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Foto: Ärzte-Woche-Montage
Wenn keine Eselsbrücke mehr hilft und das Papier zur Identität wird, dann brauchen die Betroffenen Hilfe und Verständnis von allen Seiten. Dann ist ein multidisziplinäres soziales Netzwerk dringend vonnöten.
 
Neurologie 15. November 2008

Du bist nicht allein

Demenz – vom Einzelschicksal zum Massenphänomen. Nur mithilfe einer multidisziplinären Zusammenarbeit wird die Herausforderung der kommenden Jahre bewältigbar sein.

Ständig steigende Lebenserwartung und die dramatische Zunahme von Demenzerkrankungen werfen zahlreiche Fragen zur Versorgung alter, multimorbider und pflegebedürftiger Menschen auf. Einige Antworten findet man am 22. November beim 3. Wiener Alzheimertag, Österreichs größter Informationsveranstaltung zum Thema geistige Gesundheit und Pflege im Alter.

 

„Seit Jahrzehnten steigt die durchschnittliche Lebenszeit kontinuierlich an, die Zahl alter und hoch betagter Menschen in unserer Gesellschaft wächst ständig. Im täglichen Straßenbild hat man den Eindruck, dass inzwischen die Zahl der Menschen, die mit einem Rollator unterwegs sind, die derjenigen mit einem Kinderwagen übersteigt“, sagte kürzlich die Vizepräsidentin der Deutschen Bundesärztekammer, Cornelia Gösmann, beim 111. Bundestag der Deutschen Ärztekammer.

Noch nie zuvor wurde der Wunsch nach einem möglichst langen Leben so häufig zur individuellen und damit sozialen Realität wie heute. Damit gewinnen in unserer „Gesellschaft des langen Lebens“ freilich Behandlung und Pflege älterer und alter Patienten, die zumeist chronisch krank und partiell oder komplett pflegebedürftig sind, zunehmend an Bedeutung. Gleichzeitig brechen soziale und familiäre Strukturen weg, die Zahl betagter Menschen in Einpersonenhaushalten nimmt zu. Dies stellt für jeden Einzelnen, aber auch für die Gesellschaft neue Herausforderungen bei der medizinischen und pflegerischen Versorgung der Betroffenen dar. Alt sein ist folglich nicht länger Einzelschicksal, sondern – zumindest in unseren Breiten – längst ein Massenphänomen.

Immer älter – und dementer

Die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur Österreichs sind alarmierend. Insgesamt sind heute rund 400.000 Österreicher über 80 Jahre alt, ihre Anzahl wird sich bis 2030 auf über 500.000 erhöhen. Diese Menschen werden besonderer Betreuung bedürfen, da die Demenzrate – wenn nicht eine effektive Präventionsstrategie bzw. Therapie entwickelt wird – mit zunehmendem Alter exponentiell ansteigen wird. Von den 75- bis 80-jährigen sind knapp zwölf Prozent, von den 80- bis 90-jährigen knapp 25 Prozent und von den über 90-jährigen Mitbürgern schon rund 30 Prozent von einer Demenz betroffen. Derzeit leiden etwa 100.000 Menschen in Österreich an einer demenziellen Erkrankung. Für das Jahr 2050 wird mit 240.000 Demenzkranken gerechnet, wobei bemerkenswerterweise (bezogen auf die über 65-Jährigen) mehr als doppelt so viele Frauen betroffen sein werden.

Alt und multimorbid – ein Markenzeichen der Demenz

Mit steigendem Alter ist das Krankheitsgeschehen durch das Phänomen der Multimorbidität gekennzeichnet, jeder dritte der über 70-jährigen hat über fünf verschiedene Erkrankungen und somit ein deutlich erhöhtes Risiko, funktionell erheblich beeinträchtigt zu sein. Andererseits ist es der modernen Medizin gelungen, das Auftreten starker gesundheitlicher Belastungen in das hohe Alter zu verschieben, so dass Pflegebedürftigkeit und Multimorbidität vor allem jenseits des siebten Lebensjahrzehntes kumulieren. Hier prallen die epidemiologischen Demenz- und Multimorbiditätskurven aufeinander. Im Laufe der Demenzerkrankung treten während der Betreuungsphase gehäuft schwerwiegende somatische Begleiterkrankungen auf.

In einer kürzlich publizierten Studie, die demente und nichtdemente Patienten einschloss, ging man der Frage nach möglichen Unterschieden bezüglich Todesursachen bzw. vorliegender Komorbidität nach. Die Todesursachen unterschieden sich signifikant: Bei dementen Patienten war die Bronchopneumonie die häufigste Todesursache (45,5 %), gefolgt von kardiovaskulären Erkrankungen (31,3 %), wohingegen sich in der Gruppe der nichtdementen Patienten nahezu umgekehrte Verhältnisse fanden (28,0 % bzw. 46,2 %). Die mittlere Anzahl zugrunde liegender schwerer Erkrankungen war signifikant höher bei dementen Patienten als bei nichtdementen. Alzheimer-Patienten litten im Mittel unter etwa 3,5 schweren Grunderkrankungen, nichtdemente Senioren hingegen unter drei. Frühere Untersuchungen bei an Alzheimerdemenz verstorbenen Patienten zeigten, dass eine erhöhte Inzidenz an neurologischen Komplikationen (Parkinson, Schlaganfall, Anfallsleiden), interkurrenten Infektionen (Pneumonie, Harnwegsinfekt) und Mangelernährung besteht. Aus klinischer Sicht sind die bedeutendsten Komorbiditäten hüftgelenksnahe Frakturen, Harnwegsinfekte, Anfallsleiden, Osteoarthritis/Osteoporose, Dekubitus, Synkope, Schluckstörungen, Herzinsuffizienz sowie Hypertonie. Der demente, multimorbide Patient stellt somit einen besonderen Risikopatienten dar, der durch seine vielfache Vulnerabilität prädisponiert ist, unter den Folgen seiner Begleiterkrankungen zusätzlich zu leiden oder frühzeitig daran zu versterben.

Der Hausarzt nimmt eine zentrale Versorgungsrolle ein

Im Rahmen von Aus-, Weiter- und Fortbildung aller Gesundheitsberufe müssen demenzielle Erkrankungen verstärkt Berücksichtigung finden. Hierzu zählen auch Hospitationen von Ärztinnen und Ärzten sowie von anderen Berufsgruppen in der Geriatrie und an gerontopsychiatrischen bzw. neurogeriatrischen Abteilungen. Pflegende Angehörige müssen Entlastung durch Selbsthilfegruppen, Schulungen, Urlaubsangebote, Rehabilitationskonzepte und die Organisierung von Nachtwachen und Tagesstätten für die Erkrankten erfahren. Besonders wichtig ist die gesamtgesellschaftliche Debatte, die auf einen Abbau der Tabuisierung und eine Beendigung der Isolation von Demenzkranken und ihren Angehörigen hinzielt. Zur bestmöglichen Betreuung Demenzkranker ist eine optimale Kooperation aller Akteure notwendig. Hierbei kommt dem langjährigen Hausarzt eine zentrale Stellung in der Koordination von Prävention, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation für seine Patienten zu. Hausärzte und Fachärzte kooperieren, beraten und unterstützen im Versorgungsmanagement die Erkrankten und ihre Familien und leiten entsprechende Maßnahmen ein.

Neue übergreifende Konzepte

Im Bereich der Pflegeheimversorgung müssen architektonische und pflegerische Gesamtkonzepte für Demenzkranke weiter entwickelt werden. Eine würdige und moderne pflegerische Heimversorgung wird sich nur durch eine 30-prozentige Personalbudgetaufstockung realisieren lassen. Auf diese Art sind oben beschriebene Therapiekonzepte mit Gruppenarbeit, Verhaltenstherapie, aktivierender und bestärkender Pflege möglich.

Legislative muss sich mehr engagieren

Der Gesetzgeber muss ebenso in die Pflicht genommen werden, nur so können neue Versorgungskonzepte für geriatrische Patienten etabliert werden, freilich bei gleichzeitigem intensiven Engagement der Ärzteschaft. Sowohl bei der Versorgung von noch zu Hause lebenden Betroffenen als auch insbesondere bei der Betreuung von Altenheimen müssen neue Kooperationsformen zwischen allen beteiligten ärztlichen und pflegerischen Strukturen (ambulant und stationär) entwickelt und finanziert werden.

Als mögliche Ansätze kommen Projekte der integrierten Versorgung infrage. So zeigen etwa Modellprojekte, dass sich Heimpersonal wie Heimpatienten besser betreut fühlen, unnötige Krankenhauseinweisungen vermieden und damit Belastungen für die Patienten und Kosten im Gesundheitswesen gespart werden können, sofern feste Kooperationen von Haus- und Fachärzten, die ein Heim gemeinsam betreuen, angebahnt werden können.n

 

Der Autor, Prim. Dr. Andreas Winkler, MSc, leitet im Haus der Barmherzigkeit die Abteilung für Gerontoneurologie und Neurologische Rehabilitation und ist Herausgeber des fokus neurogeriatrie im Verlag SpringerWienNewYork.

Die Kehrseite des Alterns In den letzten Jahrzehnten stieg die Lebenserwartung in Österreich in einem beachtlichen Tempo. Aktuelle Zahlen der Statistik Austria belegen: Im Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre (1991 bis 2006) lag der jährliche Zugewinn für Frauen bei 0,25 Jahren, für Männer sogar bei 0,32 Jahren. Die in guter Gesundheit verbrachten Jahre erhöhten sich im gleichen Zeitraum noch stärker als die Lebenserwartung: um 6,3 Jahre bei den Frauen bzw. um 6,1 Jahre bei den Männern. Ältere Menschen (ab 65 Jahre) profitierten vom Sterblichkeitsrückgang der vergangenen Jahrzehnte besonders – minus 22 Prozent. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch auf den zweiten Blick evident: Der Anteil derjenigen, die sich gesundheitlich schlecht bzw. sehr schlecht fühlen, blieb beinahe unverändert (2006: 6 %). Allerdings ist hier zu berücksichtigen, dass die Zahl der Menschen im Alter von 75 und mehr Jahren in Österreich seit 1991 von rund 520.000 auf 650.000 gestiegen ist. In Österreich verbringen heute mehr ältere Menschen als jemals zuvor ein von Erkrankung und Pflegebedürftigkeit belastetes Leben. Bei den über 75-Jährigen sind heute etwa zwei Drittel der Bevölkerung (140.000 Männer, 300.000 Frauen) von chronischen Krankheiten bzw. Gesundheitsproblemen betroffen. Auch ein ökonomisches Problem Auf Pflegegeld sind derzeit etwa 400.000 Menschen angewiesen. Die Demenz ist mit Abstand der wichtigste Grund für eine Heimunterbringung. So werden bis zu 80 Prozent aller Demenzkranken im Verlauf ihrer Erkrankung in ein Pflegeheim aufgenommen. Derzeit wird davon ausgegangen, dass etwa 60 Prozent aller Heimbewohner an einer Form der Demenz leiden. Immerhin werden aber rund ein Viertel der an Demenz Erkrankten von Familienangehörigen versorgt, und es gibt immer noch einen hohen Anteil Pflegebedürftiger (zumeist Frauen über 80), die noch alleine leben und in unterschiedlichem Ausmaß von Verwandten, Nachbarn oder ambulanten Pflegediensten versorgt werden. Derzeit kosten in Österreich die Behandlung und Betreuung eines einzelnen Demenzkranken etwa 13.600 Euro pro Jahr. Diese Aufwendungen summieren sich für alle Demenzkranken in Österreich auf etwa 1,1 Milliarden Euro, wobei der größte Teil (76 %) nichtmedizinische Kosten ausmacht (z.B. Kosten für die Pflege, für Tagesstätten).
Foto: Ärzte-Woche-Montage

Wenn keine Eselsbrücke mehr hilft und das Papier zur Identität wird, dann brauchen die Betroffenen Hilfe und Verständnis von allen Seiten. Dann ist ein multidisziplinäres soziales Netzwerk dringend vonnöten.

Von Prim. Dr. Andreas Winkler, MSc, Ärzte Woche

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