zur Navigation zum Inhalt
© (2) Dr. Christoph Heiserer
Abb. 2: Sauerstoffbläschen in der Vena subclavia

Abb. 1: Dr. Christoph Heiserer mit einer Patientin bei der Behandlung.

 
Komplementärmedizin 15. Juni 2015

Oxyvenierung - eine neue Therapieoption bei COPD

Die intravenöse Sauerstofftherapie kann ein weiterer Baustein in der Behandlung der COPD werden.

Bei der chronisch-obstruktiven Lungenkrankheit oder kurz COPD handelt es sich um eine chronische Entzündung, welche die Atemwege verengt und das Lungengewebe unwiederbringlich zerstört.

Weltweit sind nach Schätzungen der WHO mehr als 600 Millionen Menschen betroffen. COPD ist eine der wenigen Erkrankungen, deren Häufigkeit bis dato stetig zunimmt. Ein Konsensuspapier von ATS/ERS (American Thoracic Society/European Respiratory Society) von 2002 beschreibt die chronisch-obstruktive Lungenkrankheit als Erkrankung mit Präventions- und Therapiepotential. Rauchen gilt als ein Schlüsselfaktor für die Entwicklung und das rasche Fortschreiten der Erkrankung [3]. Essentiell ist, dass sich die Limitation des Atemflusses jedoch nicht mehr vollständig reversibel zeigt. Neu ist laut Prof. Dr. Harald Morr eine Überarbeitung der Definition als eigentliche Lungenerkrankung mit relevanten, systemischen Auswirkungen [1].

Klinischer Verlauf, Infekt-Exazerbationen

Der Krankheitsverlauf und die individuelle Wahrnehmung durch die Patienten ist vielgestaltig. Sowohl periphere als auch zentrale Atemwege, wie auch Lungenparenchym und pulmonale Gefäße zeigen pathologische Veränderungen [6].

Für die chronische Inflammation, welche hauptsächlich durch neutrophile Granulozyten, Makrophagen und CD8+ T-Lymphozyten dominiert wird, zeichnen auch Proteasen und Leukotrien B4, Interleukin-8 und Tumor-Nekrose-Faktor Alpha verantwortlich. Keinesfalls zu unterschätzen ist jedoch die für den Verlauf der Erkrankung entscheidende Infektexazerbation. Die Anzahl dieser, sowie deren Dauer und Intensität ist maßgeblich für das Fortschreiten der Erkrankung relevant. Klinisch äußert sich eine Exazerbation, welche in den Herbst- und Wintermonaten ihre saisonale Spitze zeigt, durch eine akute Verschlechterung mit Dyspnoe und missfärbigem Sputum. Dabei ist die chronische Bronchitis eine Komponente der COPD [2,5,7]. Oftmals gehen damit eine obstruktive Ventilationsstörung, seltener Fieber einher. Experten sind sich einig, dass die Zahl und Schwere der Exazerbationen pro Jahr den entscheidenden Faktor für die Progression der COPD darstellt. Virale Infektionen sind bei bis zu 64% der Patienten als Ursache einer Exazerbation zu finden. Die Behandlung bei Stadium III und IV besteht in Korrektur der respiratorischen Insuffizienz, Bronchospasmolyse, Steroidtherapie, niedermolekularem Heparin bei bettlägerigen Patienten, adäquater Flüssigkeits-/Ernährungstherapie und Antibiose [7].

Oxyvenierung nach Regelsberger

Die intravenöse Zufuhr von reinem Sauerstoff (IOT) wurde von Dr. med. H. S. Regelsberger in über 30-jähriger Forschungsarbeit zu einer sicheren, nebenwirkungsarmen und praxisgerechten Therapiemethode entwickelt, auch wenn bis heute der Wirkmechanismus noch nicht völlig erforscht ist. Regelsberger nannte das Einbringen von medizinischem Sauerstoff auf intravenösem Wege „Oxyvenierung“. Dabei werden je nach Sauerstoffmenge ein bis maximal zwei ml/min pro Sitzung infundiert. Sauerstoffbläschen wandern dabei über das rechte Herz zu den Lungenkapillaren, dem eigentlichen Reizort. Durch die ca. 8-fach verstärkte Bildung des durchblutungsfördernden Hormons Prostacyclin kommt es zu einer starken Gefäßerweiterung im gesamten Körper (Prof. Stichtenoth). Prostacyclin kann auch bronchodilatatorisch wirken. Ein weiterer Wirkungsmechanismus entsteht durch eine iatrogen verursachte „Eosinophilie“. Die Sauerstoffbläschen – sofern sich der Sauerstoff nicht an Hämoglobin bindet – werden von den Opsoninen Fibronektin und Fibrinogen umhüllt und bewirken als fremde Partikel (Allergene) eine starke Vermehrung der eosinophilen Granulozyten im peripheren Blut. Die Auswanderung der Eosinophilen in das entzündete Gewebe wird durch Einfluss auf Adhäsionsmoleküle gehemmt Somit werden die an der Pathogenese von COPD und den Exazerbationen beteiligten Eosinophilen im Gewebe vermindert [8]. Dabei sind die eosinophilen Granulozyten in der Lage, einen Stoff aus der Linolsäure zu bilden, welche die Leukotriensynthese inhibiert. Es kommt somit zu einem intensiven antiinflammatorischen Effekt. Der Tumornekrosefaktor alpha (TNFα) sinkt dabei durchschnittlich laut einer noch unveröffentlichten Studie in Zusammenarbeit mit dem Institut für Medizinische Immunologie der Charité Berlin, um 50-70%. Der nach IOT nachgewiesene Anstieg antioxidativer Enzyme (Paraoxonase-1, Glutathionperoxidase) beweist die antioxidative Wirkung der IOT. Oxidativer Stress ist an der Pathogenese von COPD maßgeblich beteiligt [8].

Erfolgreiche Therapie der COPD

Die erfolgreiche Behandlung von Patienten mit obstruktiver Bronchitis wurde erstmals durch eine Ärzteumfrage unter Anwendern der IOT dokumentiert [8].

Erste eigene Untersuchungen an einem kleinen Patientenkollektiv mit COPD III und IV nach Gold haben in den letzten zwei Jahren gezeigt, dass die Therapie mit intravenösem Sauerstoff in der Lage sein kann, die saisonalen Exazerbationen zu reduzieren, abzuschwächen oder gar vollständig zu verhindern. Diese Exazerbationen werden wenigstens teilweise durch die antiviralen und antibakteriellen Effekte der nach IOT stets vermehrten Eosinophilen reduziert [8]. Bei 10 bis 15 Sitzungen wurde ein Anhalten der Wirkung für mindestens 4-6 Monate beobachtet. Aufgrund der geringen Menge an intravenös zugeführtem Sauerstoff (max. 50ml) kommt es dabei weder zu einer Veränderung des kleinen Blutbildes noch zu einem Anstieg des Sauerstoffpartialdruckes.

Kombinationstherapie und Kontraindikationen

Die IOT ist als Reiztherapie zu verstehen. Prinzipiell ist diese Behandlung mit den meisten anderen Therapien kombinierbar. Jedoch können Rauchen (Kohlenmonoxid) und hochdosierte, intravenös verabreichte Glucocorticoide und nichtsteroidale Antirheumatika die Wirkung reduzieren [8]. Kontraindiziert ist diese Therapie bei allen Erkrankungen die eine ärztliche Sofortmaßnahme erfordern. Bei Vorhof- oder Kammer-Septumdefekten ist die IOT wegen der Gefahr, dass Sauerstoffbläschen in den großen Kreislauf geraten, nicht indiziert [8].

Fazit für die Praxis

Die intravenöse Sauerstofftherapie kann nach ersten Erfahrungen ein weiterer Baustein in der Behandlung der COPD in allen Stadien werden und besitzt durch ihre antiinflammatorische, antioxidative und immunmodulierende Wirkung großes Potential in der Prophylaxe von Exazerbationen. Somit kann besonders bei Patienten mit COPD I-III das weitere Fortschreiten des Krankheitsbildes verlangsamt oder möglicherweise sogar angehalten werden.

Korrespondenz:

Dr. Christoph Heiserer

Arzt für Allgemeinmedizin,

Christkindlweg 61,

A-4400 Steyr,

E-Mail:

Literatur

1. C. Vogelmeier, R. Buhl, C. P. Criée, A. Gillissen, P. Kardos, D. Köhler, H. Magnussen, H. Morr, D. Nowak, D. Pfeiffer−Kascha,W. Petro, K. Rabe, K. Schultz, H. Sitter, H. Teschler, T.Welte,R.Wettengel, H.Worth, Leitlinie der Deutschen Atemwegsliga und der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin zur Diagnostik und Therapie von Patienten mit chronisch obstruktiver Bronchitis und Lungenemphysem 2007 (COPD); aus Pneumologie 2007; 61; e1-e40

2. C. G.Lange • B. Scheuerer • P. Zabel • Medizinische Klinik, Forschungszentrum Borstel, Akute Exazerbation der COPD; Internist 2004 • 45:527–539 DOI 10.1007/s00108-004-1170-2

3. A. Klemmer • T. Greulich • A.R. Koczulla • C.F. Vogelmeier Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Pneumologie, Universitätsklinikum Gießen und Marburg, Standort Marburg, Marburg, Die chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) Aktuelle Konzepte und neue Therapieoptionen

4. T.T. Bauer1 • G. Nilius • W. Grüning • K. Rasche

Diagnose und Therapie der COPD-Exazerbation; Med Klin Intensivmed Notfmed 2012 • 107:172–178 DOI 10.1007/s00063-011-0065-y

5. M. Kolditz, Abteilung Pneumologie, Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden, Prävention der Exazerbation bei COPD; Pneumologe 2012 • 9:285–286 DOI 10.1007/s10405-012-0577-z

6. MacNee W. Pathogenesis of chronic obstructive pulmonary diseas. Proc. Am Thorac Soc 2005;2:258-66

7. Christoph Wenisch, Akute Exazerbation bei COPD, HEFT 2/2006 EDUCATION, WIENER KLINISCHE WOCHENSCHRIFT - The Middle European Journal of Medicine

8. Franz J. Kreutzer, Intravenöse Sauerstofftherapie (IOT)), Oxyvenierungstherapie nach Regensburger in Theorie und Praxis. 2. Aufl. 2014, 157 Seiten. Grote Druck GmbH, Bad Iburg. ISBN 978-3-933998-53-8

Christoph Heiserer, komplementärmedizin 2/2015

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben