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Neurologie 9. März 2010

Gefangener im eigenen Kopf

Neurologische Expertise verhindert Fehldiagnosen und Verwechslungen von Wachkoma und Locked-In-Syndrom.

In seiner Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage betonte Gesundheitsminister Alois Stöger diplomé neuerlich den zentralen Stellenwert der Neurologie bei der Diagnose des Wachkomas. Hintergrund der Anfrage war der aktuelle Fall des seit 1983 gelähmten Belgiers Rom Houben (46), dessen Ärzte ihn irrtümlich 23 Jahre lang für einen Wachkoma-Patienten in tiefer Bewusstlosigkeit hielten.

 

Um das Risiko einer Fehldiagnose oder einer Verwechslung mit dem Locked-In-Syndrom zu minimieren, sollte die Diagnose eines Wachkomas in die Hände von Neurologen gelegt werden. Eine Forderung, die Stöger nachdrücklich bestätigt: „Solche Fehldiagnosen passieren sicherlich insbesondere dann, wenn wesentliche Differenzialdiagnosen des Wachkomas („Vegetative State“, Apallisches Syndrom) den untersuchenden Ärzt/-innen nicht ausreichend geläufig sind“, so der Gesundheitsminister. Es bedürfe in solchen Fällen „neurologischer fachärztlicher Expertise, gegebenenfalls untermauert durch elektrophysiologische und bildgebende Zusatzuntersuchungen.“

Hintergrund der parlamentarische Anfrage Nr. 3830/J des Abgeordneten Mag. Johann Maier (SPÖ) war der tragische Fall des nach einem Autounfall im Jahr 1983 körperlich gelähmten Belgiers Rom Houben (46): Seine Ärzte hielten ihn fälschlicherweise 23 Jahre lang für einen Wachkoma-Patienten, der in gestörtem Bewusstsein „dahindämmerte“. Tatsächlich konnte er sich nicht mitteilen, war aber möglicherweise wach und bekam eventuell Vieles mit.

43 Prozent falsch diagnostiziert

Eine belgische Studie von Prof. Steven Laureys et al. zeigte, dass Patienten auf Intensivstationen bzw. in Rehabilitationszentren – in Belgien überwiegend von Nicht-Neurologen betreut – zu 43 Prozent die Diagnose „Vegetative State“ bzw. „Minimal Conscious State“ zu Unrecht bekamen.

Prof. Dr. Erich Schmutzhard, Leiter der Neurologischen Intensivstation der MedUni Innsbruck: „Das bedeutet, dass sich insbesondere im großen Sektor der Rehabilitationsmedizin, aber auch in der anästhesiologisch geführten Intensivmedizin, offensichtlich in den letzten 15 Jahren nicht sehr viel geändert hat.“

Relevante Unterschiede

Ein Wachkoma oder „Persistent Vegetative State“ entsteht nach einer schweren Schädigung des Gehirns, verursacht durch ein schweres „Schädel-Hirn-Trauma“ oder Sauerstoffmangel des Gehirns. Betroffene können wie wach erscheinen, erleben aber kein Bewusstsein. Wahrnehmung und Kontakt mit der Umwelt sind nicht möglich.

Lediglich bei einer Gruppe von Wachkoma-Patienten liegt ein „Minimal Conscious State“ vor: Reste von Wahrnehmung und Bewusstsein können vorhanden sein. Schmutzhard dazu: „Die Diagnose des Minimal Conscious State ist oft schwierig und erfordert viel Erfahrung in der Beurteilung schwerst Hirn-geschädigter Patient/-innen.“ Beim Locked-In-Syndrom handelt es sich um eine Schädigung des Hirnstammes, wesentliche Funktionen des Großhirns sind intakt. Bewusstsein und Wahrnehmung sind erhalten, Kontakt zur Umwelt ist durch Augenbewegungen möglich. In der Intensivmedizin geschulte Neurologen können ein Locked-In-Syndrom in der Regel problemlos diagnostizieren. Schmutzhard: „Damit eine so dramatische Fehldiagnose wie bei Rom Houben vermieden werden kann, brauchen wir Fachärzt/-innen für Neurologie, die in der Intensivmedizin erfahren sind, und ebenso eine neurologische Mitbetreuung von Patient/-innen mit Wachkoma in den weiterführenden Versorgungseinrichtungen.“

 

Quelle: Presseaussendung der Öster- reichischen Gesellschaft für Neurologie

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