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Komplementärmedizin 5. Juni 2007

Vom Orient zum Okzident

Die Altorientalische Musiktherapie (AM) bewährt sich bereits seit rund 1.000 Jahren, um Menschen zu heilen, wiederherzustellen und Krankheiten vorzubeugen.

In ihrer historischen Form wurde die altorientalische Musiktherapie (AM) im Rahmen der islamischen Heilkunde ab dem 9. Jh. im Rang einer regulären medizinischen Hilfsdisziplin in den Spitälern zur Anwendung gebracht. Der Begriff „altorientalisch“ ist ein in der Therapieszene eingeführter Terminus, der nichts mit dem in der Turkologie gebräuchlichen Begriff zu tun hat.
Grundlagen der Therapie waren zum einen die Humoralpathologie (Vier-Säfte-Lehre) sowie die religiös-philosophisch begründete Überzeugung, dass Musik sowohl die „Geistseele“ als auch den „materiellen Leib“ nährt. So glaubte man, mittels unterschiedlicher mikrotonaler Tonskalen (Makamat) gezielt Wirkungen auf Organsysteme und Emotionen ausüben zu können – die Musik würde gleichsam die „Säfte” regulieren.
Nach dem Wechsel vom humoralpathologischen zum biomedizinischen Behandlungsmodell verschwand dieser Therapieansatz aus den Spitälern der Türkei und des arabischen Raumes. Der klinische Psychologe Dr. Oruc Güvenc griff Mitte der 1980er Jahre in Istanbul die alte therapeutische Idee wieder auf.

Tradition und Moderne

Heute wird Musik in ihrer therapeutischen Wirkung als subjektiver menschlicher Ausdruck gedeutet, der seine Erfüllung in der Schönheit findet. Das bedeutet, dass sich der therapeutische Effekt nicht mehr auf ein externes „kosmischen Ordnungsprinzip“ gründet, sondern auf der Restrukturierung innerer (psychischer und körperlicher) Strukturen. Diese wird durch bedeutungsvoll erlebten musikalischen Ausdruck der Beteiligten ebenso hervorgerufen wie durch Tanz- und Bewegungsübungen und konzentrative (rezeptive) Hörsitzungen.
Die AM hat das übergeordnete Therapieziel, den Patienten zu unterstützen, ein stimmiges Zusammenspiel zwischen nach außen gewandter Lebensgestaltung und innerer subjektiver Stimmigkeit (wieder-)herzustellen.
In diesem Sinne ist „Musik nicht einfach, was sie ist, sie ist das, was sie dem Menschen bedeutet, was sie für ihn tun kann“ und „die Beschäftigung mit Musik kann den Menschen zeigen, was sie miteinander verbindet“ (Simon Rattle).
Für eine funktionierende Therapie spielt neben der Persönlichkeit des Therapeuten, dem Musikmaterial sowie der Klangqualität der Instrumente auch Kontext und Setting eine wesentliche Rolle. Wir konnten vielfach dokumentieren, dass etwa Patienten und deren Angehörige im klinischen Kontext zur rezeptiven AM ein außerordentlich positives Verhältnis aufbauen.

Völlig neues Musikerlebnis

Ein Wirkaspekt der AM scheint darin zu liegen, dass beim ersten Kontakt durch die Neu- und Andersartigkeit des Klangbildes (Instrumentarium, Makamstruktur) etablierte, individuelle Assoziationen zu bekannten Musikstilen vermieden werden. Dies schafft Raum für neue Strukturen und Assoziationen, die mit positiven Gefühlsinhalten bzw. Sehnsüchten zu tun haben. Dies führt bisweilen zu erstaunlichen Ergebnissen, wie etwa die eines Patienten nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma am Neurologischen Rehabilitationszentrum der AUVA in Wien Meidling. Er bezeichnete sich im Anschluss an eine Therapiestunde gegenüber anderen Mitpatienten im Gemeinschaftsraum als „Künstler”. Im Mittelpunkt steht die Musik und ihr Potenzial als bedeutsames therapeutisches Erlebnis- und Gestaltungmedium. Gerade im Rahmen einer primär medizinisch ausgerichteten Behandlungsstruktur einer kinderonkologischen Station bewährt sich das therapeutische Potenzial eines freudvollen und ressourcenorientierten musiktherapeutischen Angebotes für das erkrankte Kind ebenso wie für sein soziales Umfeld.
Seit vielen Jahren evaluieren wir am Institut für Ethno-Musik-Therapie klinische Therapieverläufe anhand empirischer Fallbeschreibungen und Videodokumentationen. Darüber hinaus bemühten wir uns auch um eine Fundierung auf Grundlage physiologischer „hard facts“.

Harte Fakten, sanfte Klänge

Eine erste klinische EEG-Studie am Neurologischen Rehabilitationszentrum Meidling bei Patienten nach schwerem Schädel-Hirn-Trauma zeigte, dass in den frühesten Remissionsphasen der rezeptive AM-Ansatz reduzierte Spasmen bei gleichzeitiger Vigilanzerhöhung hervorrief. Ähnliche relaxierende und anxiolytische Wirkungen konnte eine Studie am kardiologischen Rehabilitationszentrum Groß Gerungs beobachten.

Neue Studien in Vorbereitung

Momentan arbeiten wir an Case-Study-Designs mit Videodokumentationen zur Evaluierung von individuellen Therapieverlaufen und verknüpften diese mit chronobiologischen Messmethoden wie beispielsweise Herzratenvariabilität, Muskelaktivität (EMG), Hautpotenzial, Hautwiderstand.
AM greift den Gedanken David Aldridges auf, der treffend formulierte: „Schwerpunkt einer jeden Therapie muss sein, wieder Hoffnung zu wecken, sich mit Gefühlen von Verlust, Isolation und Verlassenheit auseinanderzusetzen, Leiden zu verstehen, Abhängigkeit zu akzeptieren und dabei doch unabhängig zu bleiben und dem Leben einen tieferen Sinn zu geben.“

Dr. Gerhard Tucek

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