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Dr. Georg Dimitriadis Arzt für Allgemeinmedizin, Facharzt für Neurologie, ÖÄK-Diplom Neuraltherapie

      

Abb. 1. Informationsvernetzung 

 

 
Komplementärmedizin 19. März 2015

Neuraltherapie als Netzwerk

Neuraltherapie ist eine ganzheitliche Regulationstherapie.

Neuraltherapie ist eine ganzheitliche Regulationstherapie, bei der durch Injektion von Lokalanästhetika an bestimmte Körperstellen eine Beeinflussung von Selbstheilungskräften (d.h. eine Normalisierung von Regelkreisen) herbeigeführt wird. Dabei spielen Menge und Wirkdauer des Medikamentes eine untergeordnete Rolle, entscheidend ist die Lokalisation der Wirkstoffapplikation.

Informationsvernetzung

Wie nebenstehender Abbildung 1 (in Anlehnung an offene biologische Systeme) zu entnehmen ist, bleibt eine Störung eines Organsystems nicht ohne Auswirkung auf ein anderes, in welchem sich bei entsprechender Vorbelastung eine spezifische Erkrankung manifestieren kann.

Die Annäherung an das Beschwerdebild des Patienten erfordert eine ausführliche Beschäftigung mit der Anamnese, die Querverbindungen von endogenen und exogenen Krankheitsauslösern berücksichtigt: Das erlernte, meist linear-monokausale Denken tritt in der Regulationsmedizin in der Regel in den Hintergrund. Neuraltherapie fordert und fördert vernetzte ganzheitliche Diagnostik und Therapie! Dabei sind die Grenzen oft fließend, wie z.B bei der diagnostischen Injektion zum Auffinden eines segmentalen Störfeldes.

Die hier im Folgenden dargestellten ganzheitlichen Arbeitsweisen mögen für Sie ein Anreiz sein, im ärztlichen Alltag in Zukunft vermehrte Aufmerksamkeit auf Zusammenhänge in komplexen biologischen Systemen zu richten.

Neuraltherapeutische Anamnese

Ein wichtiger Aspekt ist die chronologische Erhebung pathogenetischer Details als Neuraltherapeutische Anamnese

• Geburtsvorgang (soweit explorierbar), Abheilung des Nabels als erste Narbe

• Erkrankungen mit chronischen oder abnormen Verlaufsforme

• Rezidive (Tonsillitis, Sinusitis, HWI, Abszesse)

• Auftreten von Anfälligkeiten oder Schwächen des Organismus („locus minoris resistentiae“)

• Entwicklung von Operationsfolgen wie Wundheilungsstörungen, witterungsempfindliche oder juckende Narben (nach Drainagen oder nach Endoskopien; Impfnarben; Episotomie)

• Unfälle, aber vor allem auch Bagatelltraumen

• Zahnerkrankungen (Wurzelbehandlungen, Ostitiden, Retentionen, kieferorthopädische Probleme)

• Gynäkologische und geburtshilfliche Eingriffe

• Lebensstil: Biorhythmen, Ernährung

• Überlastungen, Fehlhaltungen, Stereotypien

• Lebenssituation (Familie, Beruf) in zeitlichem Zusammenhang zum Krankheitsverlauf

• Vegetative Begleitreaktionen (Palpitationen, Exantheme, etc.)

• Bedeutung der subjektiv schwersten Erkrankung, auf die ein Leistungsknick oder eine Lebensstiländerung erfolgte

• Unmittelbar vor Beschwerdebeginn stattgehabte Erkrankung, Verletzung oder Behandlung

• Sekundärer Krankheitsgewinn (welche Bedeutung hat das Symptom für die Patientin/den Patienten, ihre/seine Familie; was würde sich ändern, bei Beschwerdefreiheit?)

Im nächsten Schritt erfolgt die

Inspektion unter ganzheitlichen Aspekten

Dabei ergibt sich bereits anhand der Körperhaltung ein Eindruck über den generellen Tonus (M. trapezius!). Aufschlussreich für den Geübten ist das Körperprofil im Sinne der (abdominellen) Funktionen und Konstitutionstypen als erster Hinweis auf Fernstörungen in Zusammenhang mit dem Darm (F. X. Mayr ); Analoges gilt für den Atemtyp in Bezug auf thorakale Funktionen.

Am Rücken sind Asymmetrien zu beachten (Schulterhochstand, muskuläre Hypertrophie oder Hypotrophie, Veränderungen der Körperachse, Beckenschiefstand). Gleichzeitig werden an der Haut Temperatur, Durchblutung, Oberflächenbeschaffenheit und Feuchtigkeit beurteilt. Besondere Bedeutung im Sinn der Regulation haben - wie erwähnt - Narben: deren Farbe, Konsistenz, Einziehungen oder Erhabenheit gibt Auskunft über deren Entstehung und Störfeldwertigkeit. In jedem Fall ist die Inspektion der Mundhöhle wichtig, um eine Aussage über Veränderungen des Gebisses, der Schleimhaut und der Tonsillen treffen zu können (etwa 2/3 der Störfelder!).

Neuraltherapeutische Palpation

Die weitere Untersuchung erfolgt mittels der Neuraltherapeutischen Palpation. Dabei unterscheiden wir 3 Arten:

Die Körperoberfläche wird mit dem sogenannten Cutisstrich beurteilt: Dabei wird mit zarten strichförmigen Bewegungen der Fingerbeeren des Untersuchers die Konsistenz (Turgor: Sol/Gel) und die Verschieblichkeit der Haut geprüft, was sich im betroffenen Dermatom als „Klebenbleiben“ äußert: Dabei zeigt sich bereits im ersten Schritt eine segmentale Verschaltung tieferer Organstrukturen (Bewegungsapparat, Eingeweide) im Sinne des „Segment-regulatorischen Komplexes“ (Bergsmann).

Nach dem Cutisstrich folgt der Bindegewebsstrich, wobei eine Haut- und Unterhautwelle vor den untersuchenden Fingern hergeschoben wird; ein ähnliches Ergebnis erzielt man mit dem Abheben der Hautfalte und Gleitenlassen - z.B. entlang des Blasenmeridians am Rücken (Kiblerfalte).

Die Beurteilung der tiefen muskulären Strukturen erfolgt mit der Kreispalpation, welche meist bereits der ersten therapeutischen Intervention entspricht, da hierbei eine Lockerung von Myogelosen und eine Durchblutungssteigerung ausgelöst wird.

Behandlungstechniken

Die Behandlungstechniken mit der Injektionsnadel umfassen:

• Intrakutane Quaddeltherapie zur Beeinflussung innerer Organe über den cutivisceralen Reflex- bogen

• Infiltration von Triggerpunkten zur Unterbrechung schmerzhafter pseudoradikulärer Symptome entlang einer kinetischen Kette - vgl. Akupunkturmeridian(!)

• LA-Depots an Gelenke, Sehnen und Periost zwecks Beschwerdelinderung einer Insertionstendinose z.B. bei Spastizität oder Schonhaltung i. R. einer Überbelastung

• Intravasale und paravasale Depots zur Regulation von sympathischen Quadrantensyndromen durch Einbeziehung des perivasculären Geflechtes und des Endothels

• Injektionen an Spinalganglien entsprechen einer lokalen Entzündungs- und Schmerztherapie

• Injektionen an vegetative Strukturen als Regulationsmöglichkeit an hierarchisch höheren Abschnitten - nicht obligat erforderlich

• Störfeldbehandlung

Die Domäne der Neuraltherapie führt zur Auffindung und Ausschaltung von Störfeldern (chronisch belastende endogene und exogene Faktoren (allostatic load), die als Fernstörung an geschwächten oder anfälligen Körperstrukturen lokale Erkrankungen mit meist atypischem Charakter hervorgerufen werden (Zweitschlag nach Speranski).

Zusammenfassung

Neuraltherapie bietet somit ein bereicherndes Diagnose- und Therapieverfahren, das es auch im übertechnisierten Alltag erlaubt, die Patienten zu „be-hand-eln“ und birgt eine Fülle an schöpferischen Möglichkeiten, aber auch Überraschungen. Sie ist somit für Leidensgeplagte und für Behandler in der Anwendung zufriedenstellend!

Korrespondenz:

Dr. Georg Dimitriadis

Glasergasse 21

A-1090 Wien

E-Mail:

Literatur beim Verfasser

 

Dr. Georg Dimitriadis, komplementärmedizin 1/2015

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