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Komplementärmedizin 22. November 2006

Rhythmus im Blut

Wenn jemand „Rhythmus im Blut“ hat, so könnte dies in Zukunft eine ganz neue Bedeutung haben, denn die Musik hat längst ihren Platz in der Medizin gefunden. Und dabei spielt nicht nur der gestörte Takt im kranken Organismus eine Rolle, sondern auch der richtige Rhythmus der Medikation.

„Krankheit ist auch eine Störung des Körperrhythmus und damit ein musikalisches Problem“, interpretiert Prof. Dr. Maximilian Moser, Medizinische Univ. Graz, Joanneum Research Weiz, die Musikwirkung als einen Impuls zu Heilungsprozessen. Musik könne für den kranken Organismus ein Rhythmusgeber sein, der hilft, die gestörte Chronobiologie wiederherzustellen. Auf dem kürzlich in Baden bei Wien abgehaltenen Dialog „Mozart and Science“ zwischen Wissenschaftern und Künstlern wurden innovative Therapieformen vorgestellt, die in der modernen Medizin bisher kaum bewusst eingesetzt wurden. Die neuen Erkenntnisse der Musikforschung tragen jedenfalls zur Erweiterung ganzheitsmedizinischer Interventionen bei.

Stressabbau durch Rhythmus

So haben Messungen der Herzfrequenz während rhythmischem Sprechen und Gesang gezeigt, dass verschiedene Schwingungen des Herzens in Wechselwirkung mit den Klangstrukturen stehen. Es bildet sich ein komplexes Ordnungsmuster der Herzrhythmen, das ohne diese Reize nicht beobachtet wird. Die Wirkung dieser akustischen Reize, Eurhythmie, wird beispielsweise in einem praktischen Projekt des Joanneum Weiz unter Leitung von Moser für die Gesundheitsbetreuung in Betrieben genutzt. So mussten Bauarbeiter einander Kupferstäbe zuwerfen und fangen und zugleich bestimmte Hexameter rezitieren. Zuerst fielen die Stäbe oft zu Boden, doch mit dem Rhythmus gelang das Werfen und Fangen immer besser. An sich keine neue Methode, „Arbeitslieder“ wurden vom Handwerk schon sehr früh angewandt. „Durch diese rhythmische Intervention konnten Unfallziffern und Krankenstände beachtlich gesenkt werden, Stress wurde abgebaut. Auch bei überlasteten Lehrern hat sich diese Methode bewährt“, berichtet Moser. Diesen Effekt führen die Wissenschafter auf die komplexen Querverbindungen zwischen dem somatischen und dem vegetativen Nervensystem zurück, die Rhythmus und Klang hervorrufen. „Es gibt einen unmittelbar messbaren Benefit durch Musik“, erklärt auch der Neurologe Prof. Dr. Walter Oder, Ärztlicher Leiter im Rehabilitationszentrum Wien/Meidling. Er setzt bei Patienten mit Hirn-Schädeltrauma beruhigende Musik gegen Schmerz und Stress ein. Die Atmung stabilisiere sich, die Hirnstromkurven im EEG würden sich normalisieren. Von ähnlichen Erfolgen berichtet auch Dr. Gerhard Tucek, Leiter des Instituts für Ethnomusiktherapie in Schloss Rosenau. Dort musizieren die Patienten auf alten Musikinstrumenten, die ungewöhnlichen Klänge wirken ebenfalls beruhigend.

Harmonische Klänge aus dem Krankenhaus-Radio

An der Paracelsus Med. Privatuniversität Salzburg hat Musikforscherin Vera Brandes ein eigenes Musikprogramm für Patienten mit Herzrhythmus- und Schlafstörungen sowie Bluthochdruck zusammengestellt. Über ein mit Kopfhörern ausgestattetes Kissen kann beruhigende Musik vom Patienten bequem gehört werden. Vier Wochen lang wurden 90 Patienten im Alter von 50 bis 60 täglich mit dieser Musik berieselt. „Bei 80 Prozent hat sich der Gesundheitszustand gebessert, in vielen Fällen konnte sogar die Dosis der Medikamente deutlich herabgesetzt werden“, berichtet Studienleiterin Brandes. Wichtig sei, dass die Klangkulisse unbekannt ist und keine negativen Erinnerungen hervorruft. Chronobiologie nennt sich eine eigene Forschungsrichtung, die sich mit den zeitlichen Abläufen in der Biologie und besonders im menschlichen Organismus befasst, eine viel komplexere Steuerung als jene, die gemeinhin als Biorhythmus bezeichnet wird. Danach richtet sich auch die Chronopharmakologie. „Rhythmische Abläufe sind für die Körperfunktionen des Menschen, ob gesund oder krank, ob hierbei Enzyme oder Entzündungsparameter mitspielen, von essentieller Bedeutung“, sagt Prof. Dr. Björn Lemmer, Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Heidelberg. „Die Chronopharmakologie richtet sich nach den Körperrhythmen bei der Verabreichung von Medikamenten und erzielt so die optimale Wirkung“, betont der Pharmakologe. So sei etwa der Atemrhythmus bei Lungenbeschwerden ausschlag-gebend, wann Medikamente eingenommen werden sollen. Der Patient kann mit einem Spezialgerät selbst die Lungenfunktionen messen, auch während der Nacht. Diesen Ergebnissen folgend, kann der Arzt die Einnahme der Medikamente verschreiben. Die frühen Morgenstunden sind für Herz-Kreislaufpatienten eine Risikozeit. Der Blutdruck steigt unter dem zunehmenden Tagesrhythmus. Entsprechende Medikamente müssen daher möglichst früh eingenommen werden. Anders verhält es sich bei Rheumatikern. Diese Patienten sollen ihre Medikamente, die eine längere Anlaufzeit benötigen, bereits am Abend einnehmen, damit sie bei der „Morgensteife“ mit all den Begleiterscheinungen an Ort und Stelle wirken.

Musik statt Medikamente?

Deutlich hat sich in diesen Dialogen abgezeichnet, dass Gesundheitseinrichtungen, die auch Musiktherapie anbieten, immer stärker gefragt sind. In manchen Fällen kann Musik sogar Medikamente ersetzen. „Ich hoffe, dass Musik künftig nicht nur im Konzertsaal, sondern auch im Krankenzimmer mehr Gehör findet“, fasste der Veranstalter des Dialoges, Dr. Roland Haas von der Universität Mozarteum Salzburg, die Ergebnisse zusammen.

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