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Komplementärmedizin 6. Dezember 2006

Schwebezustand zwischen Wachsein und Schlafen

Show-Hypnotisierungen im Zirkus haben diesen besonderen Seelenzustand populär gemacht, aber auch in die Nähe von Zauberei und Magie gebracht. So haftet der hypnotischen Methode, die in Kriegszeiten oft als Anästhetikum eingesetzt wurde, weithin der Odeur des Unseriösen an. Zu Unrecht, sagt die Psychiaterin Prof. Dr. Henriette Walter, die in ihr eine wertvolle salutogenetische Technik sieht.

Anatol möchte es genau wissen. Er versetzt seine Freundin Cora in einen hypnotischen Zustand und fragt sie, ob sie ihn auch wirklich liebt. „Ja“, ist ihre Antwort. Gerne würde der Frauenfreund noch erfahren, ob sie ihm auch wirklich treu ist, getraut sich aber nicht, ihr diese Frage zu stellen.
Der Wiener Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler (1862–1931) hat mit dieser Eingangsszene aus seinem Anatol-Zyklus der Hypnose (abgeleitet von Hypnos, dem griechischen Gott des Schlafes) Ende des 19. Jahrhunderts ein literarisches Denkmal gesetzt.

Ruch des Jahrmarktzaubers

Es war die Zeit, da dieser besondere Seelenzustand zwischen Wachsein und Schlafen hoch im Kurs stand: Der Neurologe Jean-Martin Charcot setzte die Hypnose zu Therapiezwecken ein und half entscheidend mit, dass sie sich von ihrem Ruch des Jahrmarktzaubers befreien konnte. Der junge Sigmund Freud pilgerte zu ihm nach Paris, um diese Methode genauer kennen zu lernen. In Paris fand 1900 auch ein großer internationaler Hypnosekongress statt.
Die Hypnose, mit ihr wurde erstmals die Macht des Unterbewussten betont, und sie markiert auch, wie Prof. Dr. Henriette Walter, Universitätsklinik für Psychiatrie, Wien, meint, den „Ursprung der modernen Psychotherapie“. Warum hat sie dann in den letzten hundert Jahren sukzessive an Bedeutung verloren? Die Wiener Psychiaterin, 3. Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der deutschsprachigen Hypnosegesellschaften (D, A, CH), macht dafür mehrere Gründe geltend: Zum einen erwuchs der Hypnose mit der aufkommenden Psychoanalyse und der Etablierung von Anästhetika eine ernsthafte Konkurrenz, und zum anderen orientierte sich Anfang des vorigen Jahrhunderts die Psychotherapie mehr in Richtung strukturierte, nachprüfbare Methoden, und es kam, ausgehend von den USA, die Verhaltenstherapie auf. „Im gleichen Maß“, sagt Walter, „versank die Hypnose in eine Art Winterschlaf.“
Seit einiger Zeit erlebt die Hypnose eine sanfte Renaissance bzw. ein Erwachen. Die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT (3/2006) berichtete in einer ausführlichen Reportage, wie in der Universitätsklinik der belgischen Stadt Lüttich sogar bei aufwändigen Operationen auf Vollnarkose zugunsten von Hypnose verzichtet wird.

 Hypnose in der Medizin

Verzicht auf die Spritze

Walter erzählt, dass es auch in Wien solche Einzelfälle gibt. Zum Beispiel hat sie selber einmal eine Patientin vor einer Zahnfleisch­operation in Hypnose versetzt, wodurch ganz auf die Spritze verzichtet werden konnte. Das war notwendig, da die Patientin an einer Unverträglichkeit gegenüber Lokalanästhetika litt. Ohne Schmerzen überstand die Patientin den Eingriff, sagt die Psychiaterin. Sie empfand nur Berührung.
Die Hypnose wird ohnehin gerne in der Zahnbehandlung eingesetzt – allerdings hauptsächlich, um überhaupt die Angst vor dem Zahnarzt und dem spitzen Bohrer im Speziellen zu nehmen. Zwei unterschiedliche Hypnosetechniken, die Assoziation und die Dissoziation, kommen hier zum Einsatz.

Reise zum Wohlfühl-Ort

Die assoziative Technik zielt darauf ab, dass der Patient seinen Mundbereich als eine große Höhle empfindet, in dem die Zähne wie Hocker herumstehen, die hier und da einen kleinen Fehler haben. Bei dem einen muss der Lack abgeschliffen, bei dem anderen das Stuhlbein repariert werden. Der Patient soll nun in die Rolle eines Handwerkers schlüpfen, der die Fehler ausbessert. „Wichtig ist, dass der Patient den Mund als einen großen Raum erfährt, denn bei Angst sieht er ihn immer nur als klein und eng. Das schafft schon einmal Luft zum Atmen. Als Nächstes soll der Patient sehen, dass die Reparaturarbeiten sinnvoll und auch zeitlich begrenzt sind. Ein Ende ist also absehbar.“
Ziel der dissoziativen Technik ist hingegen, dass der Patient in seiner Vorstellungswelt weg vom Ort des (für ihn schrecklichen) Geschehens dorthin gebracht wird, wo er sich wohl und sicher fühlt. Beispiel: Er fährt gerade mit einem Motorboot über einen bewegten See. Die für die Zahnbehandlung typischen Geräusche und das Wasser werden hier aufgenommen und zu einem neuen, friedlichen Bild zusammengefügt.

Reduzierte Wahrnehmung

Welcher Methode der Vorzug gegeben wird, hängt in erster Linie von den Vorstellungen und Bedürfnissen des zu Hypnotisierenden ab. In der Literatur findet man häufig die Angabe, dass zehn Prozent der Menschen nicht hypnotisierbar sind. Walter hält von solchen Zahlenangaben wenig: „Die Medizin ist nicht dazu da, den Patienten zu etwas zu überreden, sondern ihm etwas anzubieten. Entscheidend ist, ob jemand sich auf eine Hypnose einlassen möchte oder nicht.“
Der Hypnotiseur versetzt den Patienten mithilfe suggestiver Techniken in eine andere Welt, in Trance (transire, lateinisch: hinübergehen), in einen Schwebezustand, der dadurch charakterisiert ist, dass die Außenwahrnehmung nur noch sehr reduziert ist. So war es schon vor hundert Jahren, so ist es auch heute noch, mit dem Unterschied, dass sich inzwischen mit SPECT- und PET-Messungen genau dokumentieren lässt, dass sich bei diesem Prozess auch die Gehirntätigkeit ändert: die Aktivität der hinteren Anteile des Gehirns lässt nach, die Aktivität des Frontalhirns nimmt zu. Darüber hinaus stellen sich mehrere typische physiologische Effekte ein: Vagotonie, Miosis und Hypotonus. Das ist alles messbar.
Früher, vor allem während Kriegen wurde die Hypnose bei Operationen ganz selbstverständlich genutzt – aus der Not heraus, da Narkosemittel fehlten. Nun wird die Methode wieder entdeckt, da sie auf die eigenen Ressourcen und Fähigkeiten der Patienten setzt – insofern kann sie auch als eine salutogenetische Technik bezeichnet werden – und damit ganz im Trend liegt: Weg von künstlichen und hin zu natürlichen Mitteln. Eine Trance kann auf unterschiedliche Weise herbeigeführt werden, z.B. über ekstatische rhythmische Bewegungen, wie in religiösen Ritualen. Für den medizinischen und therapeutischen Bereich hat der amerikanische Psychiater Milton Erickson (1901–1980) entsprechende Techniken entwickelt.

Technik allein genügt nicht

Doch Technik allein genügt nicht, betont Walter, eine weitere wichtige Voraussetzung sei ein bestimmtes Talent. Man muss sich in den anderen Menschen einfühlen können: „Sonst wären wir Mediziner bloße Techniker.“ Walter, die auch Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Milton Erickson Gesellschaft, Deutschland, ist, fasst zusammen: „Die klinische Anwendung reicht von Angst- und Schmerzkontrolle bis zu Behandlungen über gesundheitspräventive Anwendung, Stichwort: Raucher­entwöhnung, Gewichtskontrolle, bis zur Psychotherapie bei Alkoholabhängigkeit, Angststörungen und Depressionen.“
Hypnose wird aber nicht nur gezielt eingesetzt, wir fallen auch oft genug im Alltagsleben in diesen angenehm leichten Schwebezustand, ohne das unbedingt anzustreben. Bekannt ist die so genannte „Autobahntrance“: Wir fahren allein im Auto über die Autobahn, mit gleich bleibender Geschwindigkeit, die Mittelstreifen sind monoton, kein Radio läuft, kein Gespräch findet statt. In dieser Situation machen sich unsere Gedanken leicht selbständig, verflüchtigen sich in andere Zeiten, an andere Orte. Wunderbar frei und entspannt fühlen wir uns plötzlich. Unser Denken macht Pause, umso reger ist die Imaginationsarbeit. Was zum Autofahren getan werden muss, geschieht automatisch – und funktioniert klaglos. Wird es aber plötzlich gefährlich, so sind wir in Sekundenschnelle wieder hellwach. Die Trance ist eben ein Schwebe- und kein Schlafzustand.

Wenzel Müller, Ärzte Woche 49/2006

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