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Komplementärmedizin 27. März 2008

Schmerzen ganzheitlich behandeln

Schmerzen sind Teil des Lebens eines jeden Menschen. Jedoch haben sie verschiedene Ursachen und werden ganz unterschiedlich erlebt. Ebenso vielfältig sind heute die Ansätze der Schmerztherapie. Schmerzen zu lindern gelingt vor allem dann, wenn neben den biologischen auch psychische, soziale und spirituelle Faktoren Beachtung finden. Dazu braucht es eine ganzheitliche Sicht und breite interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Das kürzlich im Springer Verlag erschienene Buch Nichtmedikamentöse Schmerztherapie. Komplementäre Methoden in der Praxis gibt erstmals umfassend Einblick in die Fülle der komplementären Schmerztherapien, die heute neben der klassischen Schulmedizin und ergänzend dazu zunehmend eingesetzt werden.

Prominente Autoren

„Nach komplementären Schmerztherapien fragen vor allem Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden“, sagt Prof. Dr. Günther Bernatzky, Humanbiologe und Schmerzforscher an der Universität Salzburg. Herausgegeben wurde der Band gemeinsam mit den Schmerzmedizinern Doz. Dr. Rudolf Likar, Leiter der interdiszi­plinären Schmerzambulanz am LKH Klagenfurt, Dr. Michael Ausserwinkler, Leiter der Außenstelle Althofen des Ludwig Boltzmann Institutes für Rheumatologie und Balneologie, Dr. Reinhard Sittl, Schmerzzentrum der Universität Erlangen, Dr. Gerhard Wenzel, praktischer Arzt in Schwarzach im Pongau und dem Psychologen Dr. Franz Wendtner, Universität Salzburg. „Für diese Leidenden bietet unser Buch, das sich an Mediziner, Pflegepersonal und Vertreter der verschiedenen therapeutischen Richtungen ebenso wie an Patienten wendet, etwas ganz Neues“, betont Bernatzky. „In 40 Fachartikeln wird von insgesamt 50 Fachautoren ein Überblick über gegenwärtig bereits in der Praxis erprobte traditionelle und komplementäre Methoden der Schmerzbehandlung gegeben. Das macht es möglich, Vergleiche zu ziehen zwischen alten Heilweisen und ganz neuen Verfahren der Schmerzlinderung.“

Von der Vergangenheit lernen

Zunächst gibt das Buch einen kurzen Einblick in die Geschichte der Schmerztherapie sowie in den aktuellen Stand der Forschung und medizinischen Praxis im Bereich Schmerzentstehung und -messung. Dann werden mehr als 30 weitere Verfahren zur Schmerzbehandlung mit ihren Anwendungsweisen und Wirkungen vorgestellt. Wie sich zeigt, werden komplexe Methoden der Gesunderhaltung wie die Traditionelle Chinesische Medizin und Ayurveda, aber auch Phytotherapie und Kneippanwendungen immer öfter in die moderne Schmerzmedizin integriert.
In einem Artikel über Placebos wird von Likar und Bernatzky dargestellt, dass die Placebowirkung nicht eine rein psychologische ist, sondern dass deren Wirkung mit Dopamin- und Endorphinausschüttung einhergeht. Das stellt die Grundlage für eine Wirkungsverbesserung in einer Schmerztherapie dar, in der zusätzlich die Erwartungshaltung an die Schmerzlinderung gestärkt wird.

Von Musiktherapie ...

Mehrere Beiträge befassen sich damit, wie Musik bei Schmerzen helfen kann. So sind heute die Erfolge von aktiver und rezeptiver Musiktherapie wissenschaftlich belegt und es gibt auch praktische Angebote, die die Patienten selbst nützen können. So wurde in Salzburg eine Musik-CD mit Entspannungsanleitung entwickelt und die Wirkung in mehreren Studien getestet. Näheres ist im Beitrag von Günther Bernatzky und einem vierköpfigen Team, bestehend aus Schmerzforschern, einem Psychologen und einem Musikwissenschafter, nachzulesen.
Weitere Beiträge machen deutlich, was Hypnose und verschiedene psychologische und psychotherapeutische Verfahren bei der Behandlung von akuten und chronischen Schmerzen leisten können. Dabei wie auch bei vielen anderen nichtmedikamentösen Therapiemethoden ist die Erhöhung der Selbstwirksamkeit der Patienten bei der Bewältigung von Schmerzen ein wichtiges Ziel. Doch diese (Selbst)Wirksamkeit hat Grenzen, das müssen oft auch jene erkennen, die SchmerzpatientInnen medizinisch und pflegerisch betreuen.

... über Humor ...

Ein Mittel, diesen Grenzen zu begegnen, ist ein von Herzenswärme, Verständnis und Einfühlungsvermögen getragener Humor, wie in dem Beitrag „Humor trotz(t) Schmerzen“ zu lesen ist. Die Kunst, sich auf den anderen einzulassen, ihn einfühlsam zu beobachten, mit ihm mitzufühlen und eine gemeinsame Verständigungsebene herzustellen, ist besonders gefragt, wenn es darum geht, den alles umfassenden Lebensschmerz hochbetagter Demenzkranker durch „Total soothing“ zu lindern. Gerade diese Menschen leiden an vielen – oft unerkannten – körperlichen, seelischen, sozialen und spirituellen Schmerzen, und dies umso mehr, je schwächer Geist und Körper werden, wie ein weiterer Beitrag berichtet.
Auch zwischen der medizinischen und pflegerischen Kompetenz, welche alle heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Schmerztherapie zu nützen versteht, und der spirituellen Begleitung der PatientInnen sollte es eine enge Verbindung geben, heißt es in dem Kapitel „Glaube, Hoffnung und Schmerz“. Nur dann kann Glaube bei der Schmerz- und Leidensbewältigung echte Hilfe leisten. Diese kommt sowohl den Patienten zugute wie auch jenen, die sie betreuen.

... zu Phytotherapie und fernöstlichen Methoden.

Breiter Raum wird in dem Band der Schmerzbehandlung durch moderne Methoden der physikalischen oder Phytomedizin eingeräumt. Die Wirkung physikalischer Interventionen wie Lymphdrai­nage oder Fußreflexzonenmassage wird ebenso beschrieben wie Wärme- und Kältetherapie, Manuelle Medizin und Osteopathie, verschiedene Formen der Elektrotherapie oder Hydrotherapie. Auch verschiedene Formen von Bewegungstherapie können Schmerzen vermindern, was Beiträge zur Feldenkrais-Methode, zur Kneipp-Therapie oder zum Einsatz von Qigong zeigen.
Aber auch die „klassische“ Phytotherapie kann gegen Schmerzen helfen. Ob Muskel- oder Zahnschmerzen, Rheuma oder Migräne – in den meisten Fällen ist dagegen ein Kraut gewachsen. Das diesbezügliche Kapitel macht deutlich, wie altes und neues Heilwissen im Dienste der schmerzgeplagten Menschen zusammenfließen können. So wird ein Hauptziel des Buches erfüllt, über die Disziplinen hinweg gemeinsam bessere Hilfe für Leidende zu ermöglichen.

Doch damit nicht genug!

Dies geschieht durch Informationen über viele alte und neue bereits erprobte Schmerzbehandlungsmethoden. Dazu zählen, um noch einige Beispiele der in dem Buch vorgestellten Verfahren zu nennen, auch die Kinesiologie, die Transkutane Elektrische Nervenstimulation sowie die Bio-Elektro-Magnetische-Energie-Regulation, die mit Grundlagen und neuesten Forschungsergebnissen einen modernen Standpunkt der Methode zeigt.
Zu nennen ist auch die gesundheitsfördernde Wirkung von Nahrungsinhaltsstoffen bzw. -ergänzungsmitteln, die Aromatherapie oder auch die Schmerzbehandlung mit Radon im Rahmen der Gasteiner Thermal-Heilstollentherapie. Wie die Herausgeber des neuen Buches im Vorwort betonen, ist zu erwarten und auch zu hoffen, dass schon bald neue Erkenntnisse die Möglichkeiten der medikamentösen wie auch der nichtmedikamentösen Schmerztherapie noch weiter verbessern und enger miteinander verbinden werden. So gesehen ist das Buch nicht abgeschlossen, sondern steht am Beginn einer neuen Entwicklung.
Ähnliches spricht der Vorstand der Anästhesie des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Wien, Dr. Wilfried Ilias, in seinem Nachwort aus. Er sieht in der Vielfalt ein weiteres wesentliches Ziel des Buches erfüllt: Fachleute verschiedener Disziplinen stellen hier die vielfältigen Möglichkeiten von Schmerztherapie aus ihrer eigenen Sicht dar. Das Buch sollte, so wünscht sich Ilias, sie alle auch „dazu anhalten, über den eigenen fachlichen Horizont hinauszuschauen und die Expertise anderer Fachleute unvoreingenommen zu nutzen“.

Dr. Heide Gottas leitet die Salzburger Unizeitung plus.

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