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Neurologie 22. Oktober 2009

Pro-Kontra Hirnjogging

Max-Planck-Kognitionswissenschaftler raten von Hirnjogging gegen Alzheimer ab – Göttinger Neurobiologe berichtet von positiven Effekten bei Alzheimer-Mäusen – Auch geistige Fitness durch Hirnjogging wird bestritten.

Eine wissenschaftliche Kontroverse um Hirnjogging bahnt sich an, nachdem Max-Planck-Bildungsforscher aus Berlin dessen Sinn und Nutzen in einem von 30 Kognitionswissenschaftlern unterzeichneten Memorandum anzweifeln.

 

Während die Max-Planck-Bildungsforscher um Tilman Lindenberger vor kommerziellen Hirnjogging-Produkten nachdrücklich warnen, die das „Blaue vom Himmel versprechen“, ist der Erlanger Psychologe Dr. Lehrl der Meinung, tägliches Hirnjogging könne die geistige Fitness erhalten, Alzheimer vorbeugen oder dessen Folgen zumindest lindern. Zur gleichen Auffassung neigen auch Göttinger Neurologen. Siegfried Lehrl ist Vorstandsmitglied der 1989 gegründeten Gesellschaft für Gehirntraining e.V., die spezielle Übungen zu MAT-Hirnjogging (Mentales Aktivierungs-Training) anbietet. Interessierte kommen ein bis zwei Mal pro Woche und führen Denksportaufgaben aller Art durch, meist eine Kombination aus Wörtern und Zahlen.

Nutzen von Computer-Spielen

Echte Hirnjogging-Fans schwören jedoch auf die neuen Computer-Spiele, die der Buchlektüre überlegen seien, weil sie besser und gleichzeitig Gedächtnis, Logik, Sprache, Konzentration sowie visuelles Vorstellungsvermögen trainierten. Psychologe und Praktiker Lehrl (64), der erstmals 1981 Gehirnjogging mit Kurpatientinnen mittleren Alters praktizierte, ist überzeugt, dass tägliches Praktizieren (5-10 Minuten) von systematischen Denk-Übungen die geistige Fitness erhält. Mehr als 10 Minuten seien gar nicht nötig, doch erhöhe sich dadurch das intellektuelle Leistungsvermögen beträchtlich. Dies sei messbar anhand der Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit sowie der Merkspanne. Physiologisch nachweisbar im Gehirn ist ein gesteigerter Stoffwechsel sowie eine verbesserte Durchblutung einzelner Areale.

Prophylaktische Effekte angezweifelt

Dagegen ist sich Max-Planck-Institutsdirektor Ulman Lindenberger mit Prof. Laura Carstensen vom Stanford Center for Longevity, USA, einig in der klaren Ablehnung eines allgemeinen Nutzens von Hirnjogging. Die deutschen und amerikanischen Kognitionswissenschaftler betonten in ihrer gemeinsamen Erklärung, Hirnjogging und Computer-Spiele machten keineswegs und generell intelligenter, sondern bestenfalls fit für das eingeübte Sachgebiet. Einen prophylaktischen Effekt gegen Alzheimer bestreiten sie. Die Käufer von Videos und Computerspielen könnten sich ihr Geld sparen, erklärt Lindenberger in dem von 30 Kognitions-Wissenschaftlern unterzeichneten Memorandum. Gefordert wird eine wissenschaftlich-unabhängige Überprüfung der auf dem Markt erhältlichen Hirnjogging-Produkte. Die amerikanische Neurobiologin Laura Carstensen fügt hinzu, es gebe kein Zaubermittel, das die altersbedingte Minderung der Hirnleistung oder gar Alzheimer aufhalten könne. Eine Wanderung, Kochen am Herd oder das Entwerfen neuer Kochrezepte seien ebenso hirnleistungsfördernd. Von einem medizinischen Nutzen gegen Alzheimer sei Hirnjogging meilenweit entfernt.

Argumente von Befürwortern

Andererseits haben sogar klinische Hirnforscher ihre Arbeitsstelle aufgegeben, um wie der Franzose Bernard Crosile selbst Hirnjogging-Produkte zu kreieren und zu vertreiben. Oder um wie der japanische Hirnforscher Kawashima den Spielkonsolen-Hersteller Nintendo zu beraten. Die Umsätze seines Auftraggebers für Hirnjogging-Produkte bewegen sich inzwischen im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich.

Nachdrücklich verwahrt sich Dr. Lehrl, Uni Erlangen, in seiner Stellungnahme gegen die „von den Max-Planck-Wissenschaftlern nicht nachgewiesene, pauschale Herabsetzung“ von Hirnjogging. Mit seinen GfG-Vorstandskollegen beharrt er darauf, dass Hirnjogging das logische Denkvermögen fördert, das Kurzzeitgedächtnis verbessert, die Intelligenz steigern und im Alter geistigem Abbau vorbeugen kann. Andererseits hält er nichts von allzu simplen Denk-Übungen und Computer-Spielen, die den Probanden unterfordern: „Wichtig ist, den Arbeitsspeicher im Gehirn bzw. seine beiden Komponenten, die Informations-Verarbeitungsgeschwindigkeit sowie die Merkspanne, täglich entsprechend zu trainieren und zu fordern.“ Infolge seiner langjährigen praktischen Berufserfahrungen weiß er von den positiven Effekten des Hirnjogging bei Alzheimer-Patienten, deren Erinnerungsvermögen sich dadurch verbessert habe.

Die Arbeiten von Neurowissenschaftlern des ENI (European Neurosciences Institute), Göttingen, und dem MIT, Boston, die seine Thesen stützen, waren ihm allerdings nicht bekannt. Neurobiologe André Fischer vom ENI-G berichtete erstmals am 29. 4. 2007 in Nature, dass die Nervenzellen von Alzheimer-geschädigten Mäusen mithilfe von Hirnjogging und bestimmten chemischen Stoffen wieder lernfähig wurden. „Die Mäuse konnten sogar Vergessenes wieder erinnern“, berichtet er. Möglicherweise könne man auf diesem Weg auch Alzheimer-Patienten helfen, denn vieles deute darauf hin, dass eine Kombination aus geistigem und körperlichem Training dem Risiko einer demenziellen Erkrankung vorbeugt. In Versuchstieren konnte dadurch kognitive Funktion trotz massiven Verlusts von Nervenzellen wiederhergestellt werden. Dr. Fischer vermutet, dass es im Gehirn einen zentralen Kontrollmechanismus gibt, der eine gesteigerte kognitive Leistungsfähigkeit als Antwort auf Hirnjogging vermittelt.

Von Richard E. Schneider, Ärzte Woche 43 /2009

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