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Neurologie 30. April 2008

Sprachloses Leiden

Demenziell erkrankte Menschen können Schmerzen nicht kommunzieren. Auf der kommenden Neurologentagung werden Schmerzexperten über neue Möglichkeiten berichten, wie diesem sprachlosen Leiden begegnet werden kann.

Im fortgeschrittenen Alter liegen oft mehrere Erkrankungen gleichzeitig vor, die sich gegenseitig in ihrem Verlauf, aber auch in ihrer symptomatischen Auswirkung beeinflussen. Dies gilt insbesondere für das Zusammentreffen chronischer Schmerzen mit einer Demenz. In der Gruppe der über 50-Jährigen leiden 43 Prozent unter Dauerschmerz. Ca. drei Viertel der über 74-jährigen Personen berichten über Schmerzen, davon ein Drittel über schwere Dauerschmerzen. Bei Heimbewohnern sind chronische Schmerzen in bis zu 80 Prozent der Fälle nachweisbar, ein Drittel davon leidet an Dauerschmerzen. Die Ursachen dafür sind vor allem Abnutzungserscheinungen an den Gelenken, Krebs-Schmerzen, Schmerzen bei Osteoporose, Gürtelrose oder rheumatische Schmerzen, Nervenschmerzen infolge einer Zuckerkrankheit oder Schmerzen in Folge von Knochenbrüchen, wie sie z.B. häufig durch Stürze verursacht werden. Nun führt eine vorliegende Demenzerkrankung zu einer veränderten bzw. oftmals auch verschleierten Schmerzsymptomatik. Alzheimer-Patienten verlieren aufgrund der Demenzerkrankung die Fähigkeit, die empfundenen Schmerzen entsprechend zu kommunizieren.

Wenig Medikation

Dies hat zur Folge, dass demente Patienten mit zugleich vorliegenden chronischen Schmerzen deutlich weniger Schmerzmittel erhalten als gleichaltrige nicht demente Patienten. So konnte gezeigt werden, dass Patienten mit einer Demenz nach einer Schenkelhalsfraktur nur ein Drittel der Menge an Schmerzmedikamenten erhalten, die üblicherweise nicht-demente Patienten mit der gleichen Schmerzursache bekommen. Besonders dramatisch stellt sich die Situation bei Pflegeheimpatienten dar. Hier konnte gezeigt werden, dass sie umso weniger Schmerzmittel erhalten, je ausgeprägter die Demenz ist.

Besondere Bedrohung

„Wir stehen vor dem Problem, dass demente Patienten mit chronischen oder starken Schmerzen aufgrund der eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit ihre Schmerzen nicht entsprechend mitteilen können, Ärzte und Pflegepersonen in der Folge das Problem unzureichend wahrnehmen und unterschätzen, und eine notwendige Schmerztherapie in einer Vielzahl der Fälle nicht adäquat durchgeführt wird“, weiß der Neurologe und Kongressleiter der BrainDays, Prim. Dr. Andreas Winkler, Haus der Barmherzigkeit, Wien.
Gerade der Neurologe, der sich mit den Veränderungen des Gehirns im Rahmen einer Alzheimer-Demenz, aber auch mit dem Symptom Schmerz besonders intensiv auseinandersetzt, kennt dieses Problem. Neueste Untersuchungen konnten auch belegen, dass Demenzpatienten nicht weniger Schmerz empfinden als nicht demente Patienten, sondern dass bei dieser Gruppe Schmerzen sogar zu wesentlich stärkeren Reaktionen führen, wie z. B. Unruhe, Umtriebigkeit, lautes Schreien oder Aggressivität. „Für Demenzpatienten stellen Schmerzen eine besondere Bedrohung dar, denen sie teilweise hilflos ausgeliefert sind“, unterstreicht Winkler.
Mit modernen Screening- und Diagnosemethoden ist es heute bereits möglich, auch bei fortgeschritten dementen Patienten, die ihre Schmerzen nicht adäquat mitteilen können, diese zu erfassen und entsprechend zu behandeln. Dafür werden beispielsweise neue Screening-Instrumente eingesetzt, die aufgrund von Verhaltensveränderungen bzw. -äußerungen die zugrunde liegenden Schmerzsyndrome mit hoher Sicherheit aufdecken können. Wesentlich ist, dass diese Screeningtests prinzipiell auch von Laien angewandt werden können. „Mit den heute zur Verfügung stehenden Schmerzmitteln ist es nahezu immer möglich, einen großen Teil dieser Patienten effizient von ihrem Leiden zu befreien“, das ist die gute Nachricht des Schmerzexperten, Prof. Dr. Burkhardt Gustorff, AKH Wien.
Im Rahmen der BrainDays 2008 werden die Schmerzexperten Doz. Dr. Christian Lampl, Linz, sowie Prof. Dr. Burkhardt Gustorff, Wien, über die neuen Möglichkeiten der Schmerzdiagnostik und Behandlung bei geriatrischen Patienten sprechen.

Quelle: Presseaussendung BrainDays

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