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Foto: Bettschart & Kofler
Prof. Dr. Franz Fazekas, Dr. Julia Ferrari, Prof. Dr. Wilfried Lang und Prof. Dr. Johann Willeit (von links nach rechts) sehen die Schlaganfallversorgung in Österreich auf gutem Weg.
 
Neurologie 17. November 2009

Das „Schlagerl“ ist der Vorbote, nicht das Kind des Schlaganfalls

Am 29. Oktober war der Internationale Schlaganfall-Tag.

Die zweithäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für bleibende Behinderungen ist der Schlaganfall. In Österreich wurden in den vergangenen Jahren beträchtliche Verbesserungen in der Erkennung und Behandlung dieser neurologischen Krankheit durch den flächendeckenden Ausbau der Stroke Units, der auf den Schlaganfall spezialisierten Zentren, erreicht. Der nächste Schritt wäre nun die Umsetzung des Modells einer „Integrierten Versorgung Schlaganfall“ – zumindest wenn es nach dem Willen der Österreichischen Gesellschaft für Schlaganfallforschung geht, die zusammen mit der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie dieses Ansinnen bei einer Pressekonferenz äußerte.

 

Eine typische Erkrankung der ärmeren Bevölkerung sei der ischämische Insult, sagte Prof. Dr. Wilfried Lang, Vorstand der Abteilung für Neurologie, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien, bei einer Pressekonferenz in der Bundeshauptstadt anlässlich des Welt-Schlaganfall-Tags am 29. Oktober. Untersuchungen in Wien hätten gezeigt, dass diese Erkrankung in Ottakring und Favoriten, also jenen Bezirken, in denen die Minderheiten traditionell die Mehrheit stellen, sehr viel häufiger auftreten als etwa in den Nobelbezirken Döbling und Hietzing. Der Grund: Wer mit dem Geld sparsam umgehen muss, greift eher zu billigen – und damit in der Regel nicht vollwertigen – Lebensmitteln, und er besitzt üblicherweise auch keine Dauerkarte für das Fitness-Studio. Daraus resultieren schlechte Blutfett- und Blutdruckwerte – die klassischen Risikofaktoren für den Schlaganfall, wie er umgangssprachlich genannt wird. Was tun? Sozialpolitische Maßnahmen, die in Richtung mehr Bildung und einer gerechteren Einkommensverteilung gehen, könnten einen effektiven Beitrag zur Senkung der Krankheitsrate darstellen. Diese Rate liegt derzeit bei etwa 24.000 Patienten im Jahr. Bei ihnen kam es entweder zu einem Verschluss oder, so die zweite, aber seltenere Ursache, zu einem Riss der Hirnarterie. Der Schlaganfall ist, nach dem Herzinfarkt, die zweithäufigste Ursache für den Tod und die häufigste für bleibende Behinderungen.

Wer wüsste es nicht, wer hätte es nicht schon tausendmal gehört? Prof. Dr. Johann Willeit, Universitätsklinik für Neurologie der Medizinischen Universität Innsbruck und designierter Präsident der Österreichischen Schlaganfall-Gesellschaft, wiederholte es trotzdem noch einmal, weil es so wichtig ist: „Regelmäßige Bewegung – jeden Tag eine halbe Stunde laufen – ist ein hervorragender Schutz gegen alle möglichen Krankheiten, auch gegen den ischämischen Insult. Man kann dem Schlaganfall im wahrsten Sinne davonlaufen.“

Schmerzloser Gang in die Behinderung

Das Tückische am Schlaganfall: Er kündigt sich nicht durch Schmerzen an. Daher wird er leicht unterschätzt und übersehen, und das ist gerade bei dieser Erkrankung fatal, denn wie bei kaum einer anderen spielt hier der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle. Je früher der Schlaganfall erkannt und das Gerinnsel mittels Thrombolyse aufgelöst wird, desto günstiger die Prognose, sprich: desto eher können Tod oder bleibende Behinderungen vermieden werden.

Hier zählt tatsächlich jede Sekunde, daher wurde in der Vergangenheit der flächendeckende Ausbau von spezialisierten Zentren, den Stroke Units, vorangetrieben. Derzeit gibt es in Österreich 34 Zentren, in Kürze soll die Zahl auf 39 steigen. Prof. Dr. Franz Fazekas, Vorstand der Grazer Universitätsklinik für Neurologie, möchte noch einen Schritt weiter gehen: Er machte sich bei der Pressekonferenz stark für das Modell einer „Integrierten Versorgung Schlaganfall“, wo quasi ein gut geöltes Rädchen in das andere greift – von der Prävention bis zur Rehabilitation. Um die Krankheit noch besser und noch umfassender in den Griff zu bekommen.

Der Vorbote der Katastrophe

Bei plötzlich auftretenden halbseitigen Gefühlsstörungen, mitunter zusammen mit Sprachstörungen – das sind die typischen Anzeichen für einen Schlaganfall – reagieren die Betroffenen (und Angehörigen) in der Regel schnell und suchen umgehend ärztliche Hilfe auf. Nicht jedoch, wenn die Symptome weniger ausgeprägt sind, wenn es also zu einer sogenannten Transitorischen Ischämischen Attacke (TIA) kommt, einem „Schlagerl“, wie der Volksmund sagt. Und gerade das ist ein Fehler, wie Dr. Julia Ferrari, Abteilung für Neurologie, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, Wien, betonte. Denn auf die kurzfristige Durchblutungsstörung des Gehirns mit Ausfallserscheinungen, die nicht länger als 24 Stunden und im Schnitt nur zehn Minuten andauern – folge mit hoher Wahrscheinlichkeit der Schlaganfall. „Nach einer TIA erleiden ungefähr zwölf von 100 Personen innerhalb von drei Monaten einen ischämischen Schlaganfall, sechs davon innerhalb der nächsten 48 Stunden. Patienten mit einer TIA haben ein hohes Risiko, innerhalb der nächsten Tage einen Schlaganfall mit bleibender Behinderung zu erleiden“, warnte Ferrari. Besonders gefährdet seien Personen mit einem bestehenden Infekt. Ferrari: „Auf Basis unserer Untersuchungen konnte gezeigt werden, dass Patienten, die im Rahmen eines Infektes eine TIA erleiden, ein um das fünf- bis sechsfach erhöhtes Stroke-Risiko haben.“ Im Klartext: Auch einen scheinbar harmlosen Harnwegsinfekt oder eine Parodontose immer ernst nehmen (siehe auch Seite 14)! Ferrari mahnte: „Die transitorisch ischämische Attacke ist ein medizinischer Notfall und nur durch rasche mögliche Evaluation und Einleitung einer Sekundärprävention kann das Risiko für einen frühen Schlaganfall verringert und die Prognose betroffener Patienten verbessert werden.“

Kasten 1:
Aktuelle Daten aus dem Schlaganfall-Register
• Heute können 65 Prozent der Patientinnen und Patienten mit akutem Schlaganfall innerhalb von drei Stunden versorgt werden, weil die Transporte immer rascher erfolgen. Mehr als 40 Prozent der Betroffenen kommen sogar innerhalb von nur 90 Minuten nach Eintritt des Ereignisses in das Spital.
• Drei Viertel der Patientinnen und Patienten erhalten die erste bildgebende Untersuchung mit CT oder MRT innerhalb der ersten Stunde nach ihrer Aufnahme an der Stroke Unit.
• Auch die Zeit zwischen Aufnahme und Einleitung der Therapie wird immer kürzer, mehr als 50 Prozent der Patienten erhalten innerhalb der ersten 60 Minuten nach der Aufnahme eine Thrombolyse.
Kasten 2:
Präventive Maßnahmen gegen Schlaganfall
1. kein Nikotin
2. körperliche Aktivität mindestens 30 min/Tag
3. optimales Gewicht BMI < 25
4. geringer Alkoholkonsum: 5 g bis max. 15 g/täglich
5. mediterrane Diät

Von Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche 47 /2009

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