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Schwitzen gegen Hitzen

Die Wechseljahre, eine natürliche Übergangsphase erleben die meisten Frauen zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr. Die Anpassung des Körpers an die sinkenden Hormonkonzentrationen kann jahrelang andauern. Darüber hinaus tritt das klimakterische Syndrom auch bei Frauen nach beidseitiger Ovarektomie, onkologischer Therapie eines Mammakarzinoms oder anderen hormonabhängigen Erkrankungen auf. Aufgrund Hinweise auf ein höheres Risiko gegenüber dem langfristigen Nutzen der Hormonersatztherapie werden immer häufiger naturheilkundliche Verfahren eingesetzt.

Lange Zeit schien die Hormonersatztherapie eine geeignete Option zur Behandlung der Wechseljahresbeschwerden zu sein, bis die Ergebnisse großer Studien, etwa der WHI-Studie, Hinweise auf ein erhöhtes Risiko von koronaren Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Thromboembolien und Brustkrebs unter Hormonersatztherapie erbrachten. So kam es zu einem deutlichen Rückgang der Verschreibungen.
Dies führte dazu, dass viele Frauen zur Selbstmedikation greifen und Präparate sowie Verfahren einsetzen, die nicht oder nur unzureichend wissenschaftlich untersucht sind. Aus diesem Grund bedarf es einer validen alternativen Behandlungsstrategie.
Ein wesentlicher Bestandteil der gynäkologischen Aufgaben als Hausärztin bzw. Hausarzt der Frau stellt heutzutage die Beratung zu einer gesunden Lebensführung und den naturheilkundlichen Optionen beim klimakterischen Syndrom dar, damit die Postmenopause, die bei der aktuellen Lebenserwartung noch mehr als 30 Jahre andauern kann, mit möglichst wenig Belastungen und Einschränkungen erlebt werden kann.
Im Folgenden werden Lebensstilfaktoren und klassische Naturheilverfahren auf der Grundlage wissenschaftlicher Studien (Medline, Cochrane Library Database) bezüglich ihrer Effektivität und Validität dargestellt.

Klassische Naturheilverfahren

Zunächst zur Nahrungstherapie, denn mit der Umstellung des Hormonhaushaltes vollzieht sich auch eine Veränderung der Ernährungssituation: Bei älteren Menschen allgemein reduziert sich der Energiebedarf einerseits durch die Einschränkung der körperlichen Aktivität, zum anderen durch eine Abnahme der stoffwechsel-aktiven Muskelmasse zugunsten des relativ inaktiven Fettgewebes. Dem sollte durch eine Ernährungsumstellung Rechnung getragen werden, um das Normalgewicht beizubehalten oder eine Gewichtsreduktion zu erreichen.
Aktuelle epidemiologische und Interventionsstudien ergaben, dass eine obst- und gemüsereiche Kost mit einem geringen Anteil an gesättigten Fettsäuren (tierische Fette oder gesättigte Pflanzenöle wie Sonnenblumenöl) und hohem Anteil an ungesättigten Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren in Oliven-, Rapsöl oder fettreichem Fisch) dazu beitragen kann, Beschwerden oder dem Risiko von Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen nach den Wechseljahren vorzubeugen. Heute wird daher eine Ernährung „5-a-day“ mit fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag empfohlen.
In einer deutschen Fall-Kontroll-Studie mit 310 Brustkrebs- und 353 Kontrollpatientinnen konnte gezeigt werden, dass der Verzehr von rohem Gemüse und eines hohen Anteils von Gemüse insgesamt (roh/gekocht) und die Aufnahme von Vollkornprodukten zu einer signifikanten Verminderung des Brustkrebsrisikos führt. Eine erhöhte Aufnahme von Obst oder gekochtem Gemüse allein ergab diesen Effekt nicht. Hierbei wird vermutet, dass hauptsächlich die sekundären Pflanzenstoffe, wie z. B. Indol-3-carbinol, einem Inhaltsstoff aus Kohlgemüsen, einen brustkrebspräventiven Effekt haben könnten. Gemieden werden sollten Weißmehl, weißer Zucker und Nahrungsmittel mit hohem glykämischen Index. Ebenso sollte die häufige Aufnahme von hitzefördernden stark gewürzten Speisen, Alkohol und Kaffee eingeschränkt werden.

Alternative Leinsamen

Nicht nur die Einnahme von Soja, sondern auch von Leinsamen führt zu einer erhöhten Aufnahme von Phytoöstrogenen, doch scheinen Lignane andere Stoffwechselwege zu benutzen als Soja-Isoflavone, sodass es offenbar nicht zu einer Wechselwirkung mit Tamoxifen kommt. In einer placebokontrollierten Studie an 199 Frauen kam es zu einer deutlichen Besserung der klimakterischen Beschwerden nach einer einjährigen Interventionsphase mit täglich 40 g Leinsamen sowohl bei den Frauen der Leinsamen- als auch bei denen der Weizenkeim-(Placebo-)Gruppe. Zudem zeigte sich in der Leinsamengruppe auch eine Senkung der Lipide.
Gerade in den Wechseljahren sollte körperliche Aktivität zu einem fixen Bestandteil werden, um typischen Beschwerden wie schnelle Erschöpfung, Schlafstörungen, depressive Verstimmung, Gelenkschmerzen und Harninkontinenz vorzubeugen. Auch Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beruhen auf Bewegungsmangel.
Die günstigen Effekte regelmäßiger körperlicher Aktivität beinhalten die Verhinderung von Übergewicht durch Bildung von Muskelmasse anstelle von Fettgewebe, Verbesserung der Körperhaltung, Beweglichkeit und Balance zum Schutz vor Stürzen respektive Frakturen, Reduktion von Muskelverspannungen und Erhalt der Elastizität von Sehnen und Gelenken. Auch die psychische Befindlichkeit kann durch Ausschüttung von Endorphinen und monoaminen Neurotransmittern wie Serotonin speziell im Freien bei Sonnenlicht positiv beeinflusst werden.

Körperliche Bewegung hilft

Studien zum klimakterischen Syndrom konnten zeigen, dass Frauen mit erhöhter sportlicher Aktivität weniger unter Hitzewallungen, psychosomatischen Beschwerden wie Reizbarkeit und Vergesslichkeit sowie unter weniger Kopfschmerzen und Sexualstörungen leiden. Ebenso besserten sich Schlaflosigkeit und depressive Verstimmung. Durch ein regelmäßiges Ausdauertraining kann eine Hypertonie gesenkt oder sogar normalisiert werden.
In einer prospektiven Kohortenstudie wurden 25.624 Frauen im Alter von 20 bis 54 Jahren zu körperlicher Aktivität in der Freizeit und bei der Arbeit befragt, die mediane Follow-up-Zeit betrug 13,7 Jahre. Das Ergebnis zeigte, dass Frauen mit regelmäßiger Freizeitsportaktivität gegenüber Frauen mit hauptsächlich sitzender Aktivität ein vermindertes Brustkrebsrisiko haben (RR= 0,63; 95%-KI=0,42–0,95).
Obgleich die vorhandenen Daten zum Einfluss von Sport und körperlicher Aktivität auf Hitzewallungen nicht eindeutig sind und die durch körperliche Aktivität erhöhte Kerntemperatur auch ein Triggerfaktor für Hitzewallungen sein kann, ist der körperliche Benefit von gezieltem Training wissenschaftlich belegt, sodass die Empfehlung zu regelmäßiger Bewegung bei fast jeder Frau gerechtfertigt ist.

Physikalische Ansätze

Unter Kneipp-Hydrotherapie versteht man die Anwendung von Wasser in fester, flüssiger oder dampfförmiger Form zu prophylaktischen und therapeutischen Zwecken. Zu Sebastian Kneipps wichtigsten Anwendungen gehören sehr kurze, nur sekundenlange Kaltwasseranwendungen (unter 16°C). Initial kommt es zu einer Vasokonstriktion der Haut, gefolgt von einer reaktiven Hyperämie am entsprechenden Körperteil im Sinn eines durchblutungsfördernden Gefäßtrainings. Der gewünschte Effekt besteht in einer Be- oder Entlastung einzelner Kreislaufbezirke, ferner treten eine konsensuelle Mitreaktion der anderen Körperhälfte und eine Beeinflussung innerer Organe über die Stimulation nervöser Reflexbahnen (kutiviszerale Reflexe) der Haut auf. Neben der Wirkung auf die Gefäße wurden Effekte auf den Muskeltonus, den Stoffwechsel, das vegetative Nervensystem, auf Hormone (speziell Katecholamine) und das Immunsystem nachgewiesen. Für die verschiedenen Indikationen werden bestimmte Abfolgen von Güssen und Waschungen festgelegt.
Ein möglicher Pathomechanismus bei der Entstehung von Hitzewallungen ist die Beeinflussung des Temperaturzentrums im Hypothalamus durch abfallende Östrogene, was zu einer Imbalance im Serotonintransmitterhaushalt führt. Dies bewirkt peripher eine Thermoregulationsantwort, die eine rasche Vasodilatation, subjektiv als Hitzewallung empfunden, zur Folge hat. Man nimmt an, dass die Kneipp-Hydrotherapie über die Beeinflussung der Haut und nervaler Bahnen zu einer verbesserten Thermoregulation im Wärmezentrum führt. Gleichzeitig lässt sich durch die Wasseranwendungen eine beruhigende und schlaffördernde Komponente erreichen, wovon insbesondere klimakterische Frauen profitieren.

Phyto- und Ordnungstherapie

Die Behandlung mit Heilpflanzen gehört zu den ältesten Heilmethoden und wird heute in hohem Maß zur Behandlung klimakterischer Beschwerden in Form von Teezubereitungen, Phytopharmaka oder auch Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt. Dabei besteht die Wirksamkeit in der Kombination mehrerer pflanzlicher Inhaltsstoffe. Wenngleich einige Rezepturen noch immer in den Bereich der Erfahrungsheilkunde gehören, nehmen mittlerweile die klinischen Studien mit Phytopharmaka zu. Eine detaillierte Beschreibung der Phytotherapie würde den Rahmen hier allerdings sprengen.
Studien zufolge finden 60 bis 90 Prozent aller Arztbesuche in westlichen Ländern aufgrund von stressinduzierten Erkrankungen statt. Daher rückte die Ordnungstherapie in den letzten Jahren in den Mittelpunkt des Interesses. Sie basiert auf der Vorstellung, dass Gesundheit aus einer Ordnung und Harmonie des Körpers im Einklang mit der Psyche, der Umwelt und dem Lebensrhythmus steht. Sie ist darauf ausgerichtet, die herkömmlichen Gewohnheiten auf ungünstige Elemente zu überprüfen und eine Umstrukturierung des Alltags im Hinblick auf einen gesundheitsorientierten Lebensstil vorzunehmen. Diese Lebensordnung dient zur Mobilisierung von oft verschütteten Selbstheilungskräften. Neben der besonderen Beachtung von Ernährung und Bewegung beinhaltet die Ordnungstherapie heute den Bereich der Stressbewältigungsstrategien. Hierzu gehören Formen der Spannungsregulation (z.B. progressive Muskelentspannung nach Jacobson), ferner sog. „Mind-body-Techniken“, die den Körper durch kognitive Verfahren beeinflussen, sowie Meditation, Yoga, Tai Chi etc.
Inzwischen existieren auch verschiedene kleinere Studien, die den Einfluss von Entspannungsverfahren auf das klimakterische Syndrom untersuchten und die vielversprechende Wirkungen zeigen konnten. In einer prospektiven randomisierten kontrollierten Studie an 33 perimenopausalen Frauen mit mindestens fünf Hitzewallungen pro Tag wurde der Einfluss von täglichen Entspannungsübungen oder von entspanntem Lesen für jeweils 20 Minuten Dauer auf klimakterische Symptome untersucht und mit einer Kontrollgruppe verglichen. Die Frequenz der Hitzewallungen veränderte sich in keiner der Gruppen im Vergleich mit der Baseline, die Intensität der Hitzewallungen nahm jedoch in der Entspannungsgruppe signifikant ab.

Hitzen wegatmen

Bewusstes Atmen, das langsames, kontrolliertes Zwerchfellatmen beinhaltet, hat einen Effekt auf die Reduktion von Hitzewallungen, wenn es zu Beginn der Wallungen angefangen wird. Randomisierte prospektive Studien berichteten, dass bewusstes Atmen die Frequenz von Hitzewallungen um mehr als die Hälfte gegenüber der Kontrollgruppe reduziert. Dabei war bewusstes Atmen der Muskelrelaxation im Hinblick auf die Reduktion von Hitzewallungen überlegen, und Stressbewältigung durch Achtsamkeit konnte ebenfalls zu einer Verbesserung klimakterischer Symptome führen.
Spezielle Entspannungsverfahren wie Yoga, Qigong, Tai Chi, transzendentale Meditation (TM) u. a., die aus Asien stammen und vor Jahrtausenden entwickelt wurden, werden als Teil dieser traditionellen Medizinsysteme eingesetzt. Sie dienen der Gesunderhaltung oder Gesundwerdung. Eine prospektive randomisierte Studie an 65- bis 85-Jährigen zeigte bereits, dass die Lebensqualität nach sechs Monaten Yoga verbessert wurde. Zu den übrigen auch in Europa weit verbreiteten Verfahren gibt es bislang nur Anwendungsbeobachtungen, die positive Effekte auf die psychische Befindlichkeit zeigen konnten.

Dr. Bettina Reinhard-Hennch, Dr. Cornelia von Hagens und Prof. Dr. Thomas Strowitzki sind an der Ambulanz für Naturheilkunde und Integrative Medizin der Universitätsfrauenklinik Heidelberg tätig.

Der ungekürzte Originalartikel erschien in Gynäkologische Endokrinologie 2008.

Reinhard-Hennch, Ärzte Woche 28/2008

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