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© Marion Beckhäuser
Maximilian Moser Human Research Institut, Weiz
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Komplementärmedizin 10. November 2014

Die Heilkraft des Wassers

Interdisziplinäres Symposium der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin.

Die moderne Wissenschaft enthüllt immer mehr Geheimnisse rund um den Mythos Wasser - eine zentrale Voraussetzung für unser Leben. Auf einem von der GAMED - Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin organisierten Kongress diskutierten Anfang November 2013 in Wien namhafte nationale und internationale Experten aus unterschiedlichsten Perspektiven über die Rolle des Wassers für die Gesundheit des Menschen.

„Ziel dieses internationalen Kongresses war es, Vertreter von mitunter sehr unterschiedlichen Denkansätzen die Möglichkeit zu geben, ihre wissenschaftlichen und persönlichen Erkenntnisse zum Thema Wasser und seiner Bedeutung für die Gesundheit des Menschen darzustellen“, betonte Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Marktl, Präsident der GAMED und wissenschaftlicher Leiter des Symposiums. Das Spektrum reichte von Physiologie, Psychologie, Philosophie und Ethnologie über Musik, Chemie und Mathematik bis hin zu Geburtshilfe und Medizin.

Die Bedeutung des Wassers für unseren Organismus reicht von lebensnotwendig über wohltuend und heilend bis hin zu lebensbedrohlich. Im Gesundheitswesen und in der Medizin manifestiert sich die gesundheitliche Bedeutung sowohl bei peroraler Zufuhr als auch bei Anwendungen an der Haut und an den Schleimhäuten. Bei jeder Art von Wasseranwendungen spielen chemische und physikalische Wirkfaktoren eine Rolle. Darüber hinaus wirkt Wasser in vielfältiger Weise auf unsere Psyche ein. Zunehmend wird auch seine Rolle als Informationsträger oder sogar -speicher ergründet.

Daraus ergibt sich ein breites Spektrum möglicher Wirkungen auf den Menschen und unzählige Arten der Anwendung bzw. des Kontaktes mit Wasser - als Trink- und Heilwasser über Heilbäder bis hin zu Wassergeburten oder Wasserritualen. Besonders praxisrelevant bzw. alltagstauglich sowohl für Ärzte als auch Laien waren die Vorträge von Univ.-Prof. Dr. Maximilian Moser, Physiologisches Institut der Medizinischen Universität Graz, Gründer und Leiter des Joanneum Research Institutes für Nichtinvasive Diagnostik, jetzt Human Research Institut in Weiz, Steiermark, zum Thema Wasser und biologische Rhythmen sowie von Dr. Heinz Schiller über Wasser als eine Säule der Kneippmedizin.

Wasser als Rhythmusgeber

In einem gesunden Organismus arbeiten alle Organe in biologischen Rhythmen synchronisiert zusammen. Störungen dieses Einklangs- beispielsweise durch Stress, Zeitdruck, spätes Schlafengehen, den hohen Blaulichtanteil von Computer- und TV-Bildschirmen etc. - führen langfristig zu Krankheiten. „Noch lange bevor es tatsächlich so weit kommt, lassen sich Rhythmusveränderungen mittels chronobiologischer Methoden messen und mit einfachen Mitteln und geringen Kosten im Sinne einer Krankheitsprävention normalisieren“, betonte Moser. Zum Ausgleich sollten „Rhythmusgeber“ in den Alltag eingebaut werden, z.B. ausreichend Schlaf, regelmäßige Erholungspausen, angenehme Wochenenden, Kuren und Aufenthalte am Wasser.

Denn Wasser ist ein besonders wirksamer Rhythmusgeber. Der Aufenthalt am Wasser lässt sich mit großem Erfolg therapeutisch einsetzen, wie die Ergebnisse des Seenwellness®-Projektes in Kärnten, durchgeführt vom Human Research Institut gemeinsam mit dem Institut für Psychologie der Universität Klagenfurt, Leitung Prof. Mag. Dr. Philipp Mayring, belegen. Untersucht wurden die unmittelbaren und nachhaltigen gesundheitlichen Auswirkungen eines dreiwöchigen Urlaubes an einem See anhand chronobiologischer Messungen. Dazu wurden die Herzrate, der Vagustonus und die Schlafqualität während und regelmäßig nach dem Urlaub ausgewertet.

Erholung durch Urlaub am Wasser

„Bereits in der ersten Urlaubswoche zeigten sich deutliche positive Effekte, die auch noch nach sechs Monaten mehr oder weniger stark erhalten waren“, berichtete Moser. „Die Herzrate sank, der Vagustonus und die Schlafqualität stiegen, eine Vielzahl subjektive Beschwerden von Schwächegefühl, Müdigkeit, innerer Gespanntheit und trüben Gedanken, Konzentrationsfähigkeit, bis hin zu Sodbrennen oder Schluckproblemen verbesserten sich deutlich, manche Verbesserungen waren sogar bis zu einem Jahr signifikant nachweisbar.“

Eine reduzierte Herzrate ist nicht zuletzt deshalb relevant, weil sie nachweislich mit einer höheren Lebenserwartung verbunden ist (Jouven et al, PLOS one 2011;DOI: 10.1371/journal.pone.0021310).Der Vagustonus spielt eine zentrale Rolle für die Kontrolle der stetig im Körper ablaufenden Entzündungsprozessen und die Kommunikation zwischen dem vegetativen Nervensystem und dem Immunsystem (Tracey, Nature vol 420, 2002). Normalerweise „patrouillieren“ weiße Blutkörperchen auf der Suche nach Veränderungen an den Wänden der Blutgefäße entlang. Haben sie eine Entzündung entdeckt, wandern sie in das betroffene Areal ein, werden zu Makrophagen (zu Deutsch „Großfresser“) und greifen Bakterien, abgestorbene Zellen und Krebszellen an. Sie geben dabei auch Botenstoffe wie den Tumornekrosefaktor-alpha und Interleukin-1 ab. Rezeptoren an den sensorischen Vagusfasern melden das Vorhandensein der Entzündung an das Gehirn. Über einen Reflex kommt es zu einer Umschaltung auf die motorischen Vagusfasern, die wiederum den Botenstoff Acetylcholin abgeben. Dieser dämmt die Makrophagen-Aktivität ein, sodass sie sich quasi nach getaner Arbeit wieder beruhigen und keinen Schaden anrichten können. Dadurch wird die Entzündung „gelöscht“. Ist der Vagustonus erniedrigt - wie dies bei unserem heutigen Lebensstil häufig der Fall ist - werden die Entzündungen hingegen nicht vollständig zum Abklingen gebracht, sondern chronifizieren bzw. die Makrophagen greifen körpereigene Strukturen an. Daraus entwickeln sich unmittelbar, mittelbar oder als Folge verschiedenste Erkrankungen, die uns als moderne Zivilisationskrankheiten geläufig sind - von Autoimmun- und Immunkrankheiten über Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes bis zu Alzheimer-Demenz (C Nathan, Nature2002; vol 420, pp846ff).

Eine gute Schlafqualität ist wiederum eine Voraussetzung dafür, dass wir uns nach stressigen Arbeitstagen ausreichend erholen können. Bei Schlafstörungen steigt die Gefahr von dauerhafter Erschöpfung bis hin zum Burnout.

Das Seenwellness®-Projekt zeigte sich eine klare „Dosiswirkungs- beziehung“, also einen direkten Zusammenhang zwischen der durchschnittlichen täglichen Aufenthaltsdauer am Wasser und positiven Effekten: Ab einer Dauer von zwei Stunden täglich stiegen beispielsweise Verbesserungen des psychischen Gleichgewichts und der Schlafqualität linear an. „Ein direkter Vergleich ergab weiters, dass ein Aktivurlaub wie z.B. eine Bildungsreise deutlich weniger erholsam ist“, so Moser.

Physikalischer Reiz des Wassers

Wasseranwendungen können auch auf physikalischer Basis Krankheiten vorbeugen und heilen. „Sie sind eine zentrale Säule der im 19. Jahrhundert etablierten Kneippmedizin, die mit ihrem ganzheitlichen Ansatz Körper, Geist und Seele als Einheit anspricht“, erklärte Dr. Heinz Schiller, Arzt für Allgemeinmedizin und Kneippkurarzt im Kneipptraditionshaus in Bad Mühllacken, Oberösterreich. Kneipp-Wassertherapien wirken regulierend auf den Organismus und und erfordern nur einen minimalen Aufwand. Eine besonders einfache und kurze Anwendung ist z.B. der kalte Knieguss. „Er ist - neben anderen positiven Effekten - die einzige tatsächlich wirksame Prophylaxe gegen Venenerkrankungen“, so Dr. Schiller.

Die Auswirkungen der Wasseranwendungen sind messbar und häufig auch direkt sichtbar: Nach einem nur zehn Sekunden dauernden kalten (7 °C) oder heißen (43 °C) Guss ziehen sich die kleinsten Blutgefäße kurz zusammen, um sich anschließend zu erweitern, die Durchblutung steigt, die Haut färbt sich rot.

Die Wirkung erstreckt sich auf den ganzen Körper: So steigt die Durchblutung steigt nach einem kalten Knieguss bis in die Fingerspitzen und nach Wechselarmbädern auch in den Beinen. Der hydrostatische Druck, der während des Bades auf den Körper einwirkt, sorgt für eine massive, zeitlich begrenzte Blutumverteilung in den Brustkorb und regt die Herztätigkeit an - ein vielfach erwünschter Trainingseffekt, aber auch eine Gefahr bei geschwächtem Herz.

Ein wichtiger Bestandteil der Kneipptherapie ist die Anwendung von Pflanzenheilmitteln wie etwa ätherischer Öle. Bei einem Fichtennadelölbad beispielsweise wird der Großteil der Wirkstoffe nicht - wie lange Zeit angenommen - über die Atemwege, sondern über die Haut aufgenommen und erst nach dem Bad langsam ins Blut abgegeben. „Dies gewährleistet eine nachhaltige und bei mehrwöchiger kurmäßiger Anwendung sogar noch steigende Wirkung“, betonte Dr. Schiller.

Redaktion:

Dr. Monika Steinmaßl-Wirrer

Quelle: Symposium „Die Heilkraft des Wassers“, 8.-9. November 2013, Wien

Monika Steinmaßl-Wirrer, komplementärmedizin 4/2014

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