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Prim. Dr. Michael Brainin Professor für klinische Neurowissenschaften an der Donau-Universität Krems, Leiter der neurologischen Abteilung am LKH Tulln
 
Neurologie 6. Oktober 2009

Made in Austria

Weltweite Insult-Fortbildung: World Stroke Academy, ABC Stroke Management Program und Virtual Stroke University werden von Tulln an der Donau aus geleitet.

Anforderungen an Fortbildungen im Bereich Schlagfanfall können recht unterschiedlich sein. Während in Österreich etwa Schlaganfall in der Schwangerschaft sehr selten auftritt, ist das Problem in Indien und den arabischen Ländern häufig anzutreffen. Das ABC Stroke Management Program bietet deshalb Weiterbildung, die sich an den lokalen Bedürfnissen orientiert.

 

Mit Dr. Michael Brainin, Professor für klinische Neurowissenschaften an der Donau-Universität Krems und Leiter der neurologischen Abteilung am LKH Tulln, aber auch Schatzmeister und Vorstandsmitglied der World Stroke Organisation, Generalsekretär der European Stroke Organisation sowie Vorsitzender der Fortbildungskomittees in beiden Organisationen, hat Österreich einen weltweit anerkannten und aktiven Schlaganfall-Experten. Die Ärzte Woche sprach mit ihm über aktuelle Erkenntnisse und Fortbildungsaktionen.

 

Was waren in Ihren Augen die wichtigsten neuen Erkenntnisse, die bei der European Stroke Conference in Stockholm präsentiert wurden?

BRAININ: Eines der wichtigsten Ergebnisse war: Ein Stent in der Kardiologie ist etwas anderes als ein Stent in der Neurologie. Ein Carotis-Stent verursacht etwa doppelt so viele Komplikationen wie eine Carotisendarteriektomie. Für einen Carotis-Stent braucht es also einen guten Grund. Leider ist einer der häufigeren guten Gründe, dass der Termin beim Gefäßchirurgen nicht schnell genug zu haben ist.

Zweitens müssen wir – und das betrifft besonders die nachbetreuenden Ärzte – zunehmend dazu übergehen, den Patienten ihr konkretes Risiko für einen ersten oder zweiten Schlaganfall mitzuteilen. Dieses Risiko können wir heute mittels des Essen Risk Score oder ähnlicher Tabellen benennen. Wenn jemand pro Jahr ein Risiko von vier Prozent oder mehr hat, einen zweiten Schlaganfall zu bekommen, dann gilt er als Hochrisikopatient.

Diese Zahl, individualisiert dem Patienten mitgeteilt, hat einen therapeutischen Effekt. Ich erkläre es den Patienten immer mit dem Sparbuch: „Zwei Prozent Zinsen sind wenig, vier Prozent Zinsen sind viel. So ist es auch mit dem Schlaganfallrisiko.“ Das verstehen die Patienten, und das ist für sie ein läuternder Moment. Dann sind sie viel eher bereit, das Risiko durch präventive Maßnahmen zu reduzieren. Wir schreiben das zunehmend übrigens auch in die Entlassungsbriefe hinein – mit dem Effekt, dass Hausärzte unseren Empfehlungen folgen und Kassen auch die bewilligungspflichtige medikamentöse Therapie erstatten.

 

Wie sieht das Risiko nach TIA aus?

BRAININ: Transiente ischämische Attacken sind ein heißes Thema, denn es zeigt sich, dass nach einer TIA das Risiko für einen Schlaganfall innerhalb der ersten Wochen acht Prozent oder mehr beträgt. Das heißt, bei einer TIA darf nicht einfach abgewartet werden. Mit dem ABCD2 Score lässt sich das Risiko für einen Schlaganfall nach einer TIA gut ermitteln.

In Österreich scheinen viele TIAs auf der internen Station zu verbleiben. Während Schlaganfälle schon fast immer auf Stroke Units landen, ist das bei TIAs im Prozentsatz ganz anders. Aber die Daten täuschen ein wenig, denn die offizielle Zahl der TIAs in Österreich ist viel zu groß für die Population. Das heißt, TIA ist oft so eine Verlegenheitsdiagnose, nicht zuletzt, da sie eine gute Punktezahl bringt. Wir sehen unter den zu uns unter TIA-Verdacht Eingelieferten auch viele Demente und Depressive.

 

Ein weiteres Thema war der Zeitverlust bei Schlaganfall …

BRAININ: Hier liegt das größte Problem in der „notification time“, also der Zeit, bis professionelle Hilfe gesucht wird. Meine Empfehlung ist: Sofort die Rettung rufen, wenn die Symptome plötzlich und halbseitig sind. Die Professionisten, also etwa die Hausärzte, sollten das nicht den Patienten oder Angehörigen überlassen, sondern, wenn etwa am Telefon entsprechende Symptome geschildert werden, sofort selbst die Abholung des Patienten veranlassen.

Wir haben gerade eine interessante Studie abgeschlossen, aus der hervorgeht, dass Leute, die aufgrund ihrer Allgemeinbildung, ihrer besseren sozialen Stellung und Kenntnisse in der Lage sind, einen Schlaganfall zu erkennen, trotzdem nicht schneller handeln. Das bedeutet, Education und Notifikation, Wissen und Handeln, haben ein komplexes Verhältnis.

 

Dennoch starten Sie mit der World Stroke Academy ein weltweites „education program“?

BRAININ: Die World Stroke Academy richtet sich an Laien und an Ärzte. Der offizielle Launch erfolgt bei der EFNS-Tagung in Florenz. Dort werden wir zwei Module für Ärzte präsentieren: einerseits das „acute“ und „hyperacute management“, also die Behandlung innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Insultgeschehen, und andererseits die Behandlung der TIA.

Zusätzlich wird es noch andere Module geben, die „Leihgaben“ beziehunsgweise Crosslinks von anderen Organisationen wie der European Stroke Organisation sind. Dort leite ich auch seit mehreren Jahren die Virtual Stroke University, die eine unglaublich hohe Zahl von Besuchern hat und sehr erfolgreich ist.

Von der American Stroke Association hoffen wir vor allem, die Laieninformationen zu bekommen, damit wir die Patientenorganisationen mit guten Materialien beliefern können – und die Infomaterialien der ASA gehören zu den besten und sind zudem zweisprachig, spanisch und englisch, verfasst.

 

Die Sprachbarrieren sind wohl eine der Hürden bei einer internationalen Plattform?

BRAININ: Das ist ein Riesenproblem. Die Guidelines der ESO etwa sind schon in 17 Sprachen übersetzt. Aber man muss darauf achten, dass in der Übersetzung keine falschen Tendenzen entstehen. Daher müssen sie immer entweder rückübersetzt werden oder eine führende Kraft aus der jeweiligen Landesorganisation achtet noch einmal speziell darauf.

Ein weiteres Problem sind die sehr unterschiedlichen Anforderungen in den verschiedenen Ländern. Schlaganfall in der Schwangerschaft ist etwa hierzulande ein sehr seltenes Problem. Ein indischer Kollege erzählte mir, er sieht jede Woche so einen Fall. Auch in den arabischen Ländern treten diese Fälle während des Ramadan gehäuft auf, weil gläubige Muslime ja untertags weder essen noch trinken dürfen und daher Exzikosen häufiger sind.

 

Bietet die World Stroke Academy ausreichend Weiterbildung für Ärzte?

BRAININ: Die unterschiedlichen Anforderungen in den verschiedenen Ländern waren auch der Grund für uns, das ABC Stroke Management Programm zu entwickeln, „the largest professional education campaign for stroke ever“. Diese Weiterbildung startete in Südafrika, lief dann in China und ist zur Zeit in Vietnam. Dort schulten Bo Norrving und ich etwa 600 Ärzte in drei vietnamesischen Städten. Dann wurde das Programm unter Anleitung der lokalen Fachgesellschaft weitergeführt, und inzwischen sind rund 6.000 Ärzte in 23 Städten geschult.

Das Besondere an diesem Programm ist, dass es lokal angepasst wird. Schwerpunkte sind die verlässliche Diagnose, die Verfügbarkeit der Therapie, das Vermeiden von Komplikationen und viertens die frühe Mobilisierung. Da ist die Thrombolyse eher ein Randthema, denn wir wissen, dass man mit einem guten Allgemein-Management wesentlich mehr erreichen kann als mit einer gelegentlichen Spezialtherapie. Ich weiß nicht, wie viele Leben ich hier in Tulln rette, aber mit diesem Programm definitiv sehr viele. Und das ist natürlich ein schönes Gefühl.

 

Das Gespräch führte Livia Rohrmoser

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