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ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Marktl, Präsident der GAMED – Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin.
© (2) Willi Denk

Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach, Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder.

© Anna Berkut / iStock / Thinkstock

Spiritualität deckt ein Grundbedürfnis des Menschen ab und durchdringt Befinden, Gesundheit und Krankheit.

 
Komplementärmedizin 15. März 2016

Spiritualität in der Medizin – Chance oder Zumutung?

Das Symposium der GAMED fand im November 2015 in Wien statt - ein Nachbericht.

Lange Zeit schien Spiritualität in der naturwissenschaftlich orientierten Medizin keinen Platz zu haben. Heute wird jedoch zunehmend ihre Bedeutung (wieder-) erkannt, nicht zuletzt, weil Schulmedizin allein oftmals zu kurz greift und elementare Bedürfnisse des Menschen unerfüllt lässt. Auf einer multidisziplinären Fortbildungsveranstaltung der GAMED, Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin, diskutierten Experten mit rund 100 Teilnehmern über den Stellenwert von Spiritualität aus historischer und aktueller, aus westlicher und östlicher Perspektive.

Mit dem Terminus Spiritualität werden sehr unterschiedliche Bedeutungen assoziiert. Zum einen wird er von vielen Menschen als Sammelbegriff fragwürdiger Heilsversprechen missverstanden. Andererseits jedoch steht Spiritualität für eine Dimension der Integrativmedizin auf der Höhe neuerster Forschung. So sehr die Wichtigkeit der naturwissenschaftlichen Denkungsweise anzuerkennen ist, so können damit nur Phänomene auf einer materiellen Basis verstanden werden. Spiritualität bezieht sich jedoch auf eine andere Ebene, deckt ein Grundbedürfnis der Menschen und durchdringt Befinden, Gesundheit und Krankheit.

Eine ganzheitliche Auffassung von Gesundheit des Menschen muss daher auch die Spiritualität einbeziehen. Dies ist auch ein wesentliches Anliegen der GAMED – Wiener Internationale Akademie, die Mitte November 2015 ein facettenreiches Symposium mit namhaften Referenten zum Thema „Spiritualität in der Medizin“ organisierte.In seiner Begrüßungsrede forderte ao. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Marktl, Präsident der GAMED – Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin „Offenheit für das Thema Spiritualität sowie eine Annäherung im Geiste echter Wissenschaftlichkeit, um Hindernisse und Gefahren, aber auch Chancen und Ressourcen möglichst unvoreingenommen wahrzunehmen und zu definieren.“

Spiritualität hilft

In seinem Eröffnungsreferat „Warum wir Spiritualität in der Wissenschaft und Medizin brauchen“ definierte Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach, Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG), Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/Oder, Spiritualität als „Erfahrung des Bezogenseins auf eine das eigene Ich und seine Ziele übersteigende Wirklichkeit, die sich im Gefühl, im Erkennen und im Handeln zeigt.“

Wie wichtig Religiosität bzw. Spiritualität selbst unter Menschen mit naturwissenschaftlicher Ausbildung tatsächlich ist, untermauert eine Umfrage unter rund 900 deutschen Psychotherapeuten (1). Darin gaben zwei Drittel an, an eine höhere Wirklichkeit zu glauben. Ein Drittel bezeichnete sich als spirituell, jeder fünfte als religiös. Insgesamt hatten etwa zwei Drittel selbst zumindest eine bedeutsame spirituelle/religiöse Erfahrung gemacht. In einer weiteren Untersuchung konnte nachgewiesen werden, dass gelebte Spiritualität objektivierbare positive Auswirkungen hat: Das Behandlungsergebnis von Psychotherapeuten nach einer Stunde Soto-Zen-Meditation – evaluiert mittels Symptomcheckliste bei psychischen Störungen (SCL-90) und Veränderungsfragebogen des Erlebens und Verhaltens (VEV) – war signifikant besser als jenes von nicht meditierenden (2).

„Gerade bei Menschen in schweren Gesundheitskrisen, in palliativen Situationen oder nach Schicksalsschlägen tauchen spirituelle Themen auf. Dieses Phänomen sollte daher nicht ignoriert werden. Es ist vielmehr die Pflicht der Wissenschaft, diesen Erfahrungsraum in ihren Diskurs zu holen“, betonte Walach.

Genetik, Epigenetik und Spiritualität

„Die Medizin ist nach wie vor weithin naturwissenschaftlich geprägt, ergänzt durch psychosomatische Zugänge. Die dritte Dimension, nämlich die geistig-geistliche Seite des Menschen wird dabei oft vernachlässigt“, erläuterte DDr. Matthias Beck, ao. Univ.-Prof. für Moraltheologie/Medizinethik an der Universität Wien. Aus der Genetik ist bekannt, dass Gene aktiviert und inaktiviert werden müssen. Ein geschädigtes Gen macht noch nicht krank, es muss aktiviert werden. Aktivierung und Inaktivierung von Genen werden von sogenannten epigenetischen Einflüssen gesteuert. Diese liegen zum Teil im Genom selbst, aber auch in der Umwelt und im Innenleben des Menschen. „Das Innenleben hat wiederum eine psychische Komponente, aber auch eine geistig-spirituelle“, so Beck. „Diese ist ausgerichtet auf das Ganze des Lebens, auf den Grund allen Seins sowie auf den Sinn des Lebens. Auch diese Dimension menschlichen Seins hat über das Gehirn, in dem Denken und Fühlen repräsentiert wird, Einfluss auf die genetischen Verschaltungen, das Immunsystem und damit auf Krankheit und Gesundheit.“

Das 5-D-Coaching

Der Allgemeinmediziner Dr. Georg Bittmann stellte die Grundlagen des von ihm entwickelten 5-D-Coachings, einer Form von multidimensionaler Lebensberatung, vor. Demnach bestimmen folgende fünf Dimensionen das Leben eines jeden Menschen, sei er nun gläubig oder nicht:

• psychische und physische Dimension (= psychosomatische Ebene)

• soziale und materielle Dimension ( = lebenspraktische Ebene) und

• spirituelle Dimension (= Sinn-Ebene)

„In der Vorstellung des Coachings werden dem 5-D-Klienten die zwischen den Dimensionen bestehenden Zusammenhänge aufgezeigt. So bewirkt ein körperlicher Schmerz auch seelische Belastung und umgekehrt. Materielle Probleme können zu Beziehungsschwierigkeiten führen. Ein negativ erlebtes Vaterbild kann bis in die Dimension des Glaubens belastend hinein wirken“, erläuterte Bittmann exem- plarisch mögliche Interaktionen – und damit auch potenzielle Heilungsansätze – zwischen den verschiedenen Ebenen.

Chinesische psychosomatische Medizin (CPM)

„Aus der Sicht der CPM ist Spiritualität ein Sammelbegriff für viele ausgezeichnete psychische Fähigkeiten, die sich aufgrund der Aktivität des Natur-Hirns und der thalamo-kortikalen Zusammenarbeit entwickelt haben. Zum Beispiel Propriozeption und Interozeption, Auffassungsgabe, Weisheit etc.“, führte Dr. Lin Cong aus, der Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Schulmedizin an der medizinischen Hochschule Fujan und der Universität in Shanghai studierte. „Spiritualität tritt in vielen Aspekten der Psyche zutage und ist das stärkste Licht in unserem Leben. Sie gilt daher als unerlässliche Orientierungshilfe für den modernen Menschen und die Medizin. Angesichts der explodierenden psychosomatischen Erkrankungen ermöglicht Spiritualität neue Horizonte und bietet eine ursachenlösende Hilfe an“, zeigte sich Cong überzeugt.

Spiritual Care

In allen religiösen Traditionen wird der Mensch als eine Kombination aus materiellen und seelisch-spirituellen Dimensionen betrachtet. „Seelenheil“ und Heilung von Krankheiten gehören deshalb eng zusammen, weil der Mensch eine Einheit aus Seele, Geist und Körper bildet, wie ao. Univ.-Prof. Dr. Birgit Heller, Institut für Religionswissenschaft, Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien, ausführte. „Mit dem Aufkommen der modernen naturwissenschaftlichen Medizin hat sich das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit von Heil und Heilung immer stärker aufgelöst. Langsam zeichnet sich wieder ein Paradigmenwechsel ab, der Gesundheit und Krankheit als Phasen eines umfassenden menschlichen Entwicklungsprozesses betrachtet.

Aktuelle salutogenetische Gesundheitskonzepte treffen sich im Interesse am „ganzen“ Menschen mit traditionell-religiösen und modernen spirituellen Ansichten. Impulse für die derzeit boomende Spiritual Care, als Teil eines ganzheitlichen Sorgekonzepts, gehen mittlerweile von allen im Gesundheitswesen tätigen Disziplinen aus, so Heller.

Quelle: Symposium „Spiritualität in der Medizin – Chance oder Zumutung“, Fortbildungsveranstaltung der GAMED – Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin, 13.-14. November 2015, Wien.

Literatur:

(1) Hofmann L, Walach H. Psychotherapy Research 2011; 21(02), 179–192.

(2) Grepmeier L et al., Psychother Psychosom 2007;76(6):332-338.

Monika Steinmassl-Wirrer, komplementärmedizin 1/2016

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