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Univ.-Prof. Dipl. Ing. Dr. Christoph Baumgartner 2. Neurologische Abteilung Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel, Wien „Anfälle werden durch körperliche Anstrengung eher unterdrückt.“
 
Neurologie 14. November 2008

Epilepsie und Lifestyle

Anfallskontrolle ist nicht alles: Einschränkungen minimieren.

Anfallskontrolle ist das wichtigste Ziel der Epilepsiebehandlung. In den letzten Jahren wurde jedoch erkannt, dass eine optimale Epilepsiebehandlung darüber hinausgehen sollte. Denn für die Lebensqualität eines Patienten sind Faktoren wie Medikamentennebenwirkungen, Begleitdepressionen und psychosoziale Einschränkungen in vielen Fällen entscheidender als die Anfallskontrolle.

 

Vor allem Patienten mit schwer behandelbaren Epilepsien leiden unter Belastungen, die über die erschwerte Anfallskontrolle hinausgehen. Für eine optimale Therapie ist es daher entscheidend, die Epilepsie und ihre psychosozialen Implikationen aus der Sicht des Patienten zu verstehen.

Aus Patientensicht

In mehreren Studien konnten folgende für die Patienten belastenden Faktoren identifiziert werden:

  • Angst vor Anfällen,
  • deren Unvorhersehbarkeit und Folgen,
  • Einschränkung in der Lebensführung (Einschränkungen der Fahrerlaubnis, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und bei der Arbeitsplatzsuche, Einschränkungen bei Aktivitäten des täglichen Lebens und bei Freizeitaktivitäten, Abhängigkeit, soziale Isolation), Stigmatisierung,
  • Nebenwirkungen der medikamentösen Therapie.

Die in den meisten Ländern geforderte mindestens einjährige Anfallsfreiheit vor der Erteilung der Fahrerlaubnis stellt insbesondere für Patienten, die in ländlichen Regionen leben, oft eine signifikante Einschränkung ihrer beruflichen und privaten Lebensführung dar. Die Arbeitslosenrate liegt bei Epilepsiepatienten signifikant über der in der Allgemeinbevölkerung. Zudem sind Epilepsiepatienten, insbesondere solche mit schwer behandelbaren Epilepsien, häufig mit signifikanten Problemen am Arbeitsplatz konfrontiert, wie z. B. Ausschluss von bestimmten Tätigkeiten, eingeschränkte Karrieremöglichkeiten, Diskriminierung durch die Arbeitskollegen, verminderte Leistungsfähigkeit durch Nebenwirkungen der Antiepileptika oder vermehrte Fehlzeiten durch Anfälle. Die Epilepsie ist leider nach wie vor eine stigmatisierte Erkrankung, so fühlt sich etwa die Hälfte der Patienten durch ihre Erkrankung stigmatisiert, während ein Viertel das soziale Stigma als das Hauptproblem ihrer Erkrankung empfinden.

Komorbiditäten berücksichtigen

Während die genannten sozialen Beeinträchtigungen nur durch eine entsprechende soziale Unterstützung verbessert werden können, sind andere für die Lebensqualität der Patienten entscheidende Beeinträchtigungen, wie psychiatrische Komorbiditäten, neuropsychologische Defizite und Medikamentennebenwirkungen, sehr wohl einer medikamentösen Therapie oder anderen, nicht-medikamentösen Maßnahmen zugänglich. Die Depression stellt die häufigste psychiatrische Begleiterkrankung bei Epilepsien dar: drei bis neun Prozent bei gut kontrollierter Epilepsie; 20 bis 55 Prozent bei Patienten mit schwer behandelbaren Epilepsien. Zudem besteht bei Epilepsiepatienten eine im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung zehnfach erhöhte Suizidrate.

Gemeinsame Mechanismen

Umgekehrt sind aber auch anamnestisch zu erhebende Depressionen bei Patienten mit neu diagnostizierten Epilepsien 3,7– bis siebenmal häufiger als in einem Vergleichskollektiv zu erheben. Diese bidirektionale Beziehung ist durch gemeinsame Pathomechanismen der beiden Erkrankungen zu erklären. Depressionen werden bei Epilepsiepatienten allerdings unterdiagnostiziert und unterbehandelt. Nur sieben Prozent der amerikanischen Neurologen befragen ihre Epilepsiepatienten routinemäßig nach dem Vorhandensein von depressiven Symptomen, 60 Prozent der Patienten waren für mehr als ein Jahr symptomatisch, bevor eine Behandlung indiziert wurde.

Das Vorliegen und der Schwergrad einer Depression sind die wichtigsten Prädiktoren für die Lebensqualität von Epilepsiepatienten und entscheidender als die Anfallsfrequenz. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer frühzeitigen Diagnose und Behandlung, wobei betont werden soll, dass das epileptogene Potenzial von Antidepressiva ein vernachlässigbares Risiko darstellt.

Nebenwirkungen nicht unterschätzen

Die Verträglichkeit der antiepileptischen Medikation ist von entscheidender Bedeutung für die Lebensqualität von Epilepsiepatienten. In einer europäischen Befragung von über 5.000 Epilepsiepatienten berichteten 88 Prozent der Patienten über zumindest eine Nebenwirkung der medikamentösen Therapie, bei einem Drittel musste die Medikation wegen Nebenwirkungen im vergangenen Jahr geändert werden.

Die Häufigkeit von medikamentösen Nebenwirkungen wird durch die behandelnden Ärzte zumeist beträchtlich unterschätzt. Durch eine entsprechende Adaptation der Medikation, in den meisten Fällen eine Dosisreduktion, kann bei vielen Patienten eine Verbesserung der Lebensqualität erreicht werden, ohne die Anfallskontrolle zu verschlechtern.

Kognitive Einschränkungen bedenken

Nahezu die Hälfte der Patienten berichtet von kognitiven Beeinträchtigungen, unter anderem in den Bereichen Gedächtnis, Konzentrationsfähigkeit sowie Sprache. Die Ursachen hierfür sind multifaktoriell und umfassen die der Epilepsie zu Grunde liegende Neuropathologie, die Anfälle (mit ihren postiktalen Effekten), die Nebenwirkungen der antiepileptischen Therapie und psychosoziale Faktoren. Bereits Patienten mit neu diagnostizierten Epilepsien ohne Therapie, bei denen ein Medikamenteneffekt somit ausgeschlossen werden kann, zeigen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung kognitive Einschränkungen.

Das Vorhandensein von kognitiven Beeinträchtigungen ist auch einer der wichtigsten prognostischen Faktoren für die zu erwartende Anfallskontrolle. Bei der Wahl der antiepileptischen Medikation sollte auf allfällige kognitive Nebenwirkungen deshalb besonderes Augenmerk gerichtet werden. Ein striktes Alkoholverbot bei Epilepsie wird nach wie vor von vielen Ärzten empfohlen. Diesbezüglich ist festzuhalten, dass geringer Alkoholkonsum die Anfallsschwelle nicht verändert. Zudem bestehen bei geringen Alkoholmengen keine signifikanten pharmakokinetischen oder pharmakodynamischen Interaktionen mit Antiepileptika. Geringer Alkoholkonsum sollte also erlaubt werden, wodurch eine weitere soziale Beeinträchtigung der Patienten vermieden werden kann. Ein striktes Alkoholverbot ist jedoch bei bestimmten Epilepsiesyndromen (idiopathische generalisierte Epilepsien) insbesondere in Kombination mit Schlafentzug zu erwägen.

Allgemeine Fitness fördern

Epilepsiepatienten betreiben weniger Sport und sind auch deshalb physisch oft weniger fit als die Allgemeinbevölkerung. Grundsätzlich sind sportliche Betätigungen bei Epilepsiepatienten zu fördern. Anfälle werden durch körperliche Anstrengung im Allgemeinen nicht provoziert, sondern vielmehr eher unterdrückt. Vorsicht ist beim Wassersport und bei exponierten Sportarten (Klettern, Paragleiten etc.) geboten.

Zusammenfassend sollte eine moderne Epilepsiebehandlung darauf abzielen, die Einschränkungen der Epilepsie auf den individuellen Lebensstil des Patienten zu minimieren und so die Lebensqualität des Patienten zu optimieren. Die Epilepsie ist mit einer Prävalenz von fünf bis neun pro 1.000 eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen. In Österreich leiden etwa 65.000 Menschen an dieser Erkrankung. Bei etwa 65 Prozent der Patienten kann durch eine antiepileptische Therapie anhaltende Anfallsfreiheit erreicht werden, wobei bei vielen dieser Patienten im Langzeitverlauf die Medikamente wieder abgesetzt werden können. Bei den übrigen 35 Prozent entwickelt sich eine schwer behandelbare Epilepsie (Anfälle trotz maximaler Therapie).n

 

Der Originalartikel ist nachzulesen in der Zeitschrift Wiener Medizinische Wochenschrift Skriptum 1/2008, S. 7-8, © SpringerWienNewYork

Epilepsie – Behandlungsziele Anfallsfreiheit bzw. Anfallskontrolle gute Verträglichkeit  keine oder geringe Nebenwirkungen einfache Handhabung für Patient und Arzt (Pharmakokinetik, Pharmakodynamik) Komorbidität  günstige Beeinflussung von mit der Epilepsie häufig assoziierten Begleiterkrankungen (neuropsychologische Störungen, psychiatrische Erkrankungen, Schlafstörungen etc.) Berücksichtigung der Bedürfnisse spezieller Patientengruppen (Kinder, Frauen im gebärfähigen Alter, ältere Patienten, retardierte Patienten) Vermeidung von negativen sozialen Folgen der Epilepsie Verbesserung der Lebensqualität Prävention der erhöhten Mortalität von Epilepsiepatienten
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Univ.-Prof. Dipl. Ing. Dr. Christoph Baumgartner 2. Neurologische Abteilung Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel, Wien „Anfälle werden durch körperliche Anstrengung eher unterdrückt.“

Von Prof. Dipl. Ing. Dr. Christoph Baumgartner, Ärzte Woche

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