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© Dr. Florian Ploberger
Dr. med. Florian Ploberger B.Ac., MA
 
Komplementärmedizin 4. September 2015

Ethik in der tibetischen Medizin

Das korrekte ethische Verhalten des Patienten, aber vor allem auch des Arztes, nimmt in der tibetischen Medizin einen wichtigen Stellenwert ein.

In der tibetischen Medizin ist das Verständnis für die Natur des Geistes wesentlich ausgeprägter als in der westlichen. Die rein körperlichen Funktionen sind in der tibetischen Medizin weniger genau erkundet als in der westlichen. Ohne beide Richtungen zu mischen und ohne eine der anderen vorzuziehen, sollten beide Lehren zur Vertiefung des gegenseitigen Verständnisses zusammen arbeiten. Damit kann die Wirksamkeit beider Heilmethoden verstärkt werden.“ (Seine Heiligkeit, der XIV. Dalai Lama)

In allen alternativen Medizinsystemen, wie beispielsweise der Traditionellen Chinesischen Medizin, im Ayurveda sowie der alten persischen Medizin (Unani-Medizin) wird der Mensch als Ganzheit betrachtet und dessen Umfeld in diverse diagnostische und therapeutische Überlegungen mit einbezogen. So auch in der tibetischen Medizin, wobei der wesentliche Unterschied zu den oben angeführten Medizinsystemen - und natürlich auch zur Schulmedizin - in der engen Verbindung der tibetischen Medizin zur Religion der Tibeter, dem Buddhismus, liegt.

Das korrekte ethische Verhalten des Patienten, aber vor allem auch des Arztes, nimmt in der tibetischen Medizin einen wichtigen Stellenwert ein. Im wichtigsten Text der tibetischen Medizin, dieser trägt den Titel „Die vier Tantra der tibetischen Medizin“, ist ein eigenes Kapitel, nämlich das 31. des zweiten Abschnittes dem Thema Arzt und dessen korrektem und ethischen Verhalten gewidmet. Dieser Text liegt nun seit wenigen Jahren erstmals unter dem Titel „Wurzeltantra und Tantra der Erklärungen der Tibetischen Medizin“ in deutscher Sprache vor.

Die tibetische Medizin, allgemein bekannt unter dem Namen bod kyi gso ba rig pa (tibetisches Wissen vom Heilen) ist eng mit der tibetischen Kultur verbunden. Die Ursache jeglichen Leidens (insgesamt soll es 84.000 verschiedene Krankheitsbilder geben) liegt laut tibetischer Medizin in „ma rig pa“, im Deutschen oft mit „Unwissenheit“ übersetzt. Diese Unwissenheit besteht auf diversen Ebenen. Wir wissen nicht, wer wir sind, wie wir uns zu verhalten haben, welche Umgebung uns gut tut, welche Nahrungsmittel und Medikamente wir einnehmen können.

Präzise Diagnostik, individuelle Therapie

Ausgehend von einer präzisen Diagnostik, welche die Analyse des Pulses, die Betrachtung des Urins sowie die Befragung des Patienten beinhaltet, gibt der Arzt individuell an den Patienten angepasste Ernährungs- und Verhaltensempfehlungen. Sollten diese nicht effizient genug sein, kommen darüber hinaus sogenannte äußere Therapien wie beispielsweise Moxibustion, Massage und die Goldene-Nadel- Akupunktur zur Anwendung. Am effizientesten werden individuell an die Befindlichkeit des Patienten angepasste tibetische Pillen angesehen. Diese Pillen werden 2- bis 3 mal täglich mit heißem Wasser eingenommen.

Das „abhängige Entstehen“

Ein wichtiges Grundkonzept des Buddhismus ist das Prinzip von „Ursache und Wirkung“, anders ausgedrückt, das „abhängige Entstehen“, tibetisch: rten ‚brel. Dieses Prinzip besagt, dass nichts auf dieser Welt - und somit auch kein Krankheitsbild - ohne Grund entsteht, sondern für jedes Resultat eine oder mehrere entsprechende Ursachen vorliegen müssen. Dieses Konzept ist für im Westen aufgewachsenen Menschen manchmal schwer nachvollziehbar, doch für Buddhisten, die zusätzlich an das Konzept der Wiedergeburt glauben, leicht verständlich. So wird in alten tibetischen Texten gelehrt, dass wir bereits zum Zeitpunkt der Geburt mit dem Karma vorheriger Inkarnationen auf die Welt kommen und aus diesem Grund zu gewissen Krankheitsbildern neigen.

Der Begriff des Karma (Tibetisch: las) bezeichnet in diesem Zusammenhang ein spirituelles Konzept, nach dem jede Handlung – physisch wie geistig – unweigerlich eine Folge hat. Diese muss nicht unbedingt im aktuellen Leben wirksam werden, sondern kann sich möglicherweise erst in einem der nächsten Leben manifestieren.

Kein negatives Karma anhäufen

Mit dem Thema ethisches Verhalten beschäftigen sich tibetische Ärzte aus verschiedenen Gründen. Ein richtiges ethisches Verhalten gilt nicht nur für Mediziner, sondern auch für Patienten, als hilfreich. Warum? Davon ausgehend, dass sämtliche Handlungen, die wir mit Körper, Rede und Geist ausführen, Auswirkungen auf unser Karma haben, ist es von Bedeutung, sich ethisch korrekt zu verhalten, um im Falle einer bereits vorliegenden Erkrankung möglicherweise negatives Karma abzuarbeiten bzw. im Idealfall bei Vorliegen von Gesundheit kein negatives Karma anzuhäufen

Darüber hinaus gilt ein korrektes ethisches Verhalten als hilfreiches, kostbares Mittel, um ein von Buddhisten angestrebtes Ziel, nämlich die Buddhaschaft, zu erlangen.

Die sechs Vollkommenheiten

Welches Verhalten wird nun in der Praxis empfohlen? Die häufigsten Belehrungen zu diesem Thema empfehlen, dass sich der Praktizierende darin üben solle, die so genannten sechs Vollkommenheiten auszuüben. Diese lauten:

• Ethisches Verhalten (wird im folgenden Absatz beschrieben)

• Großzügigkeit

• Ausdauer bzw. Beharrlichkeit

• Konzentration

• Meditation und

• Weisheit.

Wie oben angeführt kann das ethische Verhalten in drei Teilbereiche (Körper, Rede und Geist) eingeteilt werden:

Auf Ebene des Körpers gilt das Vermeiden von Töten, Stehlen sowie sexuellem Fehlverhaltens als korrekt. Auf Ebene der Rede wird empfohlen, nicht zu lügen, keine beleidigenden Worte auszusprechen, nicht zu schimpfen bzw. zu fluchen und nicht sinnlos zu schwätzen. Was die Ebene des Geistes betrifft, so wird empfohlen, nicht Dinge bzw. Eigenschaften anzustreben, die andere Menschen besitzen; nicht den Wunsch zu haben, anderen Menschen zu schaden, sowie: keine falschen Ansichtsweisen zu haben. Unter falschen Ansichtsweisen verstehen Tibeter beispielsweise, das Prinzip von Ursache und Wirkung sowie das eigene, jedem Menschen innewohnende Potenzial nicht anzuerkennen.

Ein guter Arzt werden...

Abschließend noch eine kurze Geschichte: Auf die Frage was es benötigt, um ein guter Arzt zu werden, hat im Jahre 1997 der damalige Leibarzt des Dalai Lama, Dr. Lobsang Wangyal, geantwortet: „mit freudvoller Anstrengung zu studieren, seine Lehrer gut zu überprüfen, sich für die Patienten Zeit zu nehmen und alle Menschen gleich zu behandeln“. Des Weiteren rät der ehemalige Leibarzt des Dalai Lama, Alkohol, Zigaretten und wechselnde sexuelle Beziehungen zu meiden, sowie, sich in Liebe und Mitgefühl zu üben. Dies geschieht vor allem durch die Vergegenwärtigung, dass alle Menschen dieselbe Natur besitzen: Wir werden alle krank, wir werden alle älter, wir sterben alle. Aus diesem Bewusstsein heraus kann man Mitgefühl entwickeln. Mitgefühl bedeutet für die Tibeter, Bodhichitta zu entwickeln; den Wunsch, allen Lebewesen zu helfen. Durch diese Praxis würde laut seiner Erklärung den Patienten gut geholfen werden, aber auch der Arzt selbst könne davon profitieren.

Korrespondenz:

Dr. med. univ. Florian Ploberger

Literaturempfehlungen:

Ploberger, F. (2012) Die Grundlagen der Tibetischen Medizin, eine Übersetzung des Werkes „Fundamentals of Tibetan Medicine“ der Men-Tse-Khang Publications, 2. Auflage, Schiedlberg: Bacopa.

Ploberger, F. (2013) Wurzeltantra und Tantra der Erklärungen der Tibetischen Medizin, 2. Auflage, Schiedlberg: Bacopa.

Ploberger, F. (2015) Das letzte Tantra aus Die vier Tantra der Tibetischen Medizin, Schiedlberg: Bacopa.

Zum Autor

Internationale universitäre und interdisziplinäre Lehrtätigkeit und zahlreiche Publikationen in den Themenbereichen TTM und TCM. Präsident der Österreichischen Ausbildungsgesellschaft für Traditionelle Chinesische Medizin (ÖAGTCM). Von der Direktion des Men-Tsee-Khang (Institut für Tibetische Medizin und Astrologie in Dharamsala, Nordindien) mit der Übersetzung der ersten beiden und des letzten Teils des bedeutendsten Werkes der Tibetischen Medizin (rgyud bzhi) beauftragt.

Florian Ploberger, komplementärmedizin 3/2015

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