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Neuraltherapie und Auriculo- medizin sind diagnostisch und therapeutisch für komplexe Syndrome, wie zum Beispiel das funktionelle Schulter-Arm-Syndrom, geeignet.
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Dr. Kurt Gold-Szklarski Arzt für Allgemeinmedizin

 
Komplementärmedizin 15. März 2016

Synergien nutzen!

Neuraltherapie und Auriculomedizin ergänzen einander bei komplexen Krankheitsbildern.

Erkrankungen spielen sich immer zugleich in mehreren Ebenen ab. Neben dem bio-psycho-sozialen Modell von Michael Bach versuchen auch zahlreiche andere theoretische Konzepte, diesem Umstand Rechnung zu tragen. Tatsächlich wird aber die funktionelle Ebene von Erkrankungen in vielen Bereichen nur als Randerscheinung wahrgenommen bzw. weitgehend ausgeblendet. Dies hat mehrere Ursachen: mangelnde Ausbildung, mangelnde Darstellbarkeit der oft variablen und flüchtigen Symptomatik, keine verfügbaren kausal wirkenden Allopathika,…

Gerade bei den Erkrankungen des Bewegungsapparats spielen funktionelle Aspekte eine führende Rolle. Die häufigsten spontanen Schmerzsyndrome sind zu Beginn rein funktioneller Natur. Hier laufen die Patienten Gefahr, den Stempel „somatoform“ oder „Simulant“ aufgedrückt zu bekommen, da radiologisch kein Substrat nachzuweisen ist.

Bei strukturellen Erkrankungen wiederum besteht das Risiko, dass sich die Therapeuten nur mehr mit jenen Details beschäftigen, die radiologisch verifizierbar sind. Hier bleibt der Patient oft auf der Strecke, da man nur seinen Befund behandelt und die assoziierten funktionellen Aspekte seines Syndroms nicht beachtet.

Pragmatische Konzepte

In der Primär- und Langzeitversorgung ist man gefordert, nützliche und praktikable Maßnahmen einzusetzen, um die Patienten zufriedenstellend und mit Perspektive zu versorgen. Man wird danach trachten, toxische Substanzen nach Möglichkeit zu vermeiden und die Ressourcen der Patienten weitgehend in die Behandlungskonzepte zu integrieren („Förderung der Selbstheilung“). Permanenter Streit zwischen den Disziplinen nützt der Arbeit ebenso wenig wie das endlose Warten auf wissenschaftliche Erklärungsmodelle. Das Ziel ist also, pragmatische Konzepte anzuwenden, die mit der eigenen Ausbildung kompatibel sind und ein akzeptables Nutzen-Risikoverhältnis aufweisen. Das wichtigste Entscheidungskriterium für den einzelnen Arzt ist sicher der evidente Erfolg bei den eigenen Patienten.

Neuraltherapie

Um funktionelle Krankheitsbilder richtig einschätzen zu können, bedarf es einer spezifischen Dia- gnostik. Neuraltherapie hat dafür sehr gut geeignete Tools:

• In der speziellen Anamnese werden diejenigen Regionen aufgelistet, die als Signaldonatoren („Störfelder“) verdächtig sind. Kurz gesagt sind das alle Lokalisationen, an denen gehäuft Erkrankungen, Verletzungen oder iatrogene Eingriffe stattfanden oder Lokalisationen, an denen eine Störung der Wundheilung aufgetreten ist. Ein typisches Beispiel sind Narben nach Cava-Kathetern oder Port-a-Cath. Diese bleiben für längere Zeit liegen, traumatisieren das umgebende Gewebe und vollziehen eine typische Per-Secundam- Heilung. Nicht selten sind sie verantwortlich für ausgeprägte Schulterbeschwerden oder andere Schmerzsyndrome des Bewegungsapparats. Alle diese regionalen Läsionen werden anamnestisch erfasst.

• Die darauffolgende Inspektion hat zum Ziel, gestörte Bewegungsabläufe, Asymmetrien, Auffälligkeiten der Gestik, Mimik und eben Narben nach Verletzung/OP aufzufinden, um die anamnestisch erfasste Liste zu komplettieren.

• Mit der Palpation werden segmental übertragene Befunde in Haut, Subkutis und Muskulatur erfasst, die Hinweise darauf geben, welche der verdächtigen Lokalisationen aktiv am Syndrom beteiligt sind. Hier kann man auch Hinweise zur hierarchischen Ordnung der Lokalisationen bekommen.

• Die Funktionsprüfung dient der Erfassung reversibler Funktionsstörungen z. B. von Gelenken oder komplexen Systemen wie beispielsweise der Atmung. Durch sie gewinnen wir auch wichtige Testparameter, die dann für die diagnostische Neuraltherapie entscheidend sind.

• Die Testparameterkontrollierte Injektion (TKI) dient der Zuordnung von verdächtigen Signal- donatoren zum Syndrom. Hier ein Beispiel:

Patientenfall

Ein 52-jähriger Patient leidet seit zwei Wochen an Periarthropathie der rechten Schulter. Es besteht ein Painful Arc zwischen 60-100 Grad, das weitere Abduzieren ist weder aktiv noch passiv möglich. Weiters finden sich ein Hypertonus des M. trapezius und M. levator scapulae sowie typische myofasziale Trigger in dieser Region. Der Schmerz besteht den ganzen Tag, ist jedoch nachts am intensivsten. Ein auslösendes Trauma besteht nicht. Radiologische Diagnostik wurde noch nicht durchgeführt.

In der erweiterten Exploration werden folgende störfeldverdächtige Regionen gefunden:

• Narbe nach laparoskopischer Cholezystektomie

• Narbe nach Tonsillektomie

• retinierter Molar 1/8

Nach TKI an die CHE-Narbe verbessert sich die Abduktion auf 120 Grad, Trigger und Hypertonus der Muskulatur lassen nach. Bei einer zweiten Sitzung ist diese wiederholbar.

Ergebnis der Diagnostik: Funktionelles Schulter-Armsyndrom rechts mit Syndrombezug zur Cholezystektomienarbe.

Der weitere Verlauf zeigt dann, ob strukturelle Abklärung erforderlich ist oder ob man mit dieser Therapie ein suffizientes Ergebnis erzielen konnte. Diese Vorgangsweise ist medizinisch korrekt, ökonomisch und ressourcenschonend. Wenn der Patient in stabile Remission geht, sind weiterführende Maßnahmen nicht erforderlich.

Oft komplexe Beschwerdebilder

Leider sind die meisten Beschwerdebilder unserer Patienten nicht so einfach wie das eben erwähnte. Oft bestehen Leidenswege über viele Jahre, und zu den Anfangsbeschwerden gesellen sich mit der Zeit zahlreiche zusätzliche Leiden, die im Verlauf der Erkrankung durch Kompensation, Therapie oder Vermeidungsstrategien erworben wurden. Hier ist eine komplexe Diagnostik erforderlich, die mit dem neuraltherapeutischen Armentarium nicht ausreichend zu be- wältigen ist.

Auriculomedizin

Auriculomedizin kommt aus Frankreich und wurde durch Paul Nogier begründet und auch in die traditionell chinesische Akupunktur integriert. Sie bedient sich des Umstands, dass am Ohr Somatotopien existieren, wodurch der Geübte Symptome des gesamten Körpers am Ohr diagnostizieren und auch behandeln kann.

In der erweiterten Auriculothe- rapie nach Bahr/Nogier werden Laser bzw. Computer zu Hilfe genommen, und man kann in mehreren Schichten am Ohr neben somatischen auch psychogene Befunde erheben. Mit den Begriffen „Oszillation“ und „Inversion“ können führende Störfelder entdeckt und der betroffenen Körperseite zugeordnet werden. Darüber hinaus können Hinweise auf Schwermetallbelastung, Impfbelastungen und Mangelzustände gefunden werden. So gesehen eignet sich die Auriculodiagnostik gut für die Exploration komplexer regulatorischer Erkrankungen.

Beide Methoden haben Vorteile

Vorteile der Neuraltherapie sind der geringe Aufwand, die gut strukturierte Analysetechnik und eine ausgezeichnete Wirkung der Lidocain-Injektion an Störfeldern. Vorteile der Auriculotherapie sind eine fast schmerzfreie Diagnostik, die Möglichkeit, komplexe Syndrome in kurzer Zeit weit zu entschlüsseln und eine wesentlich geringere Angst vor den viel kleineren Nadeln.

Fazit für die Praxis

Zusammenfassend sind beide Methoden diagnostisch und therapeutisch für komplexe Syndrome geeignet. Sie haben die gleiche Zielsetzung, kommen auf verschiedenen Wegen zu praktisch gleichen Ergebnissen. Während die Auriculotherapie zu einem schnelleren diagnostischen Fortschritt führt, ist die Neu-raltherapie aufgrund der Komplexwirkung der Injektionsbehandlung therapeutisch überlegen. Es ist daher naheliegend, beide Methoden zu kombinieren und ihre Vorteile damit zu potenzieren. Beide Methoden sind nicht-medikamentös (die Wirkung von NT ist keine reine Medikamentenwirkung und unterliegt keinem Dosis-Wirkungsprinzip), belasten den Körper nicht toxisch und haben ein sehr günstiges Nebenwirkungsprofil. Durch ihren gemeinsamen Einsatz können auch langjährige Leidensverläufe auf eindrucksvolle Weise verbessert werden.

Zum Autor

Dr. Kurt Gold-Szklarski wurde 1957 in Wien geboren, absolvierte sein Medizinstudium an der Uni Wien und arbeitet seit 1987 als niedergelassener Arzt für Allgemeinmedizin im 3. Wiener Gemeindebezirk. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Hauskrankenpflege, spezielle Schmerztherapie und die Betreuung von Drogenkranken.

Er lernte die Neuraltherapie bereits als Famulant im Wiener Herz Jesu Krankenhaus kennen, absol-vierte später seine NT-Ausbildung bei Otto Bergsmann, Herbert Brand und Christian Herz und begann Mitte der 90er Jahre selbst zu unterrichten. Zuerst beteiligte er sich an Praxisseminaren im Herz Jesu Krankenhaus, später hielt er auch theoretische Vorträge und Seminare. Sein besonderes Anliegen gilt der Qualitätssicherung der Aus- und Fortbildung. Er ist Herausgeber des Arbeitsbuchs Neuraltherapie, verfasste zahlreiche Publikationen und ist Koautor zahlreicher Lehrbücher.

Dr. Kurt Gold-Szklarski ist derzeit Leiter des Referats für Aus- und Fortbildung in der ÖNR.

Literatur beim Verfasser

Korrespondenz:

Dr. Kurt Gold-Szklarski

Arzt für Allgemeinmedizin in Wien,

Leiter des Referates für Aus- und Fortbildung in der Österreichischen Medizinischen Gesellschaft für Neuraltherapie und Regulationsforschung

E-Mail:

Kurt Gold-Szklarski, komplementärmedizin 1/2016

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