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Dr. Wolfgang Jezek ist Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapeut und besitzt das Diplom für Homöopathie.
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Komplementärmedizin 20. Juni 2016

Das liegt mir schwer im Magen!

Homöopathie und die Psychosomatik des Magen-Darm-Traktes

„Das liegt mir schwer im Magen“, „Dir ist eine Laus über die Leber gelaufen“, „Davor habe ich Schiss“- viele dieser Redewendungen kennen wir aus der Umgangssprache. Sie alle drücken aus, wie sich emotionale Vorgänge auf den Magen-Darm-Trakt auswirken.

Der Volksmund hat die Psychosomatik schon lange entdeckt- der wissenschaftlichen Medizin (hier „Schulmedizin“ genannt) sind sie lange verborgen geblieben bzw. sie hat sich nicht dafür interessiert. Zu faszinierend war im industriellen Zeitalter die Vorstellung vom „Körper als Maschine“, vom Menschen als einer hochkomplizierten, aber letztlich durchschaubaren Apparatur. Es ist evident, dass dieses Denken die Schulmedizin auch heute noch stark beherrscht.

Die Psychosomatik ist eine relativ junge Forschungsrichtung in der Medizin und ein Kind der Psychoanalyse. Auch hier waren anfangs mechanistische Konzepte vorherrschend: ein allmächtiges Gehirn steuert den untergeordneten Körper bzw. in der „Psyche“ verhaftete Emotionen und Konflikte drücken sich im Körper aus, der ein ausführendes Organ darstellt. In der Zwischenzeit wurden diese linear- mechanistischen Denkweisen von einem „Bio-psycho-sozialen Modell“ abgelöst, welches derzeit das psychosomatische Denken bestimmt. Heute wird in Regelkreisen und Wechselwirkungen gedacht, die Ebenen Geist-Seele-Körper beeinflussen sich gegenseitig. Einfaches Beispiel Zahnschmerz: ein starker Zahnschmerz drückt auf die Psyche, deren Leiden wiederum den Zahnschmerz verstärken kann. Im bio-psycho-sozialen Denk-(und Handlungs-)Modell wird auch die Umwelt des Patienten als wesentlicher Faktor einbezogen, durch gezielte Maßnahmen werden die Selbstheilungskräfte des Patienten gefördert.

In diesem Zusammenhang sei auf ein neuronales Zentrum hingewiesen, dem in den letzten Jahrzehnten vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt wird: das autonome enterische Nervensystem, auch „Bauchhirn“ genannt. Dieses entspricht in seinem Ausbreitungsgebiet dem „Solarplexus“ und ist verbunden mit der Theorie, dass in diesem Zentrum hochkomplexe nervliche Prozesse ablaufen- wie wenn dieses Zentrum ein eigenes „Gehirn“ hätte. 10% afferenten Nervenfasern zum „Kopfhirn“ stehen 90% efferenten Fasern vom diesem zum autonomen Bauchzentrum gegenüber. Wenn der Volksmund davon spricht, dass etwas „aus dem Bauch heraus entschieden“ wird, so ist gemeint, dass vom Bauchhirn aus autonome Reaktionen erfolgen, ohne dass das Kopfhirn in entscheidendem Ausmaß daran beteiligt ist (ganz ausgeschaltet werden kann dieses nie).

Ein entscheidendes Zentrum

Um nun zur Psychosomatik des Gastrointestinaltraktes zu kommen, so stellt der Bauchraum mit seinen Organen und Nervenbahnen ein entscheidendes Zentrum der Emotionswahrnehmung und -verarbeitung dar. Hier geht es um die entscheidenden Gefühle des menschlichen Lebens: Wut, Zorn, Trauer, Angst, Enttäuschung. Akute emotionale Beanspruchungen finden eine direkte Organantwort (wenn z.B. Prüfungsangst einen häufig auf die Toilette gehen lässt), wobei sich die Organfunktion nach Abklingen der Emotion meist normalisiert. Anders ist dies bei nicht wahrgenommenen, nicht eingestandenen oder nicht verarbeiteten Gefühlen. Diese können als psychosomatische Störungen zu länger dauernden Funktionsveränderungen, manchmal sogar zu bleibenden Organschäden führen. Als funktionelle Störungen kennen wir Schluckstörungen ohne organische Ursache, Dyspepsie, Reizdarm, Durchfälle oder Verstopfung. Psychosomatische Störungen mit Organveränderungen stellen die chronische Gastritis oder Doudenitis sowie die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (Colitis ulcerosa und M. Crohn) dar.

Das bio-psycho-soziale Modell

Alternative (oder besser „komplementäre“) Heilmethoden, zu denen auch die Homöopathie gehört, beinhalten das bio-psycho-soziale Modell schon in ihren Ansätzen und Grundannahmen. Die Homöopathie, die als Produkt der Aufklärung vor mehr als 200 Jahren von Samuel Hahnemann begründet wurde, denkt in Analogien, Entsprechungen und Querverbindungen. Wenn wir z.B. von einem „Schweregefühl“ bei einem bestimmten Mittel sprechen, so ist diese Schwere in der Regel sowohl seelisch als auch körperlich vorhanden. Wenn eine Organbeschwerde eine „Besserung im Freien“ hat, so können wir davon ausgehen, dass dieser Mensch einen gewissen Freiheitsdrang hat und sich leicht einmal eingeengt fühlt.(1)

Es gibt noch mehr psychosomatische Aspekte in der Homöopathie: in jedem homöopathischen Arzneimittelbild (das eine Ansammlung von Symptomen darstellt, bei denen das Mittel angewendet wird) finden sich sowohl somatische Symptome als auch solche der sog. „Geist-Gemüts-Ebene“. Die ausführliche homöopathische Anamnese beinhaltet immer das Erfassen von körperlichen und seelischen Gegebenheiten, wobei letzteren noch mehr Bedeutung beigemessen wird. Körperliche Erkrankungen werden unter Zuhilfenahme von Geist/Gemüts-Symptomen geheilt, psychische Erkrankungen mit Hilfe von körperlichen Symptomen. Das heißt: jeder Homöopath hat immer beide Ebenen im Auge- mag er nun Allgemeinmediziner, Internist oder Psychiater sein.

Homoöpathische Heilmittel

In der Homöopathie können wir auf eine breite Palette von Arzneien zurückgreifen, die bei psychosomatischen Beschwerden Besserung, oft sogar Heilung bringen. Je kürzer die Beschwerden bestehen und je funktioneller sie sind, desto mehr dürfen wir auf Heilung hoffen. Länger bestehende Beschwerden und solche mit Organschäden stellen die Homöopathie vor größere Herausforderungen. Letztere sind oft mit sog. miasmatischen Belastungen verbunden, d.h. von früheren Generationen übernommene grundlegende Krankheitsneigungen, zu deren Besserung bzw. Heilung bestimmte Grundmittel (sog. „Nosoden“, z.B. Psorinum oder Tuberculinum) zur Anwendung kommen.

• „Nux vomica“ beispielsweise stellt eine viel verwendete, klassische homöopathische Arznei zur Behandlung von Störungen des Magen-Darm-Traktes dar (gewonnen aus der „Brechnuss“, „Strychnos ignatii“). Wie der Name besagt, geht das Vergiftungsbild mit starker Übelkeit und Erbrechen einher. Das Arzneimittelbild von Nux vomica wird vorstellbar, wenn man sich einen verkaterten Menschen vorstellt, der am Vortag zu viel getrunken, geraucht, gegessen, vielleicht auch zu viel Sex gehabt hat. Er fühlt sich elend, gereizt, alles stört ihn; Übelkeit, Kopf- und Magenschmerzen machen ihm das Leben schwer. Bei Menschen, die Nux vomica brauchen, finden sich meist Übelkeit, Magenbeschwerden, Reizbarkeit; Empfindlichkeit auf Geräusche, Gerüche, Licht. Sie sind oft gewissenhafte Perfektionisten mit einem gewissen Hang zur Rechthaberei und Misanthropie.(2)

• „Lycopodium“ (aus den Sporen von Lycopodium clavatum, dem Bärlapp, hergestellt) ist eine weitere große Arznei zur Behandlung von (psychosomatischen) Magen-Darm-Erkrankungen. Hier kommt es zu Blähungen, Magenschmerzen bes. in nüchternem Zustand, wobei Essen oft noch verschlechtert. Hämorrhoiden, Verstopfung, aber auch Durchfälle kommen vor. Wie bei Nux vomica sind Menschen, die Lycopodium brauchen, ehrgeizig und leistungsorientiert, reagieren heftig auf (berufliche) Enttäuschungen. Sie haben einen niedrigen Selbstwert (der Bärlapp, der Nachfolger von den Schachtelhalmen, ist im übertragenen Sinn eine „Pflanze, die einmal groß war“), kompensieren diesen oft mit Autoritäts- oder Imponiergehabe. Sie brauchen viel Anerkennung und Zuwendung, reagieren empfindlich auf ihre Umwelt.

• Ebenfalls hochgradig empfindlich ist das Mittel „Phosphor“, wobei hier der „gelbe“ bzw. „weiße Phosphor“ Anwendung findet. Bei Phosphor wird oft der Vergleich mit dem rasch entflammbaren und verlöschenden Streichholz bemüht (Streichhölzer wurde früher mit diesem Element hergestellt). Dieses Mittel hat vielfältige Magen-Darm-Beschwerden, wird auch bei Reisedurchfällen mit häufigen, heraus schießenden Stühlen angewendet, die stark schwächen. Der Magen ist empfindlich, verlangt aber nach kalten Speisen und Getränken, die dann schlecht vertragen werden. Hunger verschlechtert hier auch. Auf der psychischen Ebene ist Phosphor geistig rege, zugewandt, kommt schnell in Kontakt mit anderen Menschen. Obwohl diese Menschen sich gern um andere sorgen und kümmern, sind die Kontakte oft oberflächlich. Phosphor hat wenig Durchhaltevermögen, bald wird das Interesse von einer anderen Sache oder Person in Anspruch genommen.

Fazit für die Praxis

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass wir in der Homöopathie viele große und wirksame Arzneien zur Verfügung haben, um auch schwerwiegende psychosomatische Beschwerdebilder zu behandeln. Oft kündigt sich die Heilung einer körperlichen Beschwerde durch eine Besserung auf der seelischen Ebene an. Heilung geschieht auch, wenn lang zurückliegende, verdrängte Gefühle wieder erlebt und damit bewältigt werden können. Dies erfüllt uns Homöopathen mit Freude und wir wissen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Berücksichtigung sowohl der körperlichen als auch der Geist/Gemüts-Ebene ist für uns selbstverständlich. Abschließend soll noch erwähnt werden, dass man leichte psychosomatische Störungen mit dem Versuch einer Selbstmedikation behandeln kann (Ratgeber dafür gibt es zur Genüge), dass aber die Behandlung von schwerwiegenden, chronischen Zustandsbildern in die Hände eines erfahrenen Homöopathen gehört.

(1) Diese Analogien stellen keine Gesetzmäßigkeiten, sondern mehr Hinweise und Denkmöglichkeiten dar.

(2) Die bei den Mitteln angegebenen Charaktereigenschaften sind häufig, aber nicht zwingend vorhanden.

Korrespondenz:

Dr. Wolfgang Jezek

Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapeutische Medizin

Anton Baumgartner Straße 125

1230 Wien

E-Mail:

Wolfgang Jezek, komplementärmedizin 2/2016

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