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Dr. Shive Narain Gupta MD (Ayur.) ist Vorstand der Abteilung für Innere Medizin am J.S. Ayurveda College in Nadiad und leitender Chefarzt des P. D. Patel Ayurveda Hospital in Gujarat, Indien.
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Ayurvedischer Stirnguss - Shirodha

 
Komplementärmedizin 9. März 2015

Ayurveda Medizin: eine Frage des Karmas?

Wir sprachen mit Dr. Shive Narain Gupta, MD (Ayur.)

Dr. Shive Narain Gupta, MD (Ayur.) ist Vorstand der Abteilung für Innere Medizin am J.S. Ayurveda College in Nadiad und leitender Chefarzt des P. D. Patel Ayurveda Hospital in Gujarat, Indien. Vor 22 Jahren begann er auf Einladung der Universität Tübingen seine Lehrtätigkeit in Deutschland und unterweist seither regelmäßig Ayurveda-Studenten und -Ärzte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in Theorie und Praktiken der traditionellen indischen Medizin. An der Europäischen Akademie für Ayurveda im idyllischen hessischen Dorf Birstein trafen wir Prof. Gupta und versuchten herauszufinden, wie ein 5000 Jahre altes Medizinsystem in der Welt von heute funktionieren kann und wie es im Verhältnis zur westlichen Medizin zu sehen ist.

ÄrzteWoche Spezial Komplementärmedizin: Prof. Gupta, was ist ihr persönlicher Zugang zur ayurvedischen Medizin, und wie kann man sich deren primären Therapieansatz vorstellen?

Gupta: Ayurveda hat einen ganzheitlichen Zugang - auf mehrfache Weise. Im Allgemeinen wird ganzheitlich als Einheit von Körper, Geist und Seele verstanden. Das ist ein Aspekt. Ayurveda bezieht aber gleichzeitig auch noch das gesamte Universum mit ein. Wenn wir einen Patienten sehen, dann sind dessen Problematik und die dazugehörige Lösung selten nur auf ihn selbst beschränkt. Denn seine Probleme können in Beziehung zum gesamten Universum stehen. Diesen Dingen müssen wir uns auf einer universellen, übergeordneten Ebene nähern. Dem Ayurveda zufolge ist Leben nicht nur dieses eine Leben, an dem wir uns gerade erfreuen. Sondern es wird als kontinuierliches Phänomen betrachtet, in dem es unterschiedliche Phasen gibt, mit Pausen dazwischen. Der Tod ist eine dieser Pausen; danach beginnt alles wieder von neuem. Was vor einer dieser Pausen geschieht, hat dann auch seinen Einfluss auf das Jetzt. Darüber wissen wir natürlich nichts. Der Ayurveda bezieht aber auch diesen Aspekt mit ein.

Der therapeutische Zugang bei einem Patienten ist auf all seine Aktivitäten ausgerichtet, auf die Reinigung des Körpers mit Hilfe bestimmter Verfahren (Shodhana) und schließlich auf die Verschreibung von Medikamenten und Ernährungsempfehlungen. Das ist der eine Aspekt. Ein anderer ist, die Auswirkung jener kosmischen Phänomene zu minimieren, die auf den Patienten einwirken.

Heutzutage fragen wir oft nach Stress, psychischen Problemen, Angst und Depressionen. Auch hier denkt der Ayurveda Arzt anders: Er glaubt nicht an die Verschreibung von Anxiolytika oder Antidepressiva, sondern geht diese Probleme auf eine andere Art an. Sein Ratschlag lautet: Bewahre deinen Geist vor schädlichen Objekten! - Was das ist? Das sind Dinge, die in unserem Geist auftauchen und uns rastlos machen, uns so Schaden zufügen. Wir müssen uns von Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen dieser Art fernhalten. Das ist natürlich nicht so einfach, aber wir müssen unseren Geist dahingehend trainieren.

Der ganzheitliche Zugang von Ayurveda bezieht auf gleicher Ebene einen kosmischen, einen körperlichen und einen geistigen Zugang mit ein. Egal ob ein Problem auf der physischen, der psychischen oder sonst einer Ebene besteht, der Ayurveda versucht nicht es vorübergehend, sondern von Grund auf zu lösen.

Wie kann das erreicht werden?

Gupta: Auf dem physischen Level haben wir ein Verfahren, das als „Panchakarma“ bekannt ist und der Reinigung des Körpers von sogenannten Akkumulationen dient, welche Störungen in unseren physiologischen Prozessen verursachen. Durch die Einnahme von Medikamenten können diese Akkumulationen nicht entfernt werden, es geht uns nur kurzfristig besser. Aber wenn diese Akkumulationen durch Reinigungsverfahren aus dem Körper entfernt werden, dann bleibt nichts mehr zurück, was mit den physiologischen Prozessen im Körper interferiert, sodass diese wieder regulär ablaufen. So braucht es oft gar keine Medikamente, alleine die Entfernung der Schadstoffe aus dem Körper reicht aus.

Wie kann man sich diese Akkumulationen vorstellen, welcher Art sind sie?

Gupta: Akkumulationen können von außen kommen. Durch Einflüsse aus der Atmosphäre rund um uns, etwa der Umweltverschmutzung, durch die Nahrung, die wir aufnehmen. Auch falsche Aktivität, zum Beispiel Rauchen, verursacht viele Akkumulationen im gesamten Körper, nicht nur in der Lunge. Wenn im Metabolismus oder während der Verdauung Abfallprodukte entstehen, die unvollständig eliminiert werden und sich ansammeln, dann sind das Akkumulationen aus dem Inneren des Körpers. Auch durch die psychische Verfassung können Substanzen produziert werden, die akkumulieren. Alles, was sich an Akkumulationen im Körper ansammelt, interferiert mit den physiologischen Funktionen des Körpers. Durch die Reinigungsverfahren im Ayurveda werden Akkumulationen entfernt, der Körper wird rein und funktioniert wieder ungestört.

Der Zugang der modernen Medizin zu psychischen Störungen besteht darin, zu blockieren. Wir meinen, dass alles im Geist Chemie ist: Wenn wir ärgerlich sind, gibt es eine chemische Reaktion, wenn wir traurig oder verliebt sind - wieder eine chemische Reaktion. Wenn wir etwas dagegen tun wollen, wird das durch eine andere chemische Reaktion blockiert. Aber das ist nur eine vorübergehende Lösung. Denn sobald diese blockierende chemische Substanz nicht mehr im Körper ist, wird die Substanz, die das Problem verursacht hat, umso aktiver. Tatsächlich produzieren sich diese chemischen Substanzen, die als Neurotransmitter beschrieben sind, ja nicht von selbst, sondern sind das Ergebnis anderer Ursächlichkeiten. Auch für psychische Probleme strebt der Ayurveda eine dauerhafte Lösung an, die nicht nur durch Veränderungen in der Neurochemie erzielt werden. Aber der Geist, die Psyche ist ein subtiles Gebilde, in dem ein grobes Mittel nicht wirken kann. Wenn man eine angemessene Wirkung erzielen will, muss man sich ihm mit subtilen Mitteln nähern. Medikamente sind nicht subtil. Sie wirken nicht auf den Geist, sondern auf das Gehirn, das der Sitz des Geistes ist, indem sie die Aktivitäten des Gehirns dämpfen oder gar blockieren. Doch der Geist ist immer noch da und aktiv, nur dass wir seine Aktivitäten verstecken. Also müssen wir uns dem Geist auf subtile Art nähern, nicht grob mit der „chemischen Keule“.

Wie stehen sie zur westlichen Medizin?

Gupta: Die westliche Medizin ist eine Form der Medizin, die wissenschaftlich orientiert ist, die wir keinesfalls ignorieren dürfen und deren Errungenschaften ich auch bewundere. Denn wenn es die moderne Medizin nicht gäbe, wären viele Probleme nicht gelöst, wie beispielsweise Infektionen oder Krankheiten, die auf die Substitution von fehlenden Stoffen angewiesen sind, wie dem insulinpflichtigen Diabetes. In allen Notfallsituationen, in denen schnelles Handeln erforderlich ist, gibt es keine Alternative zur konventionellen Medizin. Aber meinem Gefühl nach gibt es für chronische Leiden, besonders für Krankheiten, die durch den modernen Lebensstil verursacht werden bis hin zu Autoimmunerkrankungen, keine wirklich guten Lösungen in der konventionellen Medizin. Ayurveda hat hier die besseren Konzepte.

Doch es ist nicht die Medizin an sich, die falsch ist. Der therapeutische Zugang, die Behandlungen selbst gehen in die falsche Richtung. Leider werden in der westlichen Medizin die Dinge mehr und mehr mechanistisch betrachtet. Weniger humanistisch. Selbst wenn ich spüre, dass im Körper etwas nicht stimmt, wenn eine Maschine etwas anderes sagt, dann werde ich meinem Gefühl nicht glauben. Und wie oft kann man beobachten, dass ein Gerät etwas Falsches anzeigt, wir ihm glauben, dementsprechend handeln und völlig falsche Entscheidungen treffen! In der konventionellen Medizin verlieren wir schrittweise unseren praktischen klinischen Verstand und werden immer abhängiger von Laborbefunden. Die Medizin an sich ist nicht schlecht, aber unser Umgang damit wird immer fragwürdiger.

Wie wird sich Ayurveda Medizin in westlichen Ländern wie Deutschland und Österreich Ihrer Einschätzung nach entwickeln?

Gupta: Wir sollten offenere Augen und eine offenere Einstellung haben. Wenn uns das Wohlergehen der Menschen wirklich ein Anliegen ist, sollten wir damit aufhören, in Kategorien wie konventionelle Medizin, Homöopathie, Ayurveda oder sonst einem System zu denken und dazwischen Grenzen zu ziehen. Was gut ist - egal ob in der Allopathie, der Homöopathie oder im Ayurveda, sollten wir akzeptieren. Nur dann sind wir Ärzte. Sonst sind wir bloß Geschäftsleute. Als Ärzte müssen wir ausschließlich das Wohl unserer Patienten im Auge haben und alles dafür tun. Erst wenn ich anfange, so zu denken, werde ich zum Arzt. Ist es mein Karma, meine Patienten bestmöglich zu behandeln, dann gibt es keine Grenzen. Dann werde ich über moderne Medizin, Ayurveda, Homöopathie und alles andere nachdenken, was hilfreich ist. Ich sage nicht dass es verkehrt ist, konventionelle Medizin anzuwenden - Betablocker, Blutzuckersenker, Insulin oder sogar Antikörper einzusetzen. Das kann man alles anwenden, aber wenn sie es mit dem ayurvedischen Denken einsetzen, wird es für den Patienten noch heilsamer sein. Wenn im Vordergrund nicht das Wohl des Patienten steht, sondern der Gedanke, möglichst viel Geld zu verdienen, dann ist das überall verkehrt, egal ob in der westlichen Medizin, im Ayurveda oder in jedem anderen System.

Das Gespräch führte Dr. Claudia Mainau

Dr. Claudia Mainau, komplementärmedizin 1/2015

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