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Komplementärmedizin 5. Dezember 2005

Kein Widerspruch: Evidenz und Komplementärmedizin

Auch in der Komplementärmedizin gewinnt die Frage nach der Evidenz bzw. dem Evidenzgrad immer mehr an Bedeutung. Dementsprechend beschäftigten sich auf dem 2. Internationalen Kongress für Komplementärmedizin und Krebserkrankungen, der Mitte November in Wien stattfand, mehrere Vorträge mit dieser Thematik.

Wie Prof. Dr. Johannes Pleiner von der Wiener Univ.-Klinik für Klinische Pharmakologie 2 im Rahmen des Internationalen Kongresses für Komplementärmedizin und Krebserkrankungen erläuterte, versteht man unter „Evidence based Medicine“ den „gewissenhaften und sinnvollen Einsatz der besten derzeit verfügbaren Erkenntnis als Entscheidungsgrundlage bei der Versorgung individueller Patienten“. Leider werde aber bis in die heutige Zeit die Medizin nicht selten durch eine „Eminenzbasierte Medizin“ geprägt, also durch „individuelle Meinungen von ‚Fachleuten’, die Therapien anwenden, deren Nutzen sie nicht nachweisen können“. Pleiner: „Gerade in der Onkologie sind klinische Studien der ärztlichen Erfahrung und Beobachtung überlegen. Ich möchte daher für die evidenzbasierte Medizin eine Lanze brechen.“ Allerdings gebe es auch bei klinischen Studien eine Hierarchie der Evidenz – den höchsten Evidenzgrad besitzen dabei Meta-Analysen placebokontrollierter, randomisierter Doppelblindstudien.
Evidenzbasierte Medizin (EBM) stehe nicht a priori im Widerspruch zur Komplementärmedizin, so Pleiner. Sie verlange nicht, dass die Wirkungsweise einer Methode bekannt ist, vielmehr gelte: wer heilt, hat Recht. Sehr wohl gebe es aber Vorbehalte gegenüber Methoden, die sich einer kritischen Überprüfung durch (placebo-) kontrollierte, randomisierte Studien nicht stellen. Auch für Prof. Dr. Michael Gnant, Klin. Abt. für Allgemeinchirurgie, Univ.-Klinik für Chirurgie am Wiener AKH, stellt EBM den „neuen Standard ärztlichen Handelns“ dar. „Hingegen sind Meinungen für die ärztliche Tätigkeit eher hinderlich“, betonte der Experte. „In den Fällen, wo es meiner Ansicht nach ganz klar war, zu welchem Ergebnis eine klinische Studie kommen wird, war das Resultat dann völlig anders.“

„Ende der Beliebigkeit“

EBM bedeute das „Ende der Beliebigkeit“ und sei Voraussetzung für ethisch verantwortliches ärztliches Handeln, so Gnant. Erst dort, wo der Standard endet, beginne dann die ärztliche Kunst, formulierte der Professor für chirurgisch-experimentelle Onkologie. Wie Gnant betonte, haben Patienten, die an klinischen Studien teilnehmen, eine deutlich bessere Prognose, sind also keine „Versuchskaninchen“. Durch intensive Betreuung, zahlreiche Kontrollmechanismen und eine konsequente Nachsorge erhöhen sich Lebensqualität und Lebenserwartung. So zeigte sich bei österreichischen Brustkrebspatientinnen im 10-Jahres-Überleben ein zehnprozentiger Unterschied zugunsten der Studienteilnehmerinnen. Die Frage, ob sich komplementärmedizinische Methoden positiv auf die Lebenserwartung auswirken, könne er auf Basis seiner Erfahrungen nicht beantworten, da fast alle Patienten solche Therapien in Anspruch nehmen, sagte Gnant. Es gebe daher keine Vergleichsgruppe (Patienten ohne komplementärmedizinische Therapie). Gnant zusammenfassend: „Eine gute Studie hilft mit, den Behandlungsstandard im Land zu verbessern und nützt auch den Teilnehmern. Insgesamt retten klinische Studien Leben, schaffen Lebensqualität und sparen Geld.“

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