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Neurologie 13. November 2008

Der verstellte Blick

Multiple Sklerose wird bei Patienten mit vorexistierenden Erkrankungen später diagnostiziert.

Beginnende Symptome einer Multiplen Sklerose (MS) werden bei Patienten, die an Gefäßerkrankungen leiden oder schwer übergewichtig sind, häufig erst spät als solche erkannt. Vielmehr werden Anzeichen wie Kribbeln oder Taubheitsgefühl auf die Grunderkrankung geschoben. Bei Patienten mit chronischen Erkrankungen sollten daher neu auftretende neurologische Symptome immer sorgfältig abgeklärt werden.

In einer kanadisch-amerikanischen Studie wurde untersucht, ob bei Menschen, die unter gesundheitliche Problemen leiden, eine allfällige Multiple Sklerose (MS) später entdeckt wird als bei ansonsten unauffälligen Patienten. Tatsächlich werden bei Komorbidität manche beginnenden Symptome der Multiple Sklerose zunächst häufiger auf die Grunderkrankung geschoben anstatt als Hinweis auf die zusätzliche Störung erkannt zu werden.

Symptome gründlich abklären

„Unsere Studie gibt Hinweise darauf, dass Ärzte, die Menschen mit chronischen Erkrankungen behandeln, neue neurologische Symptome ihrer Patienten, wie Tagesmüdigkeit, Benommenheit oder Kribbeln, nicht ohne sorgfältige Abklärung auf die bestehende und bekannte Grunderkrankung zurückführen sollen“, sagt Studienautorin Dr. Ruth Ann Marrie von der University of Manitoba in Winnipeg, Kanada, und Mitglied der American Academy of Neurology.

Behinderungen innert zwei Jahren nach Diagnose

Für die Studie haben die Forscher Daten von 8.983 Patienten, bei denen Multiple Sklerose diagnostiziert worden war, aus dem Multiple-Sklerose-Register des North American Research Committee analysiert. Von diesen litten 2.375 bereits innerhalb von zwei Jahren nach der Stellung der Diagnose unter leichten bis schweren Behinderungen. Diese Patienten wurden mittels Fragebogen über ihren Gesundheitszustand zur Zeit der Diagnose befragt, außerdem zu ihrer Gewichtsentwicklung und ob sie rauchten.

Bis zu zehn Jahre später erkannt

Es zeigte sich, dass es bei Menschen, die schwer übergewichtig waren, d. h. einen BMI von über 30 hatten, rauchten oder unter physischen Erkrankungen oder mentalen Gesundheitsproblemen (wie Depression, Angststörung, Bipolare Störung, Schizophrenie) litten, ein bis zehn Jahre länger dauerte, bis die Diagnose Multiple Sklerose gestellt wurde, verglichen mit Menschen ohne vorexistierende Gesundheitsprobleme oder allgemeine Risikofaktoren.

Auch eine Zusammenhang zwischen der Anzahl der Begleiterkrankungen und dem Ausmaß der neu diagnostizierten Erkrankung wurde festgestellt. Die Studie ergab, dass der Schweregrad der Multiplen Sklerose zum Zeitpunkt der Diagnosestellung umso schwerer war, je mehr gesundheitliche Probleme ein Patient gleichzeitig schon hatte.

„Menschen mit Gefäßproblemen oder adipöse Patienten hatten dabei eine eineinhalb mal höhere Wahrscheinlichkeit, zum Zeitpunkt der Diagnose bereits mittelgradig behindert zu sein, im Vergleich zu denjenigen, die zwar Multiple Sklerose hatten, aber nicht unter Herz- oder Gewichtsproblemen litten“, sagt Dr. Marrie. „Wir sahen auch, dass Menschen, die zusätzlich zur Multiple Sklerose unter einer psychischen Störung oder Erkrankungen des Bewegungsapparats (wie Arthritis, Rheumatoide Arthritis, Fibromyalgie, Hüft- und Kniegelenksersatz) litten, doppelt so häufig zum Zeitpunkt der Diagnosestellung bereits schwer behindert waren."

Quelle: Marrie, R. A. et al.: Comorbidity delays diagnosis and increases disability at diagnosis in MS. Neurology 2008, doi:10.1212/01.wnl.0000333252.78173.5f

Von Mag. Patricia Herzberger, Ärzte Woche

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