstellungen in den Griff zu bekommen. Während der Nutzen nach relativ kurzer Zeit nachlasse, steige das Mortalitätsrisiko dramatisch, lautet das Fazit britischer Forscher, die sowohl konventionelle als auch atypische antipsychotische Medikamente in der Langzeitanwendung bei Morbus Alzheimer untersucht haben.

„Die Ergebnisse dieser Studie sind alarmierend und zeigen die Gefahr, die von der Langzeitverschreibung von Antipsychotika ausgeht. Diese Medikamente sind eine potenziell gefährliche chemische Keule für Patienten, die ohne diese besser dran wären. Wir brauchen dringend bessere Behandlungsmöglichkeiten für Alzheimerpatienten“, fordert Rebecca Woods, Geschäftsführerin des Alzheimer’s Research Trust, der eine Studie finanziert hat, die nun im Lancet Neurology vorab online erschienen ist (doi: 10.1016/S1474-4422(08)70295-3). Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass Gaben von Neuroleptika über einen Zeitraum von drei Monaten hinaus die Sterblichkeit von Alzheimer-Patienten in besorgniserregendem Maße erhöhen könnten.

Das Team um Prof. Dr. Clive Ballard vom King‘s College in London hat für die aktuelle Studie Alzheimerpatienten, die in britischen Pflegeheimen betreut wurden und Neuroleptika erhielten, in eine Studie aufgenommen. Die Probanden wurden randomisiert zwei Gruppen zugewiesen: Eine Gruppe wurde für ein Jahr weiterhin mit Neuroleptika behandelt (Thioridazin, Chlorpromazin, Haloperidol, Trifluoperazin oder Risperidon), während diese Medikamente in der Kontrollgruppe abgesetzt wurden. Diese Patienten erhielten stattdessen oral ein Placebo. Von den 165 Patienten wurden 128 in die Studie eingeschlossen: 64 in die Neuroleptika-Gruppe und 64 in die Placebo-Gruppe.

Noch 30 Prozent am Leben

Nach zwölf Monaten betrug die kumulative Überlebensrate in der Kontrollgruppe 77 Prozent gegenüber 70 Prozent in der Neuroleptika-Gruppe. Je mehr Zeit verstrich, desto deutlicher wurde der Unterschied: Nach 24 Monaten hatten in der Placebo-Gruppe 71 Prozent überlebt, in der Testgruppe aber nur 46 Prozent, und nach 36 Monaten schließlich waren nur noch 30 Prozent der Neuroleptika-Patienten am Leben; in der Placebo-Gruppe hingegen überlebten 59 Prozent. Nach drei Jahren waren also weniger als ein Drittel derjenigen Menschen, die über einen langen Zeitraum Neuroleptika erhalten hatten, noch am Leben, jedoch fast zwei Drittel der Menschen, die mit Scheinmedikamenten behandelt worden waren.

Dr. Mark Baxter von der University of Oxford und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Alzheimer’s Research Trust stellt klar: „Antipsychotische Medikamente können bei der Kontrolle von Verhaltensstörungen bei Alzheimererkrankungen – etwa bei schweren Aggressionen, Wahnvorstellungen und Erregungszuständen – effektiv sein, aber diese Studie verdeutlicht, dass diese Medikamente schwerwiegende und ernsthafte Folgen haben im Sinne einer erhöhten Mortalität und dabei keinerlei Auswirkungen auf den zugrundeliegenden Prozess der Alzheimererkrankung haben.“

Die europäische Arzneimittelagentur EMEA empfiehlt Ärzten, deren Demenz-Patienten psychotische Symptome oder aggressives Verhalten an den Tag legen, die nationalen Leitlinien für das Management solcher Episoden zu befolgen und Risiken und Nutzen der Therapien gegeneinander abzuwägen. Ein Wechsel zwischen atypischen und konventionellen Neuroleptika sei nach derzeitiger Evidenz nicht erforderlich, gibt die EMEA bekannt (www.emea.europa.eu ).

Von Mag. Patricia Herzberger, Ärzte Woche

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