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Allgemeinmedizin 14. Februar 2006

Mistel: Anthroposophie bis Disease-Management

Die Mistel ist das bekannteste Arzneimittel der anthroposophischen Medizin. Auch schon bei den Germanen spielte diese Pflanze eine wichtige Rolle. Sie ent-hält unzählige Stoffe, von denen heute noch immer nicht alle bekannt sind. In Deutschland wurde standardisierter Mistelextrakt in das Disease-Management-Programm für das Mammakarzinom aufgenommen.

„Die anthroposophische Medizin versteht sich als Erweiterung der Heilkunst auf geisteswissenschaftlicher Ebene“, erklärte der Wiener Internist Dr. Harald Siber, Oberarzt am Sozialmedizinischen Zentrum Sophienspital, beim 2. Internationalen Kongress für Komplementärmedizin und Krebserkrankungen, der Ende letzten Jahres in Wien stattfand. Dies bedeute, in Diagnostik und Therapie den „übersinnlichen“ Anteil des Menschen, der in den Phänomenen des Lebendigen, des Seelischen und des Geistigen zum Ausdruck komme, mit zu berücksichtigen. Entwickelt wurde die anthroposophische Medizin zwischen 1917 und 1925 von Dr. Rudolf Steiner und der holländischen Ärztin Dr. Ita Wegman. Anthroposophische Ärzte arbeiten weltweit vor allem im niedergelassenen Bereich, zunehmend aber auch in Krankenhäusern (in Deutschland, der Schweiz, Skandinavien und Südamerika). Wie Siber erläuterte, gehe die Anthroposophie von einer Dreigliederung des Menschen aus: Man unterscheide Nerven-Sinnes-System, Gliedmaßen-Stoffwechsel-System sowie das Herz-Kreislauf-System und die Atmung. „Herztätigkeit und Atmung bilden als rhythmisches System die zwischen den Polaritäten ausgleichende Mitte“, so der Anthroposophie-Experte. Im gesunden Menschen seien die drei Systeme in einem dynamischen Gleichgewicht, Einseitigkeiten und Verlagerungen könnten zu Krankheiten führen. Krankheit werde dabei in der Anthroposophie als Entwicklungsmöglichkeit gesehen. Als Heilmittel werden Substanzen mineralischer, pflanzlicher und tierischer Herkunft verwendet, oft in potenzierter Form, ähnlich wie in der Homöopathie. Heil-eurythmie, Kunsttherapien und Biographiearbeit ergänzen das therapeutische Angebot. „Die Patienten sollen aus der passiven Empfangshaltung herausgebracht werden“, betonte Siber.

Thermolabile Wirksubstanzen

Das bekannteste Arzneimittel der anthroposophischen Medizin stellt wohl die Mistel dar. Sie spielte unter anderem bereits im germanischen Baldur-Mythos (wo sie als Wurfgeschoss diente) eine wichtige Rolle. In der anthroposophischen Medizin wurde sie von Anfang an als Injektionspräparat eingesetzt. „Heute wissen wir, dass die Wirksubstanzen thermolabil sind – Misteltee ist wirkungslos“, sagte Siber. Generell enthalte die Mistel unzählige Stoffe (Lektine, Viscotoxine, usw.), und noch immer seien nicht alle bekannt. Die Mistel sei, so Siber, eine äußerst eigentümliche Pflanze mit einer speziellen Beziehung zur Erde und zur Sonne: „Sie hat keine Wurzeln und stirbt, wenn sie die Erde berührt. Sie zeigt keinen Heliotropismus und besitzt trotzdem eine intensive Lichtbeziehung. Als Halbparasit kann sie Kohlenhy­drate selbst durch Fotosynthese herstellen, da sie den grünen Blattfarbstoff Chlorophyll besitzt. Auch die Keimung erfolgt im Licht und nicht wie sonst im Erdendunkel.“ Die Blattdifferenzierung vom Keimblatt zu den Blütenblättern fehle, weiters besitze die Mistel keine trockenen Samen, sondern eine Art „Embryo“ in wässrigem Milieu. Die Mistelkeime wiederum bräuchten neun Monate zur Ausreifung. Ungewöhnlich sei auch, dass die Mistel im Winter fruchtet und im Februar blüht. Die Mistel wird laut dem Experten nur durch die Misteldrossel verbreitet. Sie wächst sehr langsam auf diversen Laubbäumen sowie auf Kiefer und Tanne. Die Eichenmistel ist selten und muss aufwändig kultiviert werden.

Einsatz von Mistel-Gesamtextrakten in der Onkologie

Mistel-Gesamtextrakte (Iscador®, Isorel®, Helixor®) stellen Mischungen von im Sommer und Winter geernteten Misteln dar. Der Herstellungsprozess ist standardisiert, die Mischung der Säfte erfolgt mittels spezieller, maschineller Prozesse. Verabreicht werden Mistelextrakte in der Regel in Serien mit rhythmisch ansteigenden und abfallenden Dosierungen. „Indikationen für standardisierte Mistelextrakte sind Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie, Immunsuppression, reduzierte Lebensqualität, Nachsorge und Palliation“, so Prof. Dr. Josef Breuth, Institut für wissenschaftliche Evaluation naturheilkundlicher Heilverfahren, München. In Deutschland wurde standardisierter Mistelextrakt in das Disease-Management-Programm Mammakarzinom aufgenommen, betonte Breuth. Weitere wirksamkeitsgeprüfte komplementäre Therapien bei Brustkrebs seien Ernährung, Sport, psychoonkologische/psychosoziale Betreuung sowie (unter Chemo-/Strahlentherapie) Na-Selenit und standardisiertes proteolytisches Enzymgemisch. Erwähnt wurde im Rahmen des Kongresses auch, dass eine Überstimulation des Immunsystems durch Mistelpräparate problematisch sein könnte. Darüber hinaus wurde die Frage aufgeworfen, ob der simultane Einsatz von Mistel- und Chemotherapie negative Auswirkungen haben kann. Eine fundierte Antwort auf diese Frage sei derzeit allerdings nicht möglich, waren sich die Experten einig.

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