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Foto: Christian Lendl / Artovkat
Prof. Dr. Klaus von Wild (KvW Neuroscience Consulting), Prof. Dr. Michael E. Selzer (Shriners Hospitals), Prof. Dr. Heinrich Binder (Neurologisches Zentrum, Otto Wagner Spital), Prof. Dr. Volker Hoemberg (St. Mauritius Therapieklinik), Prof. Dr. Stephan
 
Neurologie 30. März 2010

Kein Wunder, sondern harte Arbeit

Die Neurorehabilitation übernimmt die Patienten da, wo die Akutmedizin sie entlässt.

Durch die steigende Lebenserwartung gewinnen neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall, Parkinson, Schädelhirntrauma etc. zunehmend an Bedeutung. Die neurologische Rehabilitation hat sich zum Ziel gesetzt, die langfristigen Folgen dieser Erkrankungen oder wenigstens ihre Auswirkungen auf den Alltag und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Vergangene Woche tagten 1.600 Ärzte und Neurowissenschaftler in Wien, um auf dem 6. Weltkongress für Neurorehabilitation ihre Erfahrungen und Forschungsergebnisse auszutauschen.

 

Neurologische Erkrankungen werden in Zukunft, schon wegen der Überalterung der Gesellschaft, immer mehr Menschen treffen. Das wird auch die Organisation der Gesundheitssyteme beeinflussen. „Es wird viel kosten, aber es wird auch viel bringen“, erklärte Prof. Dr. Heinrich Binder, Vorstand des Neurologischen Zentrums am Otto-Wagner-Spital und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Neurorehabilitation im Rahmen einer Pressekonferenz am Dienstag. Und weiter: „Neurorehabilitation unterscheidet sich grundlegend von der Akutmedizin. Es darf nicht sein, dass wir Menschenleben retten und uns danach umdrehen und uns nicht mehr um diese Menschen kümmern. Das ist Aufgabe der Neurorehabilitation – und Aufgabe der Gesellschaft.“

Schwierigkeiten mit der Sprache

Kognitive Probleme können das Gedächtnis, die Aufmerksamkeit oder die Sprache betreffen, aber auch Funktionen beeinträchtigen, die für das Planen im Alltag zuständig sind. Hirnläsionen können auch das Verhalten ändern. Solche kognitiven Einschränkungen erschweren die Wiedereingliederung in Familie und Arbeitswelt.

„Am Tag nach einem Hirnschlag leiden ungefähr 25 Prozent der Patienten etwa an Sprachproblemen, andere 25 Prozent haben Aufmerksamkeitsprobleme. Diese Probleme bleiben. Sechs Wochen nach dem Hirnschlag haben ungefähr noch zwölf Prozent der Patienten residuelle Sprachprobleme. Heute weiß man, dass spezifische Behandlung, wie zum Beispiel Sprachtherapie, Aphasikern hilft. Aber damit die Therapien gut laufen, müssen sie auch sehr intensiv sein“, führte Prof. Dr. Stephanie Clarke vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, Lausanne, Abteilung für Neuropsychologie und Neurorehabilitation, aus. Das sei ein Problem, so die Expertin, denn viele Patienten außerhalb Europas hätten keinen Zugang zur richtigen Behandlung.

Depressionen und Ängste

Die Neurorehabilitation umfasst medikamentöse Behandlung genauso wie Physiotherapie, kognitive Therapien und den Einsatz von Hilfsmitteln wie Gehstöcken und Gehhilfen bis hin zur Robotertechnik. Dazu Prof. Dr. Klaus von Wild aus Deutschland: „Funktionelle Behinderungen im geistigen oder körperlichen Bereich haben natürlich auch Auswirkungen auf die soziale Kompetenz des Betroffenen.“ Ein querschnittsgelähmter Patient etwa ist im Rollstuhl mobil und könnte wieder in die Arbeitswelt zurückgeführt werden. „Bemerkenswerterweise muss man aber feststellen, dass nicht alle, die im Rollstuhl wieder mobil werden, auch den Wunsch zeigen, in ihren Beruf zurückzukehren, oder den Drang haben, der Gesellschaft ihren Anteil für das, was sie während der Rehabilitation bekommen haben, wieder zurückzugeben“, so von Wild.

Eine Untersuchung zur Lebensqualität der Betroffenen zeigte, dass nicht Mobilität an erster Stelle der Skala zur Lebensqualität liegt, sondern Angst und Depressionen einen ganz entscheidenden Einfluss auf das Wohlbefinden der Patienten haben. Von Wild: „Unsere Aufgabe heute ist deshalb die Umsetzung von dem, was wir wissen, damit der Betroffene wieder Freude am Leben hat – und auch an der Arbeit.“

Nach einer intensiven Betreuung von zwei bis drei Jahren sei es möglich, so von Wild, über 60 Prozent der Betroffenen, die zuvor nicht wieder in die Arbeitswelt zurückgekehrt sind, wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern. Für das Sozialbudget bedeutet das, dass nach weiteren drei Jahren die für die Rehabilitation aufgewandten Kosten bereits an den Staat zurückbezahlt sind.

 

Quelle: Pressekonferenz des 6. Welt- kongresses für Neurorehabilitation, 23. März 2010, Wien

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