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© photo courtesy office of HH the Dalai Lama/Tenzin Choejor
100 Jahr-Feier des tibetischen Medizininstituts Men-Tsee-Khang.
 
Komplementärmedizin 20. Juni 2016

Tibetische Medizin heute

Im Zuge der 100-Jahre-Feier des tibetischen Medizininstituts Men-Tsee-Khang fand die International Conference on Tibetan Medicine statt.

Die Tibetische Medizin ist im sechsten Jahrhundert durch Adaptierungen des Heilwissens aus Indien, China, Persien sowie Tibet als eigenständige Wissenschaft entstanden und wurde danach von tibetischen Gelehrten weiterentwickelt. Heute ist dieses hochkomplexe Medizinsystem schon längst in der globalen Moderne angekommen. Die Tibetische Medizin ist aber auch ein hoch-innovativer Teil der boomenden asiatischen Wissensindustrie. Deutlich macht dies das Projekt RATIMED, welches unter österreichischer Leitung das erste Projekt weltweit ist, das die „traditionelle“ tibetische Pharmaindustrie als moderne und transnationale Entwicklung untersucht.

Das im nordindischen Dharamsala gelegene tibetische Medizininstitut Men-Tsee-Khang, gegründet durch den Dalai Lama, feierte zu Ostern sein 100-jähriges Bestehen. Es ist das einzige offizielle Zentrum Tibetischer Medizin außerhalb Tibets. Im Zuge der Feierlichkeiten fand die International Conference on Tibetan Medicine statt, zu der Dr. Herbert Schwabl, Forschungsleiter der Schweizer PADMA AG, als Vortragender eingeladen wurde, um über seine Forschungen und Ergebnisse mit tibetischen Rezepturen zu sprechen. Dem Unternehmen ist es nämlich gelungen, mit dem pflanzlichen Arzneimittel PADMA Circosan* von der österreichischen Arzneimittelbehörde AGES 2011 eine Zulassung zu erhalten. Es war dies die erste Rezeptur aus einer asiatischen Medizintradition, die in einem europäischen Mitgliedsstaat als Arzneimittel zugelassen wurde. - Wie kam es dazu, dass die tibetische Medizinlehre in Europa Einzug hielt?

Die Reise der tibetischen Rezepturen nach Europa

Der tibetische Kulturkreis geht von Nordindien über Nepal und dem eigentlichen Tibet und erstreckt sich weiter nach Norden bis in die Mongolei und nach Burjatien, eine russische Provinz in Sibirien östlich des Baikalsees. Im deutschsprachigen Raum wurde die Tibetische Medizin bereits Anfang des 19 Jahrhunderts durch den Gelehrten Joseph Rehmann bekannt, der in Wien Medizin studierte und der einem russischen Gesandten als sein Arzt nach St Petersburg folgte. Die Geschichte der Tibetischen Medizin setzte sich nach dem zweiten Weltkrieg in Polen fort und endete schließlich in der Schweiz. Von da an war der Grundstein für die pionierhafte Arbeit der Schweizer Ärzte mit tibetischen Rezepturen im Westen gelegt.

Erste Rezeptur aus einer asiatischen Medizintradition in Europa

Die Bestrebungen, Tibetische Medizin wissenschaftlich zu erforschen, wurden mit der Gründung der Schweizer PADMA AG im Jahr 1969 intensiviert. Seitdem produziert das Unternehmen europaweit als einziges pflanzliche Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel auf Basis tibetischer Rezepturen. Das Unternehmen ist so zum Brückenbauer zwischen den Regionen (Europa-Asien), den Medizinsystemen (Tibetische Medizin und westliche Medizin) und den Forschungsansätzen (Erfahrungswissen und moderne Forschung) geworden. 2011 wurde durch die AGES in Österreich das erste traditionelle, asiatische Arzneimittel, PADMA Circosan*, zugelassen. Dr. Herbert Schwabl: „Es war dies die erste Rezeptur aus einer asiatischen Medizintradition, die in einem europäischen Mitgliedsstaat als Arzneimittel zugelassen wurde. Man darf hier von einer österreichisch-schweizerisch-tibetischen Pionierleistung sprechen.

Wichtig war von Anfang an die Forschung der Tibetischen Rezepturen mit modernen Methoden, da Tibetische Rezepturen aus europäischer Sicht schon aufgrund des Vielstoffprinzips sehr komplex aufgebaut sind. So enthält eine tibetische Formel mehrere tausend aktive Stoffe, es ist also nicht möglich, ein Molekül als Leitsubstanz zu definieren.“ Mit modernster Forschung ist es PADMA gelungen, bei PADMA Circosan* die positive Wirkung auf die Blutgefäße wissenschaftlich zu belegen. Bei anderen tibetischen Rezepturen gilt es noch viel Forschungsarbeit zu leisten.

Boomende asiatische Wissensindustrie

Aber nicht nur in Europa ist die tibetische Gesundheitslehre angekommen. In Ländern wie China, Bhutan und der Mongolei ist Tibetische Medizin schon länger ein fixer Teil des staatlichen Gesundheitssystems und mittlerweile zu einem hoch-innovativen Teil der boomenden asiatischen Wissensindustrie geworden.

Projekt RATIMED

RATIMED ist unter österreichischer Leitung das erste Projekt weltweit, welches die „traditionelle“ tibetische Pharmaindustrie als moderne und transnationale Entwicklung in vier Ländern (Indien, China, Mongolei, Bhutan) untersucht. Medizinanthropologe und ERC Projektleiter von RATIMED, Dr. Stephan Kloos: „Aufgrund der Nachfrage werden tibetische Kräuterpillen in allen vier Ländern in modernen Fabriken in Massenproduktionen maschinell hergestellt. Eine tibetische pharmazeutische Industrie entsteht, über die wir noch sehr wenig wissen. Das Unwissen reicht von der Größe des Marktes, woher die Inhaltsstoffe kommen, bis hin zu den Bedingungen wie sie verarbeitet werden und wie viel Geld damit verdient wird.“ Das Projekt RATIMED, gefördert durch den wichtigsten Forschungspreis auf europäischer Ebene, einem ERC Grant, konzentriert sich genau auf diese Wissenslücke. Zwischen 2014 und 2019 verfolgt ein vierköpfiges internationales Expertenteam rund um Stephan Kloos am Wiener Institut für Sozialanthropologie die laufende Entwicklung der tibetischen pharmazeutischen Industrie in Echtzeit.

Insgesamt ist klar, dass die tibetische Medizin in Europa Einzug gehalten hat, aber auch ein innovativer Teil der boomenden asiatischen Wissensindustrie („knowledge-economy“) ist und als solcher schon längst in der globalen Moderne angekommen ist.

Informationen:

www.ratimed.net

Heidi Schuller-Hrusa , komplementärmedizin 2/2016

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