zur Navigation zum Inhalt
© (2) Anita Buchart
Malve (Malvae flos) – eine traditionelle europäische Heilpflanze

Holunderblüten (Sambuci flos): Als Teeaufguss heilsam und wohlschmeckend.

 

 
Komplementärmedizin 12. August 2015

Heilpflanzen - neu entdeckt

Traditionelle biogene Arzneimittel im Salzburger Pinzgau

Als Denkanstoß für die vorliegende Arbeit dienten die Nachfrage nach biogenen Arzneimitteln und der vorhergesagte Trend in Richtung Naturheilkunde. Ein Problem dieser Entwicklung ist der unkontrollierte Einsatz und die damit verbundenen Risiken bei Selbstmedikation von Naturheilmitteln. Diese Arbeit unternimmt daher den Versuch, ein Anwendungskonzept für traditionelle biogene Arzneimittel, im vorliegenden Falle aus dem Salzburger Pinzgau, zu erstellen.

Dazu wurden 33 Personen aus der Region mittels qualitativer Interviews zum Thema regionale Naturheilmittel befragt. Art und Einsatz der Arzneimittel sowie die Dauer der Behandlung, der Zusammenhang mit dem Lebensrhythmus und die Weitergabe dieses impliziten Wissens wurden erhoben. Die Wirkungen und Indikationen der erhobenen biogenen Arzneimittel wurden transkribiert, übersetzt und mit den Monographien der Europäischen Arzneimittelkommission ESCOP und der Deutschen Kommission E verglichen. Dieser Vergleich ergab Übereinstimmungen bei 57 Heilpflanzen. Daraus konnte ein Anwendungskatalog erstellt werden, der für diese Heilpflanzen Indikationen, Anwendungsform und Dosierung auflistet. Dieser Anwendungskatalog bietet die Möglichkeit, traditionelle alpine Naturheilmittel nach den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Gesundheitsförderung, Prävention und Therapie einzusetzen.

Hoher Wirkungsgrad

Bekannterweise gibt es einige alternative Methoden wie etwa die Akupunktur, die einen besonders hohen Placebo-Effekt erreichen. Traditionelle regionale Heilpflanzen, d.h. Heilpflanzen, die seit mindestens drei Generationen in der Familie angewendet werden, erreichen nachgewiesener Weise sehr hohe Wirkungsgrade (Klosterhalfen, 2005). Der Bezug des Patienten zum Heilmittel, die Vertrautheit, das „Bekanntsein“ des Mittels und das „schon davon gehört haben“ könnte dazu beitragen, eine hohe Placebo-Wirkung auszulösen. Dazu kommt eine gute Compliance der Patienten durch das positive Image von Naturheilmitteln im Allgemeinen. Die wichtigsten Parameter für die Verstärkung des Placebo Effektes dürften die Erwartungshaltung und klassisches Konditionieren sein (Klinger, 2007; Klosterhalfen, 2005). Die Erwartungshaltung kann sowohl positiv wie auch negativ durch Interventionen beeinflusst werden. Traditionelle Heilmittel, mit denen bereits im Kindesalter konditionierte Reize gesetzt wurden, lassen deshalb durchaus einen hohen Placebo-Effekt erwarten. Klosterhalfen et al. (2009) beobachtete, dass bei Frauen die klassische Konditionierung eine höhere Auswirkung hat als bei Männern, wo die Erwartungshaltung mehr ins Gewicht fiel.

Die Wirkungen der traditionellen Heilpflanzen

Die traditionelle Anwendung von Heilpflanzen für die Atemwege (Tabelle 1) teilte diese in wärmende, kühlende, trocknende und befeuchtende ein. Daraus entstand die Empfehlung für trockenen oder verschleimten Husten. Mayer (2005) hat den Versuch unternommen, diesen Wirkungen Inhaltsstoffe und Eigenschaften zuzuordnen. Mit „wärmend“ scheint eine anregende und durchblutungsfördernde Wirkung gemeint sein. Eigenschaften, die etwa Bitterstoffdrogen in ausgeprägter Form erreichen. „Trocknend“ soll so viel wie „ausleitend“ bedeuten. Dabei geht es um diuretische und aquaretische Wirkungen. In kalten und feuchten Klimazonen wie im Land Salzburg wird vielen regionalen wildwachsenden Pflanzen eine wärmende und trocknende Wirkung zugeschrieben. Gleichzeitig werden kühlende Inhaltsstoffe wie etwa Menthol nur in geringem Maße ausgebildet. Möglicherweise sind Pflanzen in der Lage, klimatische Bedingungen auszugleichen. Heimische Heilpflanzen, die besonders gut wild im Salzburger Raum wachsen wie beispielsweise Quendel (wilder Thymian), Fichten (junge Triebe) oder Meerrettich empfehlen sich, wenn Atemwege verlegt sind und eine „trocknende“ Wirkung erwünscht ist. Als „befeuchtend“ werden Schleimdrogen wie Malve oder Spitzwegerich bezeichnet. „Kühlend“ sind nach Auffassung der Erfahrungsheilkunde Pflanzen, die eher sedierend und adstringierend wirken.

Heilpflanzen-Verarbeitung

Besonders interessant sind traditionelle Praktiken der Verarbeitung von Heilpflanzen. Auffallend ist beispielsweise die Temperaturführung von Drogen. Spitzwegerich als Schleimdroge mit dem hitzeempfindlichen Aucubin, mit dem sich die Pflanze selbst vor Krankheitserregern schützt, wurde von unseren Vorfahren stets frisch und unerhitzt verarbeitet. Die bekanntesten Zubereitungen sind der kalte Ansatz mit Zucker in einem Glas mit anschließender Reifung im Halbschatten oder in der Erde eingegraben oder der alkoholische Auszug. Die Erfahrungsheilkunde hat so ohne analytische Kenntnisse durch Versuch und Irrtum gute Verarbeitungspraktiken entwickelt.

Auch das stundenlange Einkochen von Flavonoiddrogen dürfte eine sinnvolle Praktik sein. Neuere Erkenntnisse über diese hitzestabilen Wirkstoffe zeigen, dass lila und dunkelrote Flavonoide nur dann durch die Darmschleimhaut aufgenommen werden können, wenn die Pflanzenzellen völlig zerkocht wurden (Watzl, 2005). Bei traditionellen Rezepturen mit Holunderbeeren, Pflaumen u.a. empfiehlt sich stets eine lange Kochzeit bei wenig Temperatur.

Zeitgemäße Anwendung

Traditionelle Heilpflanzenrezepturen müssen zeitgemäß sein, also in unseren Arbeitsalltag integrierbar sein, damit sie weiterhin gelebt werden können. Zeitgemäß bedeutet vor allem praktisch anwendbar. Regionale Heilpflanzen werden zunehmend auch kulinarisch verwendet. Der Einsatz als Lebensmittel ist nur zum Teil rechtlich geregelt, viele der in Frage kommenden Pflanzen stehen weder auf der Positiv- noch auf der Negativliste für Tee und teeähnliche Erzeugnisse. Trotzdem ist der Gedanke interessant, etwa Meerrettich, Knoblauch oder Salbei u. v. a. Gemüse und Kräuter mit positiven Monographien dadurch für die Gesundheit zu nutzen, indem sie regelmäßig auf den Teller kommen.

Naturbelassenheit, Nachhaltigkeit und Selfness

Das Konzept, die traditionelle Anwendung der regionalen Heilpflanzen zu erheben, zu dokumentieren und mit dem Stand der Wissenschaft zu vergleichen ist ein sinnvolle Vorgehensweise. Damit werden Heilmittel und ihre Anwendungen einer objektiven wissenschaftlichen Überprüfung hinsichtlich der Einstufung ihrer Wirksamkeit, aber auch der Diskussion der naturwissenschaftlich erklärbaren Wirkungsmechanismen zugänglich gemacht. Ein weiterer entscheidender Schritt ist die Entwicklung praktikabler Anwendungen für den Alltag. Regionale Heilpflanzenanwendungen können somit die steigende Sehnsucht nach Naturbelassenheit, Selfness* und Nachhaltigkeit befriedigen und erfreuen sich deshalb steigender Beliebtheit.

Korrespondenz: Dr. Karin Buchart Focus Area „BioScience and Health“ University of Salzburg +43 664 5991811 E-Mail: Internet: www.teh.at

*Bei Selfness geht es um dauerhafte Selbstveränderung. Selfness bedeutet, das innere Selbst ins Zentrum zu

rücken und in eigener Verantwortung Entwicklungsprozesse zu fördern, um das eigene Potential zu leben.

Literatur

Buchart K: Traditionelle biogene Arzneimittel im Pinzgau. Dissertation Paris Lodron Universität Salzburg, 2010.

European Scientific Cooperative on Phytotherapy (2003). ESCOP Monographs. Thieme Verlag, Stuttgart.

Klinger R, Soost S, Flor H, Worm M (2007). Classical conditioning and expectancy in placebo hypoalgesia: a randomizized controlled study in patients with atopic dermatitis and persons with healthy skin. Pain Mar 128(1-2);31-9.

Klosterhalfen S, Enck P (2005). Placebos in clinic and research: experimental findings and theoretical concepts. Psychother Psychosom Med Psychol 55(9-10); 433-41.

Klosterhalfen S, Kellermann S, Braun S, Kowalski A, Schrauth M, Zipfel S, Enck P (2009). Gender and the nocebo response following conditioning and expectancy. J Psychosom Res; 66(4); 323-8.

Klosterhalfen S, Kellermann S, Braun S, Kowalski A, Schrauth M, Zipfel S, Enck P (2009). Gender and the nocebo response following conditioning and expectancy. J Psychosom Res; 66(4); 323-8.

Mayer JG (2005): Warme und trockene Heilpflanzen? Zeitschrift für Phytotherapie 26; 113-118

Watzl B: Bioaktive Substanzen in Lebensmitteln. Hippokrates, 2005

Traditionelle biogene Arzneimittel im Salzburger Pinzgau – ein Regionalentwicklungsprojekt

In einer Studie in der Region Salzburg wurde der Versuch unternommen, ein Anwendungskonzept für traditionelle biogene Arzneimittel zu erstellen. Dazu wurden 33 Personen aus der Region mittels qualitativer Interviews zum Thema regionale Naturheilmittel befragt. Die Wirkungen und Indikationen der erhobenen biogenen Arzneimittel wurden transkribiert, übersetzt und mit den Monographien der Europäischen Arzneimittelkommission ESCOP und der Deutschen Kommission E verglichen. Dieser Vergleich ergab Übereinstimmungen bei 57 Heilpflanzen. Daraus konnte ein Anwendungskatalog erstellt werden, der für diese Heilpflanzen Indikationen, Anwendungsform und Dosierung auflistet.

Im Jahr 2010 setzte die österreichische UNESCO Kommission „das Heilwissen der Pinzgauer“ auf die Liste des Immateriellen Kulturerbes, um die Wertschätzung gegenüber dem tradiertem Heilwissen zu erhöhen. Die traditionellen Heilpflanzenanwendungen erreichen erstaunlich hohe Wirkungsgrade. Das dürfte mit frühkindlichen Lernprozessen und den damit verbundenen Konditionierungen zusammen hängen. Naturwissenschaftler sprechen von hohen „Placeboeffekten“.

Praktiken der traditionellen Heilpflanzenverarbeitung können heute zum Teil gut nachvollzogen werden. So wurden etwa Pflanzen mit hitzeempfindlichen Wirkstoffen meistens kalt verarbeitet. Manche dieser Praktiken sind allerdings unter den heutigen Hygienestandards nicht mehr durchführbar. Neben den gesundheitlichen Effekten erfüllen regionale Heilpflanzenanwendungen die Sehnsucht der Menschen nach Naturbelassenheit, Nachhaltigkeit und vor allem Selfness.

Keywords: Traditionelle Medizin, Phytotherapie, Heilpflanzen, Erfahrungsheilkunde, CAM

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben