zur Navigation zum Inhalt
© Dr. Gregor Fischer
Larynxmodell und Infiltration an das Hyoid
© Dr. Gregor Fischer

Dr. Gregor Fischer HNO-Abteilung des Universitätsklinikums Krems an der Donau

 
Komplementärmedizin 10. November 2015

Neuraltherapie im HNO Bereich

Die Domäne der Neuraltherapie sind generelle oder lokalisierte Funktionsstörungen.

Die Neuraltherapie ist eine Form der Regulationstherapie. Sie will entgleiste Regelvorgänge normalisieren. Insbesondere sollen chronisch belastende übergeordnete Faktoren ausgeschaltet werden. Dazu werden in erster Linie Lokalanästhetika nach bestimmten Techniken eingesetzt. In speziellen Bereichen, wie häufig im HNO-Bereich, kann nach Austestung mit Infiltrationstechniken auch eine definitiv operative Therapie indiziert sein.

Unter Regulationstherapie versteht man die vielfältigen Möglichkeiten, die Funktionsmechanismen des Körpers zu unterstützen oder wiederherzustellen. Es handelt sich um eine Umstimmungs-Therapie, welche die Umwandlung pathologischer Reaktionsmuster zurück zu einer physiologischen Ordnung und die Wiederherstellung der Regulationsfähigkeit aus der Situation der Regulationsstarre bewirken soll.

Zur Anwendung kommen hauptsächlich Lokalanästhetika (z. B. Lidocain oder Procain). Im Gegensatz zur Lokalanästhesie, hält der neuraltherapeutische Effekt wesentlich länger an und ist auch nicht an die Menge der Substanz gebunden. Dies ist dadurch erklärbar, dass man durch diese Therapieform nicht nur pharmakodynamische Wirkung erzielt, sondern gezielt in biokybernetische Regelkreise eingreift. Der Erfolg einer gekonnten Neuraltherapie hängt nicht von der Dosis, sondern nur von der Lokalisation ab.

Störfelder nach Huneke

Ein wichtiger und zentraler Begriff der NT ist das Störfeld; dieses wird durch Huneke, einen der Begründer der Neuraltherapie folgend definiert: „Jede Stelle des Organismus kann durch einen früher abgelaufenen oder noch im Gang befindlichen Prozess oder Reiz - nicht nur entzündlicher, sondern auch chemischer, physikalischer oder traumatischer Art - zum Störfeld werden und verschiedenste Wege an jeder Stelle des Organismus die mannigfaltigsten Krankheitsprozesse auslösen.“

Die Domäne der Neuraltherapie sind generelle oder lokalisierte Funktionsstörungen vegetativer oder somatischer Natur, die auf der Basis entgleister zellulärer, humoraler und nervaler Regelvorgänge entstanden sind.

Das Ziel ist die Ausschaltung bzw. die Normalisierung pathologischer Regulationsvorgänge durch gezielte Injektion eines Lokalanästhetikums an bestimmte Strukturen des Körpers (Triggerpunkte, Reflexzonen, Nervenganglien, Akupunkturpunkte, Narben, Störfelder,...).

Der Kopf-Hals-Bereich

Der Kopf-Hals-Bereich ist für die Neuraltherapie von zentraler Bedeutung, da sich hier ca. 75 Prozent der potenziellen Störfelder befinden. Da diese Regionen unmittelbaren Kontakt zur Umwelt haben und erste immunologische Barrierefunktionen ausüben, sind sie Prädilektionsstellen für entzündliche Erkrankungen. Diese verlaufen nicht selten chronisch-rezidivierend und erlangen so Störfeldcharakter. Außerdem begünstigen störfeldwertige Organe in dieser Region die Ausbildung weiterer Störfelder in benachbarten Bereichen (z. B.: Tonsillen - Zähne). Häufig muss eine operative Behandlung durchgeführt werden. Narben nach solchen Eingriffen können ebenfalls störfeldwertig sein.

Kopf- und Gesichtsschmerzen

Die Neuraltherapie kann bei Kopf- und Gesichtsschmerzen gute Erfolge verzeichnen: Ihre Domäne ist die Behandlung von Spannungskopfschmerz, zervikogenem Kopfschmerz und Neuralgien. Bei jeder anderen Genese kann sie als adjuvante Therapie dienen. Die fast obligat auftretenden nuchalen Verspannungen müssen mitbehandelt werden; ebenso sind verdächtige Störfelder sowie Projektionen innerer Organe im Kopf-Halsbereich zu berücksichtigen.

Einfache Injektionstechniken bei Kopfschmerz

Dornenkranz nach Hopfer

Indikation: alle Kopfschmerzen und regionalen Beschwerden als Basistherapie zusätzlich zu segmenttherapeutischen Maßnahmen.

Adjuvant bei zentralen Störungen zur reflektorischen Steigerung der Gehirndurchblutung, bei vaskulär bedingten Schwindelformen, altersbedingten kognitiven Störungen, Tinnitus, Schlafstörungen.

Technik: Nadel 0,40 x 20, um die größte Zirkumferenz des Schädels in gleichmäßigen Abständen sechs bis zehn präperiostale Depots (0,5 ml LA pro Injektion).

Eine modifizierte Technik, die die Stirn ausnimmt, und von Schläfe zu Schläfe über die hintere Zirkumferenz führt, zeigt ebenfalls gute Ergebnisse.

Zusätzlich, je nach Palpationsbefund, ist oft eine Quaddeltherapie nuchal oder eine Triggerpunkt- infiltation sinnvoll.

Quaddelwurf nuchal

Indikation: Nacken- und Okzipitalschmerz, Zervikalsyndrom

Technik: Quaddeln über den Processus spinosi und ein bis zwei Querfinger paramedian. Empfehlenswert ist eine Kombination mit Infiltration der sogenannten A-, B-, C- Punkte nach Hackett.

Infiltration nuchaler Triggerpunkte

Wichtig für das Verständnis der folgenden Infiltrationstechniken ist die Kenntnis der Muskelschichten der zervikalen Rückenstrecker.

1. oberflächliche Schicht: M. trapezius

2. zweite Schicht: Mm. splenii capitis et cervicis

3. dritte Schicht: Mm. semispinalis capitis et cervicis

4. tiefste Schicht: Mm. multifidi et rotatores.

A-, B-, C- und T-Punkte nach Hackett und Tilscher

Man findet an den okzipitalen Muskelansätzen Triggerpunkte, die bei vertebragenem Kopfschmerz Referred Pain auslösen. Es sind dies die A-, B-, C- und T-Punkte, welche alle an der Linea nuchae superior liegen. Von medial nach lateral:

T-Punkt: In der Medianlinie gelegen, entspricht der Protuberantia occipitalis externa

A-Punkt: 1 QF lateral der Medianlinie. Triggerpunkt des M. semispinalis capitis

B-Punkt: 1 QF lateral des A-Punktes. Triggerpunkt des M. splenius capitis

C-Punkt: Am Übergang vom Mastoid zum Okziput, entspricht dem Ansatz des M. sternocleidomastoideus. Hier setzt auch ein Teil der Fasern des M. splenius capitis an.

Indikation: Oberes Zervikalsyndrom, nuchaler Kopfschmerz, Vertigo, Tinnitus

Technik: 0,40 x 20 Nadel; an palpatorisch auffälligen Punkten bis zum Knochenkontakt einstechen, 3mm zurückziehen, 0,5 ml LA applizieren.

Dysphagie und Globusgefühl

Dysphagie und Globusgefühl sind zwei häufige Symptome, die fast täglich zu den Konsultationen eines HNO-Facharztes gehören. Leider wird hier oft eine reine Tumorausschlussdiagnostik betrieben und der Patient häufig in die „psychische Schiene“ geschoben, ohne eine genauere funktionelle Abklärung durchzuführen.

Die Dysphagie wird definiert als Passagebehinderung für Nahrung mit begleitenden Regurgitationen oder Schmerzen beim Schlucken. In der Folge kann es zur Aspiration kommen. Die möglichen Ursachen einer Dysphagie finden Sie in Tab. 1.

Beim Globusgefühl gibt der Patient an, ein „Knödel“ (dt. Kloß) im Hals zu fühlen, kann jedoch normal schlucken. Bis dato dachte man, dass man häufig keine morphologische Ursache findet, oftmals wurde aber eine funktionelle Störung der zervikalen Intervertebralgelenke oder psychische Belastungssituationen als Auslöser diskutiert.

Bei einer Anzahl an Patienten in meinem eigenen Patientengut fand ich sehr häufig eine chronische oder allergische Rhinosinusitis mit postnasaler Sekretion als Ursache. Hier konnte in den meisten Fällen eine konservative Therapie mit einem nasalen Cortisonspray oder eine Kombination eines Corticoids mit einem Antihistaminikum eine deutliche Besserung bewirken

Bei der zweiten großen Patientengruppe bestand eine verlängerte Uvula und häufig auch eine Kombination mit großen Tonsillen. Oft lag auch eine Rhonchopathie sowie eine ein obstruktives Schlafapnoe- syndrom vor. Hier wurde immer eine Polygrafie oder Polysomnografie durchgeführt.

Ein ausgewähltes Patientengut konnte durch eine UPPP oder isolierte Uvulakürzung behandelt werden.

Ein weiterer Teil der Patienten litt unter Refluxbeschwerden, teilweise mit der entsprechenden Klinik in vielen Fällen, jedoch auch als stiller Reflux ohne Klinik, hier konnte häufig in der Endoskopie des Larynx eine Rötung der SH in der Postkrikoidregion festgestellt werden. In diesen Fällen konnte meist eine Besserung durch die Gabe eines Protonenpumpenhemmers (PPI) über vier Wochen und entsprechenden Maßnahmen (kein Kaffee, kein Alkohol, erhöhter Oberkörper beim Schlaf und keine späten Mahlzeiten) erzielt werden.

Bei vertebragener Ursache der Dysphagie kann eine Segmenttherapie der nuchalen Muskulatur und der aktiven Triggerpunkte durchgeführt werden. Auch beim Globusgefühl kann die Segmenttherapie angewandt werden. Neben den nuchalen Muskeln ist besonders der M. sternocleidomastoideus beachtenswert.

Hyoidtendinopathie

Am Zungenbein (Hyoid) setzt eine Vielzahl von Muskeln an (supra- und infrahyoidale Muskulatur), die am Schluck- und Kauakt beteiligt sind. Die Schmerzfortleitung kann über den mit einer Zwischensehne am Os hyoideum ansetzenden M. digastricus erfolgen. Eine Ansatz- tendopathie dieser Muskeln kann ein buntes Bild an Symptomen liefern. Durch eigene Untersuchungen konnte dieses Krankheitsbild häufig gefunden und gezielt behandelt werden (Abb. 1).

Indikation: Schmerzen beim Schluckakt, persistierendes Globusgefühl nach Therapie der HWS und nach erfolgloser Störfeldbehandlung.

Technik: Nadel 0,40 x 20; Tasten des Cornu posterior des Zungenbeines; ist dieses druckschmerzhaft, so erfolgt die Fixierung des Zungenbeines zwischen zwei Fingern und senkrechter Einstich an der druckschmerzhaften Stelle bis zum Knochenkontakt, präperiostale Injektion von 1ml LA.

„Eaglesyndrom“

Als eine weitere Ursache des Globusgefühles muss man auch an das „Eaglesyndrom“ (auch Stylohyoid-Syndrom oder Stylo-kerato-hyoidales Syndrom) denken. Hierbei handelt es sich um einen zu langen Griffelfortsatz (Proc. Styloideus ) oder um eine Verkalkung des Lig. Stylohyoideum. Als Symptome werden angegeben:

• Globusgefühl

• Unklare Halsschmerzen

• Atypischer Gesichtsschmerz

• Palpationsschmerz

Der Nachweis des Stylohyoid-Syndrom erfolgt klinisch durch Palpation bzw. definitiv durch radiologischen Nachweis mittels Hals-CT oder Übersichtsröntgen.

Therapeutisch kann man eine Infiltration mit LA an die Tonsille (Proc. Styloideus liegt dahinter) oder eine Therapie ans Hyoid (Hier setzt das Lig. stylohyoideum an) vornehmen. Die Grenze zur Hyoidtendinopathie (HTP) ist fließend.

Bei mangelndem Therapieerfolg der Infiltrationsbehandlung ist eine chirurgische Intervention, nämlich eine Resektion des Proc. Styloideus, indiziert.

Pathologie der Tonsillen

Bei genauer Anamnese und Untersuchung kann man bei Globusgefühl, aber auch bei Dysphagie eine Pathologie der Gaumenmandeln feststellen. Bei der Inspektion kann Hyperplasie vorliegen oder es können sich Hinweise auf eine chronische Tonsillitis finden.

Bei der Tonsillenhyperplasie liegt häufig eine mechanische Passagebehinderung - im Maximalfall „kissing tonsills“ - vor.

Hier kann man mit einer operativen Behandlung mittels Tonsillotomie (Verkleinerung der Gaumenmandeln) oder Tonsillektomie (komplette Entfernung), bei gleichzeitig vorliegender chronischer Tonsillitis, helfen.

Bei der chronischer Tonsillitis gibt es mehrere Varianten, die hier für das Globusgefühl relevant sind. Häufig findet sich das klinische Bild einer Produktion von „Mandelsteinen“: Hier kann die Entfernung des Detritus zu einer kurzfristigen Besserung führen, jedoch liegt häufig ein rezidivierendes Krankheitsbild vor, das durch eine Tonsillektomie gelöst werden kann.

Bei der weiteren Variante ohne „Mandelsteine“ finden sich häufig kleine narbige Tonsillen und auch rezidivierend vergrößerte Lymphknoten im Lymphabflussgebiet der Tonsillen.

Hier kann oft neuraltherapeutisch eine Infiltration an den Tonsillen und eine Behandlung mit Verbesserung des Lymphabflusses durchgeführt werden.

Indirekte Methode am Kieferwinkel

Nadel 0,4 x 20; nach Palpation des verdickten Hautareals unter bzw. hinter dem Kieferwinkel Setzen einer Quaddel. Alternativ kann das Areal auch mit 1 ml LA subkutan infiltriert werden.

Direkte Umflutung der Tonsille

Empfohlenes Material:

a) Insulinspritze mit aufgeschweißter Nadel;

b) Injektionsspritze mit Luer-Lock- System, Nadel 0,6x60. Für Anfänger empfehlen wir, die Plastikhülle der Nadel etwas zu kürzen und aufgesetzt zu lassen, sodass die Nadelspitze nur 3mm überragt, um eine zu tiefe und somit möglicherweise intravasale Injektion auszuschließen.

Der Patient sitzt, lehnt den Kopf auf eine Nackenstütze und öffnet den Mund. Darauf wird unter Ausleuchtung des Mundes und Oropharynx die Zunge mittels Spatel zur Gegenseite geschoben. Achten Sie immer auf Pulsationen der Tonsille, die auf ein oberflächlich gelegenes arterielles Gefäß hin- weisen!

Mit der Nadel wird sodann am oberen und unteren Pol der Tonsille submukös eingegangen (ganz geringe Eindringtiefe, nicht intratonsillär stechen!) und pro Injektion 0,5 ml LA verabreicht. Die Technik hat beidseits zu erfolgen.

Submuköse Therapie der Tonsille

Alternativ zur oben beschriebenen klassischen Technik, kann man auch wirkungsvoll eine, für die nicht erfahrenen Neuraltherapeuten, submuköse Infiltration durchführen.

Hierfür wird am oberen und unteren Pol der Tonsille ein submuköses Depot gesetzt und die Mukosa ballonartig dadurch abgehoben.

Kommt es durch die Infiltration der Tonsillen zu wiederholbaren Verbesserungen, aber zur keiner Beschwerdefreiheit, so ist auch hier eine Tonsillektomie indiziert.

Oft findet man auch das Bild der Otalgie, das heißt ins Ohr ausstrahlende Schmerzen. Hier finden sich ebenfalls häufig muskulärer Ursachen, die durch eine Triggerpunkt-infiltration behandelt werden können.

Fazit für die Praxis

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass die häufigsten funktionellen Störungen im Hals-Kopfbereich durch den Einsatz von Neuraltherapie abgeklärt und meist auch behandelt werden können.

Korrespondenz:

OA Dr. Gregor Fischer

HNO-Abteilung, Universitätsklinikum Krems an der Donau

Ordination: Schickenberggasse 28

3552 Lengenfeld bei Krems

Web: www.hno-lengenfeld.at

 

Literatur:

1. Fischer G. „Neuraltherapie Arbeitsbuch“ Band 1, Facultas Verlag 2009

2. Fischer G. „Leitfaden Neuraltherapie“ Hrsg. Stefan Weinschenk, Urban und Fischer Verlag, 2009

3. Fischer G. „Hyoidtendinopathie (HTP) - ein häufiges, jedoch selten behandeltes Krankheitsbild“ in Ganzheitsmedizin, Facultas Verlag 2009

4. Fischer G. „Globusgefühl, Dysphagie und Neuraltherapie“ in Ganzheitsmedizin, Facultas Verlag 2015

5. Hülse M., Neuhuber W., Wolf „Die obere Halswirbelsäule: Pathophysiologie und Klinik“ Springer Verlag, 2005

6. Böhme G., „Sprach-, Sprech- und Stimmstörungen“, 4. Auflage Urban und Fischer Verlag, 2003

Ursachen der Dysphagie

Entzündliche Prozesse: Glossitis, Pharyngitis, Tonsillitis, Zungengrundtonsillitis, Epiglottitis, Laryngitis, Reflux

Nicht entzündliche Ursachen: Divertikel, Spaltenbildungen

Neurologische Ursachen: Zentrale oder periphere Läsionen der Hirnnerven, Muskelerkrankungen, psychogen

Vertebragene Ursachen, Neoplasmen, internistische Ursachen: Arthrosen, Diskusprolaps, Halsrippe Neoplasmen des oberen Gastrointestinaltrakts und der oberen Atemwege

Dermatologische Ursachen: Kollagenosen, Lupus, bullöse Erkrankungen

Trauma: Verbrennung, Verätzung, Strahlenfolgen, iatrogen

Struma

Gregor Fischer, komplementärmedizin 4/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben