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Neurologie 19. Juni 2008

Künstliche Hypothermie öfter anwenden

Eine therapeutische Hypothermie, eine leichte Abkühlung des Körpers, kann permanente Schädigungen verhindern oder mildern, wenn sie in den ersten Stunden nach einem klinischen Ereignis durchgeführt wird. Bislang allerdings werden derartige Verfahren in vielen Ländern nur selten angewendet. Es gibt immer mehr Hinweise dafür, dass die Einleitung einer milden Hypothermie durch Absenkung der Körpertemperatur von 37 Grad Celsius auf etwa 32 bis 35 Grad Celsius nach ischämischer Schädigung einen positiven Effekt hat. Die Wirkung konnte vor allem bei Hirnschädigungen gezeigt werden, jedoch könnte das Verfahren auch bei anderen Organen wie Herz und Nieren angewendet werden. Die Hypothermie ist als Behandlung bei Herzinfarkten und Schlaganfällen zum Einsatz gekommen. Dr. Kees Polderman vom holländischen University Medical Centre Utrecht meint: „Die Hypothermie ist eine vielversprechende Behandlungsmethode bei neurologischen Intensivpatienten, daher werden sich Ärzte, die Patienten mit neurologischen Schädigungen behandeln müssen, in und außerhalb der Intensivstationen wahrscheinlich häufiger mit Fragen der Temperaturregelung auseinander setzen müssen.“
Es gibt eine Reihe von physiologischen Gründen, warum abgesenkte Körpertemperaturen gegen Schädigungen schützen helfen. Diese werden in einem Übersichtsartikel in The Lancet (2008; 371: 1955-1969) von Dr. Polderman ausführlich diskutiert. Bei Hirnschädigungen verringern niedrigere Temperaturen die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke, die durch Traumata oder Verstopfungen der Blutgefäße unterbrochen werden kann. Kleine Blutgerinnsel können Spätschäden verursachen, jedoch reduzieren niedrigere Temperaturen die Bildungsrate dieser Pfropfen. Die Immunreaktion wird durch Hypothermie ebenfalls herabgesetzt, was nach einer Verletzung hilft, potenziell gefährliche vorentzündliche Reaktionen des Immunsystems im Gehirn oder in anderen geschädigten Organen zu vermeiden. Die Entwicklung von Fieber kann für hirngeschädigte Patienten gefährlich werden und sollte daher vermieden werden.
In der ersten Phase der künstlichen Hypothermie erfolgt die Induktion mittels Infusion mit gekühlter Flüssigkeit (4 Grad Celsius). Danach folgt die Erhaltungsphase, welche bei traumatischen Hirnschädigungen mehrere Tage angewendet werden muss. Anschließend kommt die Wiedererwärmung, die langsam und kontrolliert erfolgen sollte, das heißt stündlich um 0,2 bis 0,5 Grad Celsius bei Patienten mit Herzstillstand und noch langsamer bei Patienten mit traumatischer Hirnschädigung. In Tierversuchen hatte eine schnelle Erwärmung nachteilige Folgen, eine langsame dagegen bewahrte den Nutzen der Abkühlung.
„Die Anwendung einer milden Hypothermie erscheint als wesentlicher Durchbruch in der Behandlung neurologischer Schädigungen“, fasst Dr. Polderman zusammen. „Immer mehr Hinweise deuten an, dass Fieber dem geschädigten Hirn gefährlich wird, und dass die Aufrechterhaltung der Normaltemperatur für wenigstens 72 Stunden nach der Verletzung bei den meisten neurologisch geschädigten Patienten mit eingeschränkter Wahrnehmung vernünftig erscheint.“ Die Hypothermie wede aber in vielen Ländern zu selten angewendet, insbesondere in den USA, und zu einem noch geringeren Ausmaß in Großbritannien und Deutschland.

www.thelancet.com / PH

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