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Komplementärmedizin 26. August 2008

Den Tunnelblick ablegen

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt vor kanzerogenen Effekten von Soja- und Rotkleepräparaten (die Ärzte Woche berichtete).

Der Gynäkologe Doz. Dr. Martin Imhof erklärt in unserem Interview, warum von Isoflavonen wohl keine Gefahr ausgeht, warum es aber auch wichtig ist, dass die Präparate die Zusammensetzung der natürlichen Pflanzen widerspiegeln. Er ist Hauptgutachter des deutschen Bunds für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde e.V. (BLL) und wurde in dieser Funktion vom BfR kürzlich eingeladen, seinen Standpunkt zu vertreten.

Welchen Stellenwert haben Isoflavone im Vergleich zu Östrogenen?
IMHOF: Beide sind im gleichen Bereich wirksam, aber trotzdem nicht direkt miteinander vergleichbar. In den Wechseljahren gibt es viele östrogenpflichtige klimakterische Beschwerden, die sich nur mit einer synthetischen Hormonersatztherapie behandeln lassen. Diese ist auch nicht mehr in dem Maß unter Beschuss wie früher, da sich herausgestellt hat, dass all die Kritik nicht ganz richtig war, sondern, wenn überhaupt, sich mehr auf die Gestagene hätte beziehen müssen. Es gibt aber häufig milde klimakterische oder periklimakterische Beschwerdebilder, die sehr viel besser mit Hormonalternativen wie etwa Isoflavonen bedient sind. Man erzielt einen ausreichenden Effekt und benötigt keine Hormonsubstitution. Isoflavone stellen sozusagen das Rahmenprogramm der synthetischen Östrogene dar.

Asiatinnen sind dafür bekannt, dass sie unter weniger Wechselbeschwerden leiden, da sie sich isoflavonreich ernähren. Welche Nahrung sollte man bevorzugen, um eine optimale Menge an Isoflavonen einzunehmen?
IMHOF: Die Wirkung der Isoflavone wurde unter anderem in Frage gestellt, weil die Mittel anfangs zu niedrig dosiert waren. Etwa 80 mg scheint jene Mindestdosis zu sein, die man benötigt, um einen Effekt zu sehen. In allen qualitativen Studien, die in den letzten Jahren durchgeführt worden sind, wurde mit Dosierungen von ca. 80 bis 100 mg Isoflavonen aus Soja oder Rotklee gearbeitet. Das Problem ist, dass diese Menge bei den Ernährungsgewohnheiten, wie sie typischerweise in unseren Breitengraden vorkommen, schon, aber nicht wirklich sinnvoll zu erreichen ist. Da müsste man wirklich sehr, sehr intensiv isoflavonhältige Nahrungsmittel zu sich nehmen.

Nun sind ja zahlreiche unterschiedliche Präparate erhältlich. Sind diese alle gleichwertig?
IMHOF: Zu Recht wird von den Behörden kritisiert, dass viele Präparate in ihrer Zusammensetzung und vor allem ihrem Isoflavongehalt nicht ausreichend nachvollziehbar sind. Man weiß bei den „schwarzen Schafen“ also nicht genau, was und in welcher Zusammensetzung da eigentlich enthalten ist. Zu den seriöseren Präparaten gibt es aber mittlerweile nicht nur Analysen, sondern auch klinische Studien, über die man sich informieren kann.
Man unterscheidet konzentrierte von anderen Isoflavonpräparaten, denen einzelne Substanzen wie Genistein synthetisch zugesetzt werden. Hier ist den Konzentraten, die eine natürlich vorkommende Kombination von Einzelsubstanzen widerspiegeln, eindeutig der Vorzug zu geben. Rotklee z.B. besteht aus vier Subtypen von Isoflavonen, und diese müssten im Konzentrat in genau demselben Verhältnis vorhanden sein, dann ist das Präparat tatsächlich eine naturnahe Nahrungsergänzung. In dem Moment aber, in dem Präparate künstlich ergänzt werden, indem man z.B. Genistein zusetzt, ist alles, was man über die Sicherheit und Wirksamkeit von natürlichen Isoflavonen weiß, nicht mehr anwendbar.

Haben Konsumentinnen die Möglichkeit, empfehlenswerte Präparate zu erkennen?
IMHOF: Es gibt keine gute Möglichkeit, da es noch keine brauchbare Regelung gibt. Selbst europäische Behörden haben ein Problem, diese Mittel, die sich rechtlich an der Grenze der Nahrungsmittel bewegen, sinnvoll einzuordnen. Die neue „Health-Claim“-Verordnung, welche verlangt, dass Behauptungen auch belegt werden, wird sicher zur Verbesserung der Situation beitragen. Viele Hersteller, wenn sie wissenschaftliche Studien zu ihren Produkten gemacht haben, stellen diese auch öffentlich vor, z.B. auf ihrer Homepage. Bei der klinischen Untersuchung sollte eine Ethikkommission involviert gewesen sein, die klar definierte, welches Präparat wie zu untersuchen ist. Dann kann man davon ausgehen, dass die Angaben zu diesem Präparat auch wirklich in Ordnung sind.

Ist es aus Ihrer Sicht in Ordnung, dass diese Präparate als Nahrungsergänzungsmittel gelten oder sollten sie als Medikamente angesehen werden?
IMHOF: Würde man Isoflavone wirklich zum Medikament machen, würde man eine wichtige Behandlungsphilosophie vernichten, denn der finanzielle Aufwand, den ein Hersteller bräuchte, um diese Präparate wirklich als Medikament zuzulassen, wäre nie verdienbar. Die Kosten können nur dann hereingebracht werden, wenn man Präparate patentieren oder zumindest für eine gewisse Zeit exklusiv vertreiben kann, was bei den Nahrungsergänzungsmitteln praktisch nicht der Fall ist.
Das zweite Problem ist: Der große Vorteil dieser Substanzen ist ja, dass sie nicht zu hundert Prozent rein und synthetisch sind, sondern ihre Zusammensetzung in einem gewissen Rahmen variiert, was in gewissen Bereichen für den Körper wesentlich besser verträglich ist, geringere Gewöhnungseffekte verursacht und in einer Langzeittherapie Vorteile bringt.
Das steht aber in einem absoluten Widerspruch zu Arzneimitteln, in denen eine genau definierte Substanz in einer genau definierten Menge vorhanden sein muss.
Eigentlich müsste man eine Zwischenstufe schaffen wie „Herbal Medicine“ und „Traditional Use“, um diesen Präparaten, die einen weniger aufwendigen, aber sinnvollen wissenschaftlichen Beleg vorzeigen können, eine klare Position zu geben.

Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR, warnt vor der Verwendung isolierter Isoflavone.
IMHOF: Bezogen auf Nahrungsmittel ist die kritische Haltung zwar verständlich, aber das BfR schießt eindeutig über das Ziel hinaus. Das BfR kritisiert ja hauptsächlich Nahrungsergänzungsmittel, also die Präparate, die zwar konzentriert, aber im Vergleich zur Zusammensetzung der Natursubstanz nicht verändert sind.
Das BfR bezieht sich gleichzeitig aber nicht auf die isoflavonhältige Ernährung; das ist aber für den Laien nicht nachvollziehbar. Was in der Öffentlichkeit verstanden wird, ist, dass Isoflavone gefährlich sein könnten. Ich widerspreche dieser Aussage. Bei Studium der mittlerweile extrem reichhaltigen Studienlandschaft erscheint sogar eher das Gegenteil der Fall zu sein. Weder in epidemiologischen noch in Humanstudien ist ein Risiko der Isoflavoneinnahme erkennbar. Tendenziell könnte man sogar einen Krebsschutz ausmachen, weswegen vor allem in den USA viele Studien in ­diese Richtung angelegt sind.
Das Problem ist, dass Isoflavone eine sehr komplexe Wirkungsform haben, die sehr abhängig davon ist, in welchem Milieu die Untersuchung erfolgt. Sie wirken auf beide Östrogenrezeptoren auf unterschiedliche Art und Weise, das heißt, die Wirkungsart ist erst dann erkennbar, wenn man sie in einem Milieu untersucht, wie es im weiblichen Körper vorliegt. Es gibt kein Tiermodell, das die Situation in einer menopausalen Frau widerspiegelt! Und obwohl es völlig unüblich ist, werden trotzdem größtenteils Tiermodelle durch das BfR zur Risikobewertung herangezogen. Durch diesen isolierten Blick erhält man ein falsches Ergebnis.

Aber kann man schon abschließend sagen, ob Isoflavone das Brustkrebsrisiko fördern oder hemmen?
IMHOF: Es gibt reichlich epidemiologische Studien, die eindeutig zeigen, dass dort, wo die Nahrung einen hohen Gehalt an Isoflavonen aufweist, das Brustkrebs- und Prostatakrebsrisiko sinkt. Es gibt ja in asiatischen Ländern einen Bruchteil der Brustkrebshäufigkeit von Europa.
Diese Erkenntnisse sind aus vielen Gründen nicht direkt auf unsere Kultur übertragbar. Sicher ist aber, dass ein erhöhtes Risiko aus diesen Studien nicht abgeleitet werden kann. Diese Erkenntnis wird auch von der überwiegenden Mehrzahl aller Humanstudien und sogar Tierstudien unterstützt.
Natürlich kann man daraus ebenso wenig ableiten, dass durch die Einnahme eines Isoflavons ab dem 40. Lebensjahr das Krebsrisiko gesenkt werden kann. Aber egal, aus welcher wissenschaftlichen Sicht man die Isoflavone betrachtet, es kommt in keinem Fall heraus, dass das Brustkrebsrisiko steigt oder steigen könnte. Auch nicht indirekt bei Studien, in denen man auf das Endometrium und die Vaginalzytologie als Risikoparameter geschaut hat.
Es gibt mittlerweile rund 130 Humanstudien, die ein gutes oder zumindest akzeptables Design haben, und genau in einer einzigen wurde mit grenzwertiger Signifikanz in der Verumgruppe eine Hyperplasie des Endometriums gefunden. Und das bei perimenopausalen Frauen im Zeitraum von fünf Jahren! Ich kann also noch nicht sicher annehmen, dass Isoflavone vor Brustkrebs schützen, aber mittlerweile kann man gut und begründet davon ausgehen, dass sie keinen Brustkrebs verursachen. Man darf nicht vergessen: Isoflavone haben ja keine dramatische Wirkung. Es ist sind mild wirksame, risikoarme Substanzen.

Das Gespräch führte Mag. Patricia Herzberger

Herzberger, Ärzte Woche 35/2008

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