zur Navigation zum Inhalt
 
Dermatologie 17. Jänner 2008

Wärme und Wundheilung

Komplizierte Wunden können Ärzte und Patienten Zeit und Lebensqualität kosten. Hier eine ungewöhnliche Erfolgsgeschichte.

 Wundheilung
Z. n. Basaliomentfernung, 22.11.2007

 Wundheilung
Eine Woche später, am 29.11.2007


Die Hyperthermiebehandlung zeigt Wirkung, 17.12.2007

 Wundheilung
Restitutio ad integrum nach fünf Wochen, 21.12.2007

Fotos: Dr. med. Ralf Kleef

Ein 80-jähriger männlicher Patient in gutem Allgemein- und Ernährungszustand präsentierte sich Mitte November 2007 mit einem Zustand nach Excision eines Basalioms im Occipitalbereich im Hyperthermie-Institut. Die Excision war in sano im September 2007 erfolgt; eine histologische Bestätigung der Basaliomerkrankung lag vor. Bei der Aufnahme präsentierte sich der Patient mit einer zwei Mal drei Zentimeter großen, tief exulcerierten und schmerzlosen Wunde. Die Wunde blutete bei Berührung sofort, war tief bis direkt auf den Knochen einsehbar und von dicken, zähen Fibrinschichten belegt.

Chirurgischer Eingriff indiziert?

Ein fachärztliches dermatologisches Konsil und ein Konsil der plastischen Chirurgie kamen übereinstimmend zur Auflassung, dass eine plastische Deckung der Wunde mit Schwenklappenplastik und Spalthaut-Transplantation unumgänglich seien. Insbesondere betonten die Fachärzte, dass die Galea aponeurotika bereits angegriffen sei und daher unmittelbar eine Osteomyelitis drohe.
Da der Patient an beträchtlichen Ko-Morbiditäten (insulinpflichtiger Diabetes II, doppelter Bypass, Herzschrittmacherimplantation, Claudicatio intermittens, Niereninsuffizienz) litt und eine mehrwöchige Hospitalisierung unbedingt zu vermeiden war, entschlossen wir uns zu einer ungewöhnlichen Behandlungsmethode.
Zunächst erfolgte eine chirurgische Reinigung der Wunde mit scharfem Löffel am ersten und am zehnten Tag der Behandlung.
Dann erfolgte zunächst einmal täglich locoregionale Oberflächenhyperthermie mit wassergefilterter Infrarot-Strahlung. Zusätzlich wurde unter aseptischen Bedingungen einmal täglich eine Propolissalbe dünn aufgetragen, sowie Propolis und enzymatisch gereinigter Blütenpollen oral verordnet.

Komplikationen im Verlauf

Kompliziert wurde der Therapieverlauf dann durch eine frisch diagnostizierte, radiologisch durch Thoraxröntgen verifizierte Pneumonie des rechten Unterlappens. Laborchemisch zeichnete die Pneumonie initial durch ein sehr hohes CRP (über 230mg/l laut externem Labor Dr. Dostal). Nach Rücksprache mit Prof. Dr. Wolfgang Graninger, Abteilung für Infektiologie am AKH Wien, erfolgte die sofortige stationäre Aufnahme des Patienten zu einer siebentägigen intravenösen Antibiotikatherapie. Unter der eingeleiteten antibiotischen Therapie besserten sich sukzessive Dyspnoe und die Entzündungsparameter wie Leukozytose, CRP sowie Blutsenkungsgeschwindigkeit.
Das mobile Hyperthermie-Bestrahlungsgerät wurde in die Klinik gebracht, der Patient nunmehr zweimal pro Tag mit locoregionaler Oberflächenhyperthermie bestrahlt und die Wunde anschließend jeweils dünn aseptisch mit Propolissalbe bestrichen. Vor der Hyperthermiebehandlung wurde die Wunde jeweils mit Jodlösung gespült. Als Wundauflage verwendeten wir Adhäsiv-Verband zur Schaffung eines feuchten Wundheilungs-Milieus und Fettgaze. In der 2. Behandlungswoche konnten wir erstmals eine leichte Besserungstendenz diagnostizieren. Der weitere Therapieverlauf ist der Photodokumentation zu entnehmen. Die letzte Oberflächenhyperthermie erfolgte fünf Wochen nach Therapiebeginn am 21. Dezember 2007, als wir eine restitutio ad integrum diagnostizieren konnten.

Diskussion

Das Institut für Wärme- und Immuntherapie (IWIT) in Wien erforscht seit vielen Jahren die Hyperthermie mit Infrarotstrahlung und hat hieraus erfolgreiche Therapien entwickelt. Neben vielfältigen Mechanismen der Regulation physiologischer und immunologischer Kreisläufe im Organismus des Warmblüters kommt der „Clearance“ der Grundsubstanz (extrazelluläre Matrix) eine Bedeutung in der Behandlung mit Infrarot-Hyperthermie zu. Zusätzlich dürfen Matrix-regulierende Einflüsse von Propolisderivaten angenommen werden. In der Wundheilung spielen insbesondere Phenylpropanoide, sekundäre Planzenmetaboliten, wie sie in der Natur vorkommen, eine bedeutende Rolle.

Wirkungsweise:
zum Gutteil bereits erforscht

Hauptwirkmechanismus ist die generalisierte Vasodilatation aller Gewebskompartimente durch die Durchblutungssteigerung aller tiefliegenden Muskel- und Organschichten. Das komplexe System der Proteoglykane kann wie ein molekulares Sieb verstanden werden, das durch die Infrarot-Hyperthermie weiter gestellt wird.
Hyperthermie mit Infrarot-Wärmetherapietechniken ist aufgrund vielfältiger Mechanismen ein Therapieverfahren, in dessen Mittelpunkt die Matrix steht. Wassergefilterte Infrarot-A Strahlung ist in ihrer Wirkung gut untersucht und findet in unserem Institut mit medizinischen Spezialgeräten in der locoregionalen Oberflächenhyperthermie sowie in Ganzkörperhyperthermieanlagen Verwendung.

Dr. Ralf Kleef


Meinung

Wundheilung oder Überhitzung?

Chronische Wunden belasten Patienten, Ärzte und Gesundheitsbudgets. Umso willkommener ist jeder praktikable und finanzierbare Ansatz, der zu heilen hilft. In dem hier beschriebenen Fall liegt jedoch keine unbedingt typische chronische Wunde, wie etwa bei chronisch venöser Insuffizienz vor, sondern ein Defekt nach Tumorentfernung. Es stellt sich die Frage, ob der in gutem Allgemeinzustand befindliche Patient nicht durch operative Deckung wesentlich schneller einen Heilungserfolg erlebt hätte. Interessant wäre auch, ob und wie Überwärmung bei chronischen Wunden anderer Ursache wirkt, und unter welchen Bedingungen sie bewährten Ansätzen gegenüber Vorteile bringen könnte.

Von Dr. Rainer Schröckenfuchs, Redakteur

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben