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Komplementärmedizin 15. Mai 2007

Naturheilkunde vom Dach der Welt

Im Westen immer noch weitgehend unbekannt, wird die Medizin aus der Heimat des Dalai Lama im Himalayagebiet seit vielen Jahrhunderten erfolgreich eingesetzt. In der Schweiz steht das europaweit einzige Unternehmen zur Herstellung der traditionsreichen Pflanzenmedikamente.

„Der Grundstein der traditionellen tibetischen Medizin wurde im siebenten Jahrhundert unserer Zeitrechnung gelegt“, erläuterte Dr. Herbert Schwabl von der Schweizer Padma AG im Rahmen einer Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung „Geheimnisvolles Tibet“ im burgenländischen Schloss Halbturn. „Damals trafen sich am Hofe des tibetischen Königs Trisong Detsan die besten Ärzte aus dem tibetischen, chinesischen, indischen und persisch-altgriechischen Kulturkreis zu einem – heute würden wir sagen – Medizinerkongress“, ergänzte der Wolfsberger Gefäßchirurg und TTM-Arzt Dr. Klaus Mayer. Aus der Zusammenschau ihres Wissens wurde ein tibetisches Medizinsystem geschaffen, das Gyü-shi, das im 12. Jahrhundert auch schriftlich niedergelegt wurde. Die traditionelle tibetische Medizin ist demnach keine Volks-, sondern eine Schulmedizin. Sie wird noch heute im Himalayagebiet und den tibetanischen Exklaven praktiziert. Im Hauptsitz der tibetischen Exilregierung, in Dharamsala, befindet sich heute das universitäre Zentrum der tibetischen Medizinschule. Die ganzheitlich ausgerichtete TTM strebt das Gleichgewicht der drei Körperenergien Tripa, rLung und Beken an. Die Ursachen aller Krankheiten liegen laut der TTM in einem Ungleichgewicht dieser Körperenergien begründet. Am Beginn jeder Behandlung nach TTM steht das ausführliche Arzt-Patienten-Gespräch. Dabei werden Beschwerden ebenso abgefragt wie Lebensgewohnheiten. Einen zentralen Punkt in der Diagnostik stellt die Messung des Pulses dar, die „zu erlernen jeden tibetischen Arzt viele Jahre kostet“, wie ­Mayer, der selbst gerade eine TTM-Ausbildung absolviert, angab. Ein Experte in der Pulsmessung kann unterschiedliche Pulsqualitäten wahrnehmen, sie entsprechenden Krankheiten zuordnen und damit sehr präzise Diagnosen stellen. Behandelt werden Erkrankungen in der TTM in leichteren Fällen mit einer Umstellung des Lebensstils und Diät. Erst bei schweren Erkrankungen werden tibetische Pflanzenmedikamente eingesetzt.

Komplexe Kräutermedizin

„Diese Medikamente sind immer Vielstoffgemische“, erläuterte Schwabl. „Die Komponenten der Arzneien sind meist pflanzlich, in einigen Fällen auch mineralisch“, ergänzte der Biochemiker Prof. Mag. Dr. Florian Überall vom Biocenter Innsbruck: „In der Regel kommen zwischen fünf und 100 verschiedene Rohstoffe in einer Formel zusammen.“ Die Dosierung der jeweiligen Stoffe ist allerdings sehr gering: „Tibetische Pflanzenrezepturen wirken nach dem multi-target-Prinzip“, so Überall. „Die chemischen Komponenten weisen nur eine schwache Bindungsaffinität auf und führen nicht zu einer kompletten Hemmung oder Aktivierung von einzelnen Stoffwechselvorgängen.“ Mit einer tibetischen Rezeptur sollen „sanfte Impulse“ gegeben werden, was sie vor allem für den Einsatz bei chronischen Erkrankungen sinnvoll macht. Forschungsergebnisse beweisen die Sinnhaftigkeit eines Einsatzes tibetischer Vielstoffgemische beispielsweise zur Behandlung atherosklerotischer Durchblutungsstörungen in den Beinen. Eine Ende 2006 publizierte Metaanalyse konnte nachweisen, dass die Gabe von Padma 28 (jetzt Padma basic), einem Vielstoffgemisch aus 20 Pflanzen, Kampfer und Kalziumsulfat zu einer messbaren Besserung der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) führen kann. „Das Medikament greift an verschiedenen Ansatzpunkten in die multikausale und kaskadenartige Pathogenese der Atherosklerose ein“, erklärte Überall. Für die Analyse wurden 19 klinische Studien mit Padma 28 mit insgesamt 2.084 PatientInnen begutachtet, fünf doppelblinde, randomisierte, placebo-kontrollierte Studien und eine historisch kontrollierte Studie erfüllten die Bedingungen zur Aufnahme in die Metaanalyse (Melzer J, et al. Treating intermittent claudication with Tibetan medicine Padma 28: Does it work? Atherosclerosis 2006;189(1):39-46). Die gepoolten Daten zeigten eine geringe, aber signifikante Senkung der Blutzuckerwerte, der Triglyzeride sowie des systolischen und diastolischen Blutdrucks. In einer Studie wurde ex vivo eine signifikante Hemmung der Monozytenaktivierung und eine signifikante pro-fibrinolytische Wirkung festgestellt. Die Behandlung von pAVK-PatientInnen mit Padma 28 – so die Studienergebnisse – bewirkt eine statistisch signifikante und klinisch relevante Verlängerung der maximalen Gehstrecke. Sie trägt zudem zu einer Prävention kardiovaskulärer Ereignisse bei. Die StudienautorInnen kamen zu dem Schluss, dass Padma 28 in allen Stadien der pAVK als Begleittherapie empfohlen werden kann. Ebenfalls ein Ergebnis der Studie: Die Behandlung kann als verträglich und sicher bezeichnet werden.

Forschung erst am Anfang

Die Untersuchung der Vielstoffgemische der TTM ist erst am Anfang. Für Dr. med Susanne Schunder-Tatzber von der Akademie für Ganzheitsmedizin in Wien ist sie „ein wichtiger Ansatz aus Sicht der Ganzheitsmedizin, da eine traditionelle Methode mit modernen wissenschaftlichen Methoden untersucht wird, was den Erkenntnisstand und die Anwendungssicherheit dieser Pflanzenpräparate im Sinne der Patientensicherheit erhöht.“

Links:
www.tibetischemedizin.org
www.padmaforum.at/
Am 23. Juni 2006 um 16 Uhr findet im Rahmen der Ausstellung „Geheimnisvolles Tibet” auf Schloss Halbturn ein Vortrag für MedizinerInnen unter dem Titel „East meets West – Tibetische Kräuterrezepturen für die westliche Welt” statt.
Anmeldungen über www.padmaforum.at.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 20/2007

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