zur Navigation zum Inhalt
 
Neurologie 23. Februar 2010

Gehirn im Gleichgewicht

Die Forschung eröffnet immer mehr Möglichkeiten der medikamentösen Therapie bei multipler Sklerose, Ataxien und Gleichgewichtsstörungen. Ataxien und Gleichgewichtsstörungen werden in der klinischen Routine oft übersehen. Die Österreichische Gesellschaft für Neurologie (ÖGN) rückt sie zur heute beginnenden 8. Jahrestagung ins Blickfeld und macht sie – neben der multiplen Sklerose (MS) und dem Ultraschall in der Neurologie – zu einem der Hauptthemen in Linz.

Dabei werden die ersten genorientierten Therapieversuche der Friedreich‘schen Ataxie ebenso diskutiert wie orale Präparate zur Behandlung der MS. Ataxien sind Störungen der Bewegungskoordination, die Extremitäten, Körperhaltung, Gleichgewicht, Sprechen oder die Augenbewegung betreffen. Bewegungen laufen nicht mehr zielgerichtet ab, gehorchen nicht mehr dem Willen und gehen oft mit heftigem Zittern einher. Ataxien können zu schweren Beeinträchtigungen der Handfertigkeit führen, zu verwaschener Sprache und einem erhöhten Sturzrisiko.

 „Aufgrund der zahlreichen Unterformen und der sehr komplexen Differentialdiagnose, kommen die Ataxien in der klinischen Routine häufig zu kurz“, erläutert Prim. Prof. Dr. Gerhard Ransmayr, Leiter der Abteilung Neurologie und Psychiatrie (AKH Linz) und Kongresspräsident der ÖGN.

Weil Ataxien auch in der Bevölkerung kaum bekannt sind, gehen Betroffene viel zu selten zum Neurologen und werden weder diagnostiziert noch therapiert. „Im täglichen Leben“, so Ransmayr, „werden Ataxien oft fehlinterpretiert – als Alkoholvergiftung oder geistige Beeinträchtigung – was auch eine entsprechende Kränkung und Benachteiligung der Betroffenen mit sich bringt.“

Gen-orientierte Therapie

Symptomatische medikamentöse Behandlungen können Ataxien meist nicht signifikant verbessern. Deshalb kommen Physiotherapie und Rehabilitation ein besonderer Stellenwert in der Therapie zu. Ziel der Neurologen ist aber eine gegen die Krankheitsursachen gerichtete, Gen-orientierte Therapie. Ransmayr: „Inzwischen gibt es erste, Gen-orientierte Therapieversuche zum Beispiel bei der Friedreich‘schen Ataxie – der mit 1:50.000 häufigsten genetisch bedingten Form. Hier gelang der Nachweis, dass das zur Blutbildung eingesetzte Hormon Erythropoetin, das im Knochenmark die Bildung der roten Blutkörperchen anregt, bei Patienten mit einer Ataxie einen günstigen Einfluss auf die Muskelkraft hat. Das ist sensationell.“

Orale Behandlung der MS

Seit 15 Jahren kann Multiple Sklerose durch ß-Interferon und Glatirameracetat gebremst und stabilisiert werden. Seit 2006 besteht auch die Möglichkeit alle vier Wochen per Infusion den Antikörper Natalizumab zu verabreichen: Damit Behandelte sind wesentlich länger schubfrei, längerfristig ist sogar eine Verbesserung der Krankheit möglich. Natalizumab wurde allerdings mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer progressiven multifokalen Leukoenzephalopathie (PML) mit schwerwiegenden neurologischen Ausfallserscheinungen in Zusammenhang gebracht (geschätzte Inzidenz 1:1.000).

Deshalb führt die ÖGN seit 2006 ein „Natalizumab-Register“. „Mit Stand von 1. 2 .2010 sind 586 Patienten ins Register eingeschlossen, PML-Fälle wurden in Österreich bis dato nicht beobachtet“, bilanziert Dr. Michael Ackerl, Präsident der ÖGN und niedergelassener Neurologe in Oberpullendorf. „Mittlerweile ist dieses Register derart erfolgreich geworden, dass es Überlegungen der Europäischen Arzneimittelagentur gibt, ein ähnliches System EU-weit einzuführen. Dieser qualitätssichernde Service ist umso bedeutsamer, als derzeit die Markteinführung von zwei innovativen, oral einzunehmenden Wirkstoffen gegen MS vorbereitet wird: Cladribin und Fingolimod“, so Ackerl.

Das bereits als Krebsmittel zugelassene Cladribin ist ein kleines Molekül, das möglicherweise das Verhalten und die Zellteilung bestimmter weißer Blutkörperchen beeinflusst, die wahrscheinlich am pathologischen Prozess der MS beteiligt sind. Fingolimod beruht auf einem neuartigen Wirkprinzip: Es verhindert, dass potenziell schädliche Immunzellen aus den Lymphknoten in die Blutbahn gelangen. Damit können sie nicht zur Entstehung von Entzündungen im ZNS beitragen, die für einen Großteil der Krankheitserscheinungen bei MS verantwortlich gemacht werden.

 Zudem zeigten Untersuchungen, dass Fingolimod direkt mit Zellen des ZNS reagiert, wo es eine schützende Wirkung entfalten und teilweise die Wiederherstellung von Gewebe fördern könnte. Weder zu Cladribin noch zu Fingolimod liegen derzeit Langzeitdaten vor. Ackerl: „Umso mehr gilt es, Vor- und Nachteile abzuwägen. Vor allem bei Cladribin werden ernstzunehmende Nebenwirkungen wie die Entstehung von Krebserkrankungen zumindest diskutiert. Weitere Langzeitstudien werden eine exaktere Einschätzung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses erlauben.“                   

Quelle: Pressegespräch zur 8. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie, 22. 2. 2010, Wien

ÖGN Jahrestagung, 24. - 27.02.2010 Design Center, Linz
 

Tanja Fabsits

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben