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Prof. Dr. Alfred Springer Boltzmann-Institut für Suchtforschung am Anton-Proksch-Institut, Wien
 
Neurologie 29. Oktober 2009

Eine verdiente Institution geht in Pension

„M(eth)Odenschau in der Suchtforschung“: Mit diesem Kongress verabschiedet sich das Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung.

Mit Ende dieses Jahres muss das Ludwig Boltzmann-Institut (LBI) für Suchtforschung seinen Betrieb einstellen. Vorher veranstaltet es noch ein Symposium mit dem Titel „M(eth)Odenschau in der Suchtforschung“, am 20. und 21. November in Wien.

 

1972 gegründet, gilt das LBI für Suchtforschung als die erste wissenschaftliche Einrichtung in Europa, die sich ausschließlich der Erforschung suchtbezogener Probleme widmete. Rechtlich beruht es auf einem Vertrag zwischen dem Anton-Proksch-Institut, der größten österreichischen Therapieeinrichtung für Alkohol- und Drogenabhängige, und der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft, österreichische Vereinigung zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Es arbeitet multidisziplinär, das heißt, im Mitarbeiterstab waren regelmäßig ein Mediziner, ein Psychologe und eine Soziologin vertreten. Das LBISucht finanzierte sich durch staatliche Zuwendungen, private Fonds und Förderungen aufgrund einzelner Forschungsprojekte. Zusammen mit dem Anton-Proksch-Institut gibt es die vierteljährlich erscheinende Wiener Zeitschrift für Suchtforschung heraus. Ursprünglich wurde die Einrichtung als Forschungsstelle zur wissenschaftlichen Begleitung der neu errichteten Drogenstation im Anton-Proksch-Institut gegründet, entwickelte sich jedoch rasch zu einer international anerkannten Institution, die sich mit den grundsätzlichen Fragestellungen der Suchtproblematik für die Gemeinschaft befasste. Obwohl interdisziplinär ausgerichtet, lag die Aktivität schwerpunkthaft auf sozialwissenschaftlicher Forschung in einem erweiterten Verständnis. In seiner langen Geschichte ergaben sich verschiedene Forschungsschwerpunkte:

  • Epidemiologie
  • drogenbedingte Problemfelder (z.B. Verkehrssicherheit)
  • Drogenpolitik
  • Sozialgeschichte
  • Evaluationsforschung
  • Studien zur Drogenbehandlung und Prävention
  • Arbeiten im statistischen und methodologischen Bereich.

In diesem Kontext wurden kontinuierlich Studien zur Prävention, zur Drogenpolitik und zur Jugend- und Populärkultur durchgeführt. Weitere Schwerpunkte waren aber auch medizinisch-sozialmedizinische und psychiatrische Bereiche. Es wurden katamnestische Studien an Opiatabhängigen durchgeführt, außerdem die erste Evaluation der Substitutionsbehandlung in Österreich erhoben. Begleitforschung zu System und Struktur der Substitutionsbehandlung wurde schließlich zu einem wesentlichen Aufgabenbereich.

Forschung in Österreich und international

Die Forschungsaktivität galt einerseits der österreichischen Situation, andererseits beteiligte sich das Institut auch an internationalen (europäischen) Studien. Von besonderer Bedeutung wurde die Mitarbeit in der COST A6-Forschungsinitiative der Europäischen Gemeinschaft, in der das Institut die Leitung jener Sektion übernahm, die den Zustand der Primärprävention im europäischen Raum erfasste und evaluierte. Aus dieser Arbeit ergaben sich weitere Forschungs- und Entwicklungsaufgaben im internationalen und nationalen Umfeld. Für Österreich wurde gemeinsam mit den Fachstellen für Prävention ein Leitbild Primärprävention erarbeitet, und das Institut war auch am Aufbau präventiver Strukturen sowohl in verschiedenen österreichischen Regionen wie auch in Südtirol und – durch seine Beteiligung am PHARE-Projekt der Europäischen Union – in den östlichen Nachbarländern entscheidend mitbeteiligt.

Eminente gesundheits- und sozialpolitische Bedeutung

Die Arbeit des LBISucht wurde durch Subventionen seitens der LudwigBoltzmann-Gesellschaft und des Ministeriums für Gesundheit ermöglicht. Das Institut fungierte in diesem Zusammenhang nicht lediglich als Auftragnehmer, vielmehr ergab sich mit dem Bundesministerium für Gesundheit eine Art Partnerschaft, in der die Expertise der Institutsmitarbeiter genutzt wurde. Gute Zusammenarbeit bestand stets auch mit den Behörden der Stadt Wien.

Durch diese Kooperationen entwickelte das Institut ein Forschungsverständnis, das auf der Erkenntnis aufbaute, dass Forschung zu drogenbezogenen Problemfeldern eine hohe Bedeutung zukommt. So wurde einerseits begleitende Forschung zur aktuellen Situation des gesellschaftlichen Umganges mit den Problemen des Suchtmittelmissbrauchs betrieben, andererseits wurden aber auch eigenständige Initiativen der Forschung entwickelt und weiterführende Konzepte erstellt, die auf den objektiven Forschungserkenntnissen und –materialien aufbauten. Dadurch kam letztlich der Arbeit des Instituts und seiner Mitarbeiter stets auch eine gesundheits- und sozialpolitische Bedeutung zu.

Ein Kind des LBISucht: die Wiener Berufsbörse

So erfolgte etwa die Gründung der Wiener Berufsbörse auf Erkenntnissen, die in einem Projekt des Boltzmann-Institutes über die Ausbildung, Arbeitsfähigkeit und Arbeitsbereitschaft von Opiatabhängigen gewonnen wurden. Die Arbeit dieser Wiener Berufsbörse gewann für die berufliche Integration von Abhängigkeitskranken zunehmend an Bedeutung.

Unabhängig und kritisch

Das Institut war stets bemüht, unabhängig zu bleiben und sich weder einer gesellschaftspolitischen Ausrichtung noch einer problembezogenen Ideologie zu verpflichten. Diese Haltung wurde durch eine über lange Zeit hindurch aufrecht erhaltene Basisförderung ermöglicht. Dadurch konnte ein Mitarbeiterstab mit hoher Kompetenz erhalten werden, eigenständige Forschungsfragen generiert und ein kritischer Ansatz verfolgt werden. Unsere Arbeit hat dazu geführt, dass sich das LBI in der internationalen Forschungsgemeinschaft einen festen Platz erworben hat. Das Institut beteiligte sich an vielen internationalen Projekten und befand sich seit 1995 auf der Liste der bedeutenden europäischen Suchtforschungsinstitute, die vom europäischen Büro der WHO seit 1995 herausgegeben wird. In vielen Projekten der internationalen Forschungsgemeinschaft und der internationalen Behörden repräsentierte das Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung de facto die Republik Österreich und die österreichische Forschung in unserem Themenbereich, wobei inhaltlich ein breites Spektrum relevanter sozialwissenschaftlicher Fragestellungen Bearbeitung fand. Internationale Kooperationen fanden u.a. im Rahmen der EASAR (European Association of Substance Abuse Research), der ESSD (European Society for Social Drug Studies) und der Kettil Bruun Society statt. Das Institut war außerdem in die Entwicklung der deutschen Dokumentationsstandards für Folgestudien (IFT – Institut für Therapieforschung) eingebunden, und seine Mitarbeiter hatten beratende Funktion innerhalb des europäischen Büros der WHO. Das Institut war darüber hinaus die nationale Kontaktstelle für das in Lissabon angesiedelte EMCDDA (European Monitoring Centre on Drugs and Drug Addiction) und stand in regelmäßigem Kontakt mit dem österreichischen REITOX Focal Point.

Neuausrichtung der LBG

Mit der Neustrukturierung der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft, die seit 2003 erfolgt und dazu geführt hat, dass fast alle Institute alten Stils ihre Tätigkeit einstellten, ergab sich auch eine Neudefinition der Aufgaben der Institute und der Definition der wissenschaftlichen Ausrichtung und Zielsetzung. Damit verbunden war die Formulierung und Umsetzung forschungspolitischer Forderungen, die mit dem Selbstverständnis und den Möglichkeiten des Instituts nicht kompatibel waren. Als neue Ziele galten etwa die Förderung kompetitiver Forschung, die sich am Wettkampf um die Platzierung der Ergebnisse in Top Journals beteiligt, und die Schaffung einiger großer schlagkräftiger Institute, die innerhalb eines begrenzten Zeitrahmens international konkurrenzfähige Forschung betreiben. Diese neue Situation machte es notwendig, zu einer einvernehmlichen Auflösung des Institutes zu kommen und dafür zu sorgen, dass die MitarbeiterInnen in neuem Kontext vergleichbare Aufgaben übernehmen und ihre Kompetenz auch weiterhin der bedeutsamen Aufgabe der Forschung zu drogenbezogenen Problemen zur Verfügung stellen können.

 

Prof. Dr. Alfred Springer ist seit 1976 Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Suchtforschung und hat mehr als 100 Publikationen zu Themen aus der Suchtforschung, Medizingeschichte und Geschichte der Rauschmittel, Psychoanalyse und Geschichte der Psychoanalyse, Kulturforschung unter besonderer Berücksichtigung der Jugendkulturen und der Populärkultur, sowie zu sexualwissenschaftlichen Fragestellungen verfasst.

 

 Tipp: Detaillierte Tagungsinformationen unter www.api.or.at/lbi

Von Prof. Dr. Alfred Springer, Ärzte Woche 44 /2009

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